Den Text erleiden
Übersetzt von Alisha McPherson

Bei einer Protestkundgebung von Jüd:innen gegen den Völkermord in Gaza steigt jemand auf einen Klappstuhl und stimmt den Anfang von Eikha an – dem Buch der Klagelieder, das jedes Jahr an Tischa beAv gelesen wird. „Wie einsam sitzt die Stadt, die einst so voll mit Menschen war!“ Die Menge murmelt mit. Die Parallele ist schnell gezogen: Jerusalem, zerstört von den Babyloniern, und Gaza, zerstört von der israelischen Armee. Trauernde Mütter, zu Schutt gemachte Häuser, eine Stadt ihrer Kinder beraubt. Wir kennen diesen Schmerz, sagt der Redner. In Tischa beAv spiegelt sich der palästinensische Völkermord. Es ist bewegend und soll es auch sein. Doch mir zieht sich der Magen zusammen.
Ich kenne diese Verse. Sie sind nicht als universelle Klage gedacht. Sie enden mit der Sehnsucht nach Rückkehr, nach dem Wiederaufbau des Tempels, nach der Wiederherstellung jüdischer Souveränität. In der Liturgie von Tischa beAv ist Exil kein geteilter Zustand, sondern eine Wunde, die durch Heimkehr und Wiederaufbau der Mauern geheilt werden soll. Kein Aufruf zu offenen Grenzen, vielmehr der Traum unserer eigenen Festung.
Eikha ist vor allem ein Text der Verwüstung. Seine Verse verweilen bei Hunger, zerstörten Mauern und der Erniedrigung einer besiegten Stadt. Ich kann den Impuls verstehen, eine Analogie zu Gaza zu ziehen. Eikha klingt wie eine Klage über jede verwüstete Stadt, seine Grammatik der unmittelbaren Trauer und Solidarität scheint sich leicht transportieren zu lassen. Doch diese Trauer ist nicht abstrakt oder universell; sie gehört einem „Wir“, dem Wir des biblischen Jerusalems und des Tempels. Der Verlust ist bundestheologisch – und die imaginierte Wiederherstellung auch. Die abschließende Bitte des Buches – „Führe uns zu dir zurück, O Herr, dann kehren wir um; erneuere unsere Tage wie einst“ (5,21) – ist ein spirituelles Begehren, untrennbar mit politischer Geografie verknüpft. In der biblischen Theologie bedeutet die Rückkehr zu Gott zugleich die Rückkehr ins Land, zum Tempel und zur kollektiven Souveränität. Diese Verflechtung von Trauer und Hoffnung auf Erneuerung hat Eikha über Jahrhunderte hinweg zu einer naheliegenden Ressource für restaurative Lesarten gemacht. Es ist genau diese Verflechtung zwischen Verlust und Rückkehr, die es mir unmöglich macht, den Text nur als universelle Klage zu lesen.
Ich kann Eikha nicht dazu bringen, „Free Gaza“ zu sagen. Seinen Text kann ich nur erleiden.
In diasporischen jüdischen Kontexten, in denen ich seit dem 7. Oktober in Deutschland und den USA gewesen bin, ist diese Art der Lektüre verbreitet: Man nimmt einen jüdischen Text, schleift seine Kanten ab, biegt ihn so lange, bis er die eigene politische Haltung bestätigt. Das Ergebnis ist eine Art textuelle Heimkehr: das Vergnügen, die jüdische Überlieferung bereits auf der eigenen Seite zu finden. In Die Lust am Text nennt Roland Barthes dieses Phänomen plaisir: die eindeutige Befriedigung, sich im Text wiederzuerkennen, die Wärme seiner Bestätigung zu spüren. Dem stellt er jouissance, die Ekstase gegenüber – jenen Moment, in dem ein Text widerständig bleibt, irritiert und sich den eigenen Wünschen verweigert. Auf dem Platz kann sie in Verdrängung übergehen: die Weigerung, die Tradition ihre unbequemeren Wahrheiten aussprechen zu lassen. Lust ist reibungslos und beruhigend; Ekstase ist riskant.
Bei diesen Protesten und in Essays seit Oktober 2023 kann ich beobachten, wie diese Lust am Werk ist – eine diasporische Lust: die Freude, zu entdecken, dass unsere Lektüre jüdisches Gedächtnis mit einer anti-genozidalen Politik in Einklang bringen kann. Doch meine Lektüre, geprägt vom Aufwachsen in Israel, gewährt diese Harmonie nicht. Mein Judentum war von Anfang an mit Nationalismus verflochten. Eikha wurde mir als Beweis für Gottes Versprechen gelehrt, eine bestimmte zerstörte Stadt wiederherzustellen – nicht alle Städte. Die politische DNA der Rückkehr (Wiederherstellung, ein souveränes Zentrum) sitzt im Text und in mir. Ich kann sie nicht herauslösen. Für mich bietet der Text keine Lust, sondern nur Widerstand. Genau das, was Barthes vielleicht Ekstase nennen würde – auch wenn es sich für mich eher wie Reibung anfühlt. Der Text gibt nicht nach. Er beharrt auf seiner eigenen Geschichte, seiner eigenen Politik. Es bewahrt mich davor, so zu tun, als habe der Text im Grunde immer schon meiner Position zugestimmt. Ich kann Eikha nicht dazu bringen, „Free Gaza“ zu sagen. Seinen Text kann ich nur erleiden.
Den Text öffnen
Was ich an Eikha beobachte, ist nur ein Beispiel für eine weit verbreitete Gewohnheit in jüdisch-linken politischen Räumen. Auf Demonstrationen und in progressiven jüdischen Plattformen begegnet man immer wieder derselben Bewegung: zu behaupten, Zionismus habe nichts mit jüdischer Schrift zu tun, die Tradition sei ihrem Wesen nach diasporisch und grundsätzlich universalistisch, und ihre „wahre“ Botschaft sei Tikkun Olam – die „Reparatur der Welt“. Das ist eine beruhigende Erzählung. Sie erlaubt uns, jüdische Textualität als lange, ungebrochene Kette anti-unterdrückerischer Ethik zu begreifen, ein Erbe, das erst kürzlich vom Nationalismus gekapert worden sei.
Einen Text zu erleiden heißt, in Beziehung zu bleiben, ohne Versöhnung zu erzwingen – sich von ihm verwunden zu lassen und dem Reflex zu widerstehen, ihn nach dem eigenen Bild umzuformen.
Doch diese Lesart hat ihren Preis. Sie glättet die jüdische Textgeschichte zu einem einzigen moralischen Register und entfernt alles, was nicht passt. Dieselbe Tora, die Fürsorge für den Fremden gebietet, befiehlt auch die Eroberung des Landes: „Wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land bringt … sollst du sie dem Bann weihen. Schließe keinen Bund mit ihnen und erweise ihnen kein Erbarmen“ (Dtn 7,1–2). Die biblische Ethik ist oft untrennbar mit dem Projekt verbunden, ein Territorium zu nehmen, zu halten und zu reinigen. Selbst unsere lyrischsten Klagen können denselben restaurativen Kern tragen. Psalm 137, im Exil gesungen, beginnt mit dem Bild eines Volkes, das an den Flüssen Babylons weint und schwört, Jerusalem nie zu vergessen. Es endet mit der grotesken Fantasie eines Rachewunsches: „Wohl dem, der deine Kinder packt und sie am Felsen zerschmettert.“ Die Sehnsucht nach Rückkehr ist hier untrennbar mit dem Wunsch verbunden, jene zu bestrafen, die uns vertrieben haben oder unser Land bewohnen. Das sind keine marginalen Kuriositäten. Sie zeigen, wie leicht eine moralische Vision und eine Politik der Ausgrenzung im selben Vers koexistieren können. All dies auf Tikkun Olam zu reduzieren, heißt, eine widersprüchliche, vielstimmige Tradition in eine sichere Marke zu verwandeln – und jene Teile unseres Erbes auszulöschen, die Gewalt befördert haben und noch befördern.
Mit „den Text erleiden“ meine ich keinen frommen Masochismus. Ich meine die Weigerung, das Vorhandene zu überschreiben. Einen Text zu erleiden heißt, in Beziehung zu bleiben, ohne Versöhnung zu erzwingen – sich von ihm verwunden zu lassen und dem Reflex zu widerstehen, ihn nach dem eigenen Bild umzuformen. Darin liegt eine Ethik: eine Verweigerung der Aneignung (ich mache den Text nicht zur Geisel meiner Politik; sagt er nicht, was ich will, tue ich nicht so, als täte er es); eine Verweigerung des Auslöschens (ich behaupte nicht, die Tradition sei immer schon Befreiungstheologie gewesen); eine Verweigerung des Komforts (ich tue nicht so, als hätten wir ein „reines“ Erbe, wenn es doch von Eroberung, Ausschluss und theokratischer Sehnsucht durchzogen ist).
Barthes hilft hier – aber mit einer Veränderung. Der „Tod des Autors“ wird oft als Freibrief gelesen: Da Bedeutung nicht den Autor:innen gehört, können wir lesen, wie wir wollen. Doch die Offenheit des Textes entbindet uns nicht von seiner Andersartigkeit. Sie verpflichtet uns, den vielen Stimmen des Textes zu begegnen – auch denen, die unserer entgegenstehen –, ohne sie nach unserem Belieben aufzulösen. Barthes schreibt: „Der Text ist ein Fetischobjekt, und dieser Fetisch begehrt mich.“ In einer diasporischen Lust-Lektüre scheint dieser Fetisch dich sanft zu lieben. In meiner Lektüre will er etwas, das ich ihm nicht geben kann. In diesem Missverhältnis finde ich Verantwortung statt Versöhnung.
Vielleicht besteht die Aufgabe heute also nicht darin, darauf zu beharren, unsere Tradition sei schon immer progressiv gewesen, ihre Kanten zu glätten, sondern darin, die Reibung auszuhalten – Gewalt, Exzeptionalismus, Isolationismus und restaurative Sehnsucht sichtbar zu lassen und dann bewusst zu entscheiden, was wir nicht weitertragen.
Tradition finden
Diese Haltung ist der jüdischen Texttradition nicht fremd. Sie hat lange bewahrt, was ihr schwierig erschien. Der Talmud lässt verworfene Meinungen im Kanon stehen, manchmal mit dem Hinweis lo kakh haya ma’aseh – „so hat es sich nicht zugetragen“ –, ohne sie zu tilgen. Mittelalterliche Kommentatoren markieren Verse als kasheh – „schwierig“ –, ohne sie aufzulösen. Der Midrasch vervielfacht widersprüchliche Lesarten, statt sie zu harmonisieren, und unsere Literatur des Widerspruchs – Abraham, der mit Gott ringt, Mose, der Erbarmen fordert, Hiob, der fromme Antworten verweigert – zeigt ein Verhältnis zum Heiligen, das keine Zustimmung braucht, um Nähe zu bewahren. Wir haben also Formen, mit Texten zu leben, die verletzen – und diese Verletzung sichtbar zu halten.
Den Text zu erleiden heißt daher nicht, ihn aufzugeben. Es ist eine Form von Treue, die sich weigert, die Tradition harmlos zu machen. Sie behandelt den Kanon nicht als Spiegel, sondern als Gegenüber, das wir nicht einfach abstreifen können. Sie würdigt die Überlieferung, indem sie sie auch in Registern sprechen lässt, die wir ablehnen – und sie würdigt unsere politische Haltung, indem sie unsere Überzeugungen nicht an eine kuratierte Vergangenheit delegiert.
In einer Zeit, in der Sprache von Rückkehr und göttlichem Versprechen benutzt wird, um Massentötung, ethnische Säuberung und Besatzung zu verteidigen, besteht unsere Aufgabe nicht darin, die Kanten der Texte abzuschleifen, sondern ihre Schärfe zu spüren.
Den Text zu erleiden heißt auch, zu entscheiden, wann man Schrift nicht zitiert – und ehrlich zu sein, wenn man es doch tut. Wenn ein Vers unsere gegenwärtige Trauer erhellt, kann man das sagen; wenn er uns zurück in Festungsfantasien zieht, ebenso. In der Lehre heißt das, Eikha als Text restaurativer Sehnsucht zu behandeln – und zugleich darauf zu bestehen, dass unsere heutige Ethik nicht auf dem Versprechen wiedererrichteter Mauern beruhen kann. Vor allem aber heißt es, der Politik den Vorrang zu lassen. Wenn „Rückkehr“ benutzt wird, um Enteignung zu rechtfertigen, dann besteht die ethische Aufgabe darin, Enteignung zu bekämpfen – nicht darin, einen Gegenvers zu finden, der uns schmeichelt. Ziel des Lesens ist nicht, die Schrift als Sprecher zu rekrutieren, sondern genauer darin zu werden, was wir annehmen und was wir zurückweisen.
Den Text zu erleiden heißt nicht, die jüdische Tradition aufzugeben. Es heißt, sie nicht zu vereinfachen. In einer Zeit, in der Sprache von Rückkehr und göttlichem Versprechen benutzt wird, um Massentötung, ethnische Säuberung und Besatzung zu verteidigen, besteht unsere Aufgabe nicht darin, die Kanten der Texte abzuschleifen, sondern ihre Schärfe zu spüren. Den Text zu erleiden hält uns ehrlich. Es erinnert uns daran, dass Solidarität nicht darauf beruht, unser Erbe als immer schon rein darzustellen, sondern darauf, uns dem zu stellen, was darin zurückgewiesen werden muss – und uns bewusst zu entscheiden, anders zu handeln.
Wenn Lust manchmal eine Heimkehr verspricht, werden Leser:innen, die den Text erleiden, diese Heimkehr nie erlangen. Was wir stattdessen haben können, ist Klarheit: eine Praxis des Lesens, die die verletzende Kraft des Textes anerkennt und sich weigert, diese Verletzung weiterzugeben. Das ist nicht pessimistisch. Es ist eine Weise, in der Tradition zu bleiben und zugleich politisch verantwortlich zu handeln – und in beidem ehrlich zu sein.

