Gute Juden, schlechte Juden
Übersetzt von Gala Rexner

Am 29. April griff ein Mann mit einem Messer zwei Männer in Golders Green an, einem bekannten jüdischen Viertel im Norden Londons. Der Angriff folgte auf eine Reihe antisemitischer Vorfälle im Vereinigten Königreich, darunter die Brandstiftung an Krankenwagen der orthodoxen Gemeinschaft im selben Londoner Viertel sowie die tödliche Messerattacke auf zwei Betende in einer Synagoge in Manchester im Jahr 2025. Als Reaktion darauf drohte die britische Regierung mit einem Verbot pro-palästinensischer Gruppen; zugleich wetterten zentristische und rechte Politiker:innen im Vorfeld der Regionalwahlen im Mai gegen die Grünen und warfen ihr vor, antisemitische Gewalt nicht ernst genug zu nehmen.
In diesem Gespräch, das am 5. Mai stattfand und ursprünglich im Equator Magazine veröffentlicht wurde, spricht der Journalist Gavin Jacobson mit dem Historiker Barnaby Raine über den Anstieg des Antisemitismus im Vereinigten Königreich und darüber hinaus. Das ausführliche und analytisch scharfe Gespräch behandelt unter anderem die mediale Darstellung antisemitischer Gewalt, die Herausforderungen, vor denen die Linke in der gegenwärtigen Situation steht, sowie die Rolle des Zionismus bei der Hervorbringung dieser Bedingungen.
The Diasporist veröffentlicht diese Übersetzung, um deutschsprachigen Leser:innen Zugang zu den darin entwickelten Analysen zu ermöglichen und so die Debatten hierzulande zu vertiefen und zu erweitern. Auch wenn sich Raines Aussagen auf den britischen Kontext konzentrieren, betreffen viele seiner Argumente – etwa zur Reaktion auf die Instrumentalisierung von Antisemitismus, zum Potenzial eines radikalen Universalismus oder zur Rolle Israels bei der Verschiebung des Diskurses – ebenso Fragen, mit denen Deutschland konfrontiert ist.
Mit dieser Übersetzung setzt the Diasporist seine Reihe fort, internationale Debatten über Antisemitismus auf Deutsch zugänglich zu machen – mit dem Ziel, den Horizont eines ansonsten oft provinziellen und in sich geschlossenen Diskurses zu erweitern. In der Vergangenheit haben wir bereits Texte aus den Vereinigten Staaten und Frankreich übersetzt und dabei analytische Perspektiven hervorgehoben, die nationale Grenzen überschreiten.
Wie immer freut sich the Diasporist über Zuschriften zu allen Texten, die wir veröffentlichen oder übersetzen. Schreiben Sie uns an [email protected].
— Die Redaktion
Das folgende Gespräch erschien ursprünglich im Equator Magazine.

Gavin Jacobson: Die jüngsten Angriffe auf jüdische Ziele in London haben landesweit Alarm ausgelöst. Die Presse hat darauf bestanden, dass wir einen beispiellosen Anstieg des Antisemitismus erleben. Wie fühlt sich dieser Moment vor Ort an, und was glauben Sie, was gerade geschieht?
Barnaby Raine: Letzten Oktober war ich an Jom Kippur in der Synagoge, als wir die Nachricht hörten, dass eine Synagoge in Manchester angegriffen und zwei Menschen ermordet worden waren. Seitdem hat die Gewalt gegen Juden zugenommen: Synagogen in Finchley und Wembley wurden mit Brandbomben angegriffen, ein jüdisches Geschäft in Watford wurde in Brand gesetzt, und vier Krankenwagen der jüdischen Gemeinde wurden bei einem gezielten Brandanschlag in Golders Green zerstört – demselben Viertel, in dem später zwei Männer niedergestochen wurden. Im sogenannten jüdischen „Bagel-Belt“ im Norden Londons herrscht tatsächlich das Gefühl, unter Belagerung zu leben. Jüdische Schulen stehen bereits unter bewaffnetem Schutz; inzwischen fühlt es sich gefährlich an, überhaupt in religiöser Kleidung auf die Straße zu gehen.
Der Staat, die Medien und viele Gemeindeführer:innen haben diese Krise als Folge der weit verbreiteten Empörung über den Genozid in Gaza dargestellt – was sich in ein Narrativ von „muslimischer Wut“ einfügt. Keir Starmer hat Verhaftungen wegen Parolen wie „globalise the intifada“ gefordert. Jonathan Hall, ein führender Rechtsanwalt, der als unabhängiger Gutachter der Regierung für Antiterrorgesetze tätig ist, behauptete, es sei „unmöglich“, dass Pro-Palästina-Demonstrationen keinen Antisemitismus „ausbrüten“. Viele führende politische Akteur:innen haben ein Verbot dieser Proteste gefordert. Der Autor Howard Jacobson erklärte diese Woche, dass er bei diesen Protesten den Ruf „Vergast die Juden“ höre – obwohl, wie er betonte, ihn tatsächlich niemand ausspreche.
Wir erleben eine gefährliche Annäherung zwischen der politischen Mitte und der extremen Rechten. Ein Moderator des rechten Fernsehsenders GB News erklärte auf einer Kundgebung gegen Antisemitismus: „Wenn wir [den Islam] nicht anprangern, werden wir verdammt nochmal ermordet werden“, während Nigel Farage Golders Green besucht, um der Regierung vorzuwerfen, britische Muslime zu „beschwichtigen“. Gleichzeitig hat der Staat zusätzliche 25 Millionen Pfund für Polizeimaßnahmen zugesagt, und der Leiter der Metropolitan Police, Mark Rowley, hat spezielle Polizeieinheiten in jüdischen Vierteln gefordert. Die britischen Grünen werden als „weich“ gegenüber Antisemitismus verleumdet, und ihr Vorsitzender Zack Polanski – der einzige jüdische Vorsitzende einer großen britischen Partei – wurde von Rowley öffentlich gerügt, weil er das Verhalten der Polizei bei der Festnahme des Angreifers von Golders Green infrage gestellt hatte.
Der gegenwärtige öffentliche Diskurs über Antisemitismus wird also von zwei Behauptungen bestimmt. Erstens, dass Juden Opfer von Muslimen und der pro-palästinensischen Linken seien, und zweitens, dass die angemessene Antwort auf Rassismus eine aggressivere Polizeiarbeit sei. Während Farage in Golders Green applaudiert wird, wird Starmer kritisiert. Dieser Deutungsrahmen verschiebt den gesamten Diskurs nach rechts und erlaubt es der extremen Rechten, sich als die „einzig wahren Verteidiger“ der Juden zu inszenieren, weil sie am bereitwilligsten Muslime ins Visier nimmt.
GJ: Was sind heute die Bedingungen für den zunehmenden Antisemitismus?
BR: Der unmittelbare Auslöser ist die bewusste Gleichsetzung der Handlungen Israels mit jüdischen Menschen. Indem der israelische Staat seine Gewalt in Gaza mithilfe biblischer Analogien erzählt (wie dem Gebot, „Amalek zu vernichten“) und mit jüdischen Symbolen Ruinen schändet sowie gefolterte Gefangene brandmarkt, präsentiert er sich selbst als Antwort auf die jüdische Geschichte. Er definiert sich rechtlich nicht als Staat seiner Bürger:innen, sondern als Staat aller Juden, verleugnet damit gleichzeitig die Palästinenser und beansprucht moralische Autorität als historische Wiedergutmachung für den Holocaust. Angesichts dieser Gleichsetzung überrascht es nicht, dass manche Menschen, die entsetzt über den Genozid sind, fälschlicherweise zu dem Schluss kommen, dass sich diesen Handlungen entgegenzustellen, bedeutet, Juden bekämpfen zu müssen.
Antisemitismus nimmt heute zu, weil er jenen, die im Nachhall aufeinanderfolgender historischer Niederlagen leben, eine Sprache des Unmuts bietet.
Um einen Begriff zu verwenden, den Israel selbst popularisiert hat: Der israelische Staat behandelt Diaspora-Juden als menschliche Schutzschilde. Sie versuchen, uns mit Israel zu verbinden und ermutigen faktisch damit Menschen dazu, uns anzugreifen, um sie anzugreifen. Sie bringen uns in die Schusslinie, indem sie unsere Identität an ihren Genozid binden. Diaspora-Juden beteiligen sich manchmal vielleicht bereitwillig an dieser Gleichsetzung, aber das ändert nichts daran, dass Israels Politik von einem zynischen Versuch der Selbstverteidigung geprägt ist, der Juden im Ausland aktiv gefährdet. Antisemiten, die israelische Gewalt als eine besondere „jüdische Pathologie“ behandeln, schwimmen in den Gewässern, die Israel speist.
Dies geschieht im Kontext einer tieferen gesellschaftlichen Krise. Antisemitismus nimmt heute zu, weil er jenen, die im Nachhall aufeinanderfolgender historischer Niederlagen leben, eine Sprache des Unmuts bietet. Seit dem Zusammenbruch der großen emanzipatorischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts, signalisiert durch das „Ende der Geschichte“ 1989, erleben wir, wie der gesellschaftliche Kampf für eine bessere Welt nach dem 11. September durch einen rassifizierten „Kampf der Kulturen“ ersetzt wurde. Die Finanzkrise von 2008 schuf ein verzweifeltes Bedürfnis nach einer Sprache des Anti-Elitismus. In diesem Vakuum wird Antisemitismus wirkungsmächtig. Er bietet eine Möglichkeit, Unzufriedenheit mit Ohnmacht auszudrücken, wenn echter gesellschaftlicher Wandel unmöglich erscheint und Politik als Form rassischer und kultureller Konflikte erzählt wird.
GJ: In dieser Woche gab es viele Forderungen nach dringendem Handeln gegen Antisemitismus in Großbritannien – hilft das Juden zu schützen?
BR: Westliche Politiker behaupten, bedrohte Juden zu schützen – während sie Minderheiten normalerweise als Bedrohungen behandeln – weniger wegen jüdischen Einflusses als vielmehr deshalb, weil dieses Narrativ einer politischen Agenda dient. Das Bild von Juden, die von Muslimen und den „Verdammten dieser Erde“ bedroht werden, ist ein mächtiges Werkzeug für die extreme Rechte; deshalb besucht Nigel Farage Golders Green.
Hier wird eine besondere „eternalistische“ Theorie des Antisemitismus genutzt: Antisemitismus sei „der älteste Hass“, verwurzelt in Psychologien des Ressentiments und des Anti-Elitismus. Während weiße Vorherrschaft Schwarze typischerweise als dumm und körperlich bedrohlich imaginiert, stellt der Antisemitismus Juden als listig und intellektuell dar. Antisemitismus versteht sich selbst als Revolte gegen konzentrierte Macht. Das macht ihn zu einem attraktiven Feindbild für Konservative, die ihn hinter jeder Form von Radikalismus vermuten.
Doch das ist ein Missverständnis der spezifisch rassifizierten Qualität des Antisemitismus. Verstanden als eine Form von vermeintlichem Anti-Elitismus, wird im Antisemitismus gesellschaftliche Macht als biologisches oder kulturelles Problem dargestellt, das durch eine rassische Pathologie ausgelöst wird. Deshalb wird die Bekämpfung des Antisemitismus als Angriff auf die Unzufriedenheit mit den Machtverhältnissen dargestellt, statt als Angriff auf Denkweisen, die Politik als unlösbaren rassischen Konflikt begreifen.
Fast zwei Jahrtausende lang wurden Juden als die zentralen „Anderen“ der christlichen Zivilisation identifiziert – ihre semitische fünfte Kolonne. Heute werden wir auf andere Weise benutzt, um denselben Interessen zu dienen: indem man uns als Alibi westlicher Gewalt positioniert, als Opfer ihrer radikalen Kritiker. Dieser Post-Holocaust-Wandel von offenem Antisemitismus zu Philosemitismus unter europäischen und nordamerikanischen Eliten erinnert an den alten jiddischen Witz: „Ein Philosemit ist nur ein Antisemit, der zufällig Juden liebt.“
Die große Ironie besteht darin, dass die politische Linke ständig des Antisemitismus bezichtigt wird, obwohl Judenfeindlichkeit tatsächlich auf eine Krise und den Niedergang der Linken hinweist. Sie gewinnt gerade deshalb an Zugkraft, weil die Menschen den Glauben an die Möglichkeit transformativer Politik verloren haben. Folglich stehen wir vor zwei gleichzeitigen Problemen: einem weit verbreiteten Antisemitismus, der nun durch einen Genozid extra aufgeladen wird, und einer dominanten rechten sowie liberal-zentristischen Rhetorik, die vorgibt, Antisemitismus zu bekämpfen, aber kein echtes Interesse daran hat, Juden zu schützen.

GJ: Wie würden Sie das Ausmaß des Antisemitismus in der Linken beschreiben und die Art, wie er im Mainstream dargestellt wird?
BR: Er ist vorhanden, und die dominanten Arten, darüber zu sprechen, sind mehr als nutzlos. Sie versuchen nicht einmal wirklich, sich mit Antisemitismus auseinanderzusetzen; sie verfolgen andere Ziele. Deshalb verwischen sie die Grenze zwischen Antikolonialismus und Antisemitismus – genau jene Grenze, die wir betonen müssen, um Antisemitismus inmitten eines kolonialen Genozids zu bekämpfen.
Wenn man den heutigen Antisemitismus als einen rassifizierten Diskurs begreift, der Machtlosigkeit ausdrückt, nachdem die Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung verloren gegangen ist, wird klar, warum er für Menschen attraktiv sein kann, die sich entmachtet fühlen. Aber man erkennt auch, dass die Logik des Antisemitismus der Politik der Linken fremd ist, die gesellschaftliche Probleme als Produkt bestimmter, kontextabhängiger sozialer Verhältnisse versteht – und nicht als Ergebnis der deformierten Essenz rassischer Anderer.
Hier wird absichtlich eine Grenze verwischt: zwischen antikolonialem Widerstand gegen den Zionismus im Namen universeller Freiheit und rassistischem Widerstand gegen den Zionismus, der aus Hass auf Juden gespeist wird.
Es gibt also zwei Probleme: Einerseits können Vorurteile auch in der Linken erhalten bleiben, wo sie im Widerspruch zu vermeintlich behaupteten Verpflichtungen zu Gleichheit und Freiheit stehen – etwa in Form von Misogynie einer männlich dominierten Linken. Andererseits ist Antisemitismus in diesem historischen Moment besonders attraktiv – was eine reale Bedrohung für Juden darstellt und zugleich das gesamte Projekt der Linken untergräbt.
Im Gegensatz dazu behandelt die gegenwärtige moralische Panik um Antisemitismus die Linke als natürliche Heimat von Antisemiten. Diese Panik dient nicht dem Schutz von Juden. Sie dient der Aufrechterhaltung eines Bildes der westlichen Zivilisation, die als letzter Verteidiger der von wilden Horden bedrohten Juden dargestellt wird. Die extreme Rechte profitiert am stärksten von dieser moralischen Panik und sitzt gewissermaßen am bequemsten an diesem Tisch, während Liberale dem zugrunde liegenden Deutungsrahmen oft unbeholfen hinterherlaufen, und ihn dadurch verstärken. Die Rechte identifiziert Muslime als Antisemiten und behandelt dann die politische Linke als problematisch aufgrund ihrer Verbindung mit Muslimen in der Opposition gegen den „War on Terror“ oder gegen die Zerstörung Gazas. Hier wird absichtlich eine Grenze verwischt: zwischen antikolonialem Widerstand gegen den Zionismus im Namen universeller Freiheit und rassistischem Widerstand gegen den Zionismus, der aus Hass auf Juden gespeist wird.
Es gibt die verbreitete Vorstellung in Mainstream-Debatten, selbst unter denen, die dem Antizionismus Legitimität einräumen, dass dieser manchmal in Antisemitismus „übergehen“ könne. Das ist absolut die falsche Sprache: als ob moderate Kritik am israelischen Staat in Ordnung sei, aber dann antisemitisch wird, wenn sie radikaler ist.
Das Ergebnis ist ein Buch wie David Baddiels Jews Don’t Count, das den einflussreichen Vorwurf erhebt, „Progressive“ – die als durchweg feindlich gegenüber allen anderen Formen von Rassismus dargestellt werden – würden keinen Finger rühren, um Juden zu schützen. Genau das haben wir in der vergangenen Woche immer wieder von Starmer, Kemi Badenoch und vielen anderen gehört. Die Behauptung ist in mehrfacher Hinsicht irreführend. An manchen Stellen verdreht sie die Realität, indem nahegelegt wird, dass andere Minderheiten in Großbritannien allgemein geschätzt würden – fast wie die rechtsextreme Behauptung einer „Zweiklassenjustiz“, nach der die Polizei Schwarze besser behandle als ihre weißen Nachbarn. Menschen, die ständigem Rassismus ausgesetzt sind und nun hören, dass „keine andere Minderheit“ so schlecht behandelt werde wie Juden, dürften über diese überraschende Nachricht eher verwundert sein.
Die Position der Konservativen Partei lautet inzwischen, pro-palästinensische Demonstrationen sollten im Namen des Antirassismus verboten werden, während ein Marsch des rechtsextremen Führers Tommy Robinson am selben Tag stattfinden dürfe. Dieses Narrativ richtet sich auch deshalb gegen die Linke, weil sie sich damit zurückhält, ein offizielles Anti-Antisemitismus-Programm zu unterstützen, das zugleich mit anderen rassistischen Politiken verknüpft ist. Die Linke verheddert sich dabei manchmal selbst, weil sie antirassistisch sein will, aber verwirrt ist, wenn ihr Rassismus vorgeworfen wird. Diese Verwirrung ließe sich überwinden, wenn man den rassistischen Impetus hinter dieser moralischen Panik verstehen würde.
GJ: Was übersieht die liberale und zentristische Rahmung von Antisemitismus und Rassismus?
BR: Die grundlegende Veränderung besteht in der Abwendung von einer Politik, die darauf abzielte, den Begriff der „Rasse“ vollständig abzuschaffen, indem die materiellen Bedingungen abgeschafft werden, die rassifizierte Hierarchien erst hervorbringen. Antirassismus bedeutete einst das, was Marx „das freie Individuum“ nannte – eine Welt, in der man sich außerhalb rassischer Kategorien definieren konnte. Das war ein universelles Projekt: der Glaube, dass die Abschaffung rassifizierter Hierarchien alle Menschen befreien würde. In Großbritannien war Paul Gilroy ein bedeutender Verteidiger dieser humanistischen Tradition. Es ist dieselbe Logik, mit der Simone de Beauvoir Das andere Geschlecht beendete: mit einem Aufruf zur universellen Brüderlichkeit und dem Argument, dass die Befreiung der Frauen auch die Männer vom Patriarchat befreien würde.
Antirassisten hatten früher die Hoffnung, dass die Abschaffung rassifizierter Kategorisierung uns alle zu freien Individuen machen würde. Wo wir einst dafür kämpften, globale Machtverhältnisse umzustürzen, begnügen wir uns heute mit „Safe Spaces“ in einer Welt, von der wir annehmen, dass sie immer unsicher bleiben wird. Der liberale Antirassismus führt deshalb eine Sprache von „Mikroaggressionen“ und „Privilegien-Check“ ein, weil alltägliches Verhalten leichter zu verändern scheint als die Welt. Wir haben das Verständnis verloren, dass der Kampf gegen rassistische Ideen und der Kampf gegen gesellschaftliche Realitäten untrennbar miteinander verbunden sind.
GJ: Was forderte dieser radikalere Antirassismus, was der Heutige nicht mehr verlangt?
BR: Er fragte: Zu welchem Zweck werden wir rassifiziert? Eine strukturelle Diagnose von Rassismus zwang Menschen dazu, die ihm zugrunde liegenden Systeme zu benennen – nämlich Imperialismus und Kapitalakkumulation. Der damalige Optimismus beruhte auf dem Glauben, dass man mit dem Ende des Imperialismus und des Kapitalismus auch die rassifizierten Hierarchien abschaffen könne, die diese Systeme immer wieder reproduzieren. Diese Vorstellung war global – sie überschritt Grenzen, sowohl im Sinne dessen, wer (oder was) der Gegner sei, als auch im Sinne einer politischen Community.
Das gegenwärtige Bild von Juden als „geschützte Minderheit“ westlicher Staaten ist eine Strategie zur Verteidigung derjenigen Staaten, die Juden gleichzeitig unter den Bus werfen.
Heute, da immer weniger Menschen glauben, diese globalen Systeme überwinden zu können, hat sich der Antirassismus zu einer stärker lokalen „Politik der Anerkennung“ verschoben. Wir suchen nun Würde innerhalb unserer rassifizierten Kategorien, statt für ihre Abschaffung zu kämpfen. Populäre Figuren wie Ibram X. Kendi schlagen Lösungen vor wie eine antirassistische Erziehung für Kleinkinder. Doch bereits 1985 bezeichnete der tamilische Marxist A. Sivanandan den Aufstieg des „Racial Awareness Training“ als „Degeneration des schwarzen Kampfes“. Was wir verloren haben, ist ein antirassistischer Universalismus, der die Negierung von „Rasse“ als Weg zu universeller Emanzipation versteht, die durch die Abschaffung jener globalen Systeme erreicht wird, die rassifizierte Hierarchien hervorbringen.
Deshalb ist die Frage, wie Juden unter westlichen Herrschaftsverhältnissen kategorisiert werden, in modernen Debatten über Antisemitismus praktisch unsichtbar. Wir müssen dringend darauf zurückkommen. Das gegenwärtige Bild von Juden als „geschützte Minderheit“ westlicher Staaten ist eine Strategie zur Verteidigung derjenigen Staaten, die Juden gleichzeitig unter den Bus werfen. Die gesamte Konstellation muss infrage gestellt werden.
GJ: Wenn wir in einer Zeit zunehmenden Antisemitismus leben, leben wir dann auch in einer Zeit zunehmender Panik über Antisemitismus?
BR: Offenkundig ja. Eine Zivilisation, die sich einst als christlich verstand und Juden als Mörder ihres Gottes betrachtete – als die schlimmsten Menschen überhaupt – hat sich nun als „judäo-christlich“ neu erfunden. Innerhalb dieses neuen Verständnisses werden Juden in einer Doppelrolle dargestellt. Israel fungiert als machohaft auftretender Krieger in der Wildnis, der sich den Feinden des Westens entgegenstellt, während Diaspora-Juden als besonders verletzlich dargestellt werden – ähnlich wie weiße Frauen im Amerika der Jim-Crow-Ära imaginiert wurden, bedroht von der angeblichen Barbarei rassifizierter Anderer. Sai Englert hat darauf hingewiesen, dass dies ein altes koloniales Motiv ist. Die französische Besatzungsmacht in Algerien sprach einst in derselben Sprache über Juden: als „geschützte Minderheit“ des Imperiums, die angeblich von antikolonialen Revolutionär:innen bedroht werde.
Heute wird dieses Bild jüdischer Verletzlichkeit eingesetzt, um Angst und Hass gegenüber Anderen zu rechtfertigen. In meiner doktoralen Forschung über Großbritannien im 20. Jahrhundert fand ich eine Beschreibung aus der Zeitschrift The Black Liberator der 1970er Jahre besonders hilfreich: „antirassistischer Rassismus“. Bekundungen der Sorge um Juden sind zum wichtigsten Vehikel geworden, um eine rassistische Panik über Muslime zu mobilisieren. Das erklärt, wie Nigel Farage vom angeblichen Zeigen von Hitlergrüßen als Schüler dazu übergehen kann, sich als Verteidiger der Juden zu präsentieren – während er gleichzeitig warnt, Migrant:innen in kleinen Booten stellten eine existenzielle Bedrohung dar.
Diese perverse Logik sehen wir in ganz Europa. In den Niederlanden reagiert Geert Wilders auf Zusammenstöße zwischen israelischen Fußballfans und Niederländern, indem er die Abschiebung von Marokkanern fordert und behauptet, die Niederlande seien „das Gaza Europas geworden“ – eine Lesart, die beide Orte als Konflikt zwischen muslimischen „Wilden“ und jüdischen Botschaftern westlicher Zivilisation darstellt.
GJ: Sie haben dies als moralische Panik beschrieben – eine Panik, die die Verbreitung von Antisemitismus nicht übertreibt, sondern seine Bedeutung falsch deutet. Wie erklärt dieses Konzept der moralischen Panik den gegenwärtigen Moment?
BR: In den 1970er Jahren zeigte Stanley Cohens Folk Devils and Moral Panics, dass solche Paniken Hinweise auf epochale Übergänge geben. Wenn eine Gesellschaft tiefgreifendem Wandel ausgesetzt ist, macht sie oft die neuen Gruppen, die dabei entstehen, als böse Akteur:innen für die Krise verantwortlich. Gesellschaftlicher Wandel wird so moralisiert: Der Zerfall der alten Welt wird jenen angelastet, die sich nicht an ihre Regeln halten.
Ein Schlüsseltext des britischen Marxismus aus derselben Zeit, Stuart Halls Policing the Crisis, wandte diese Analyse auf die vom Staat erzeugte Panik über „Rasse“ und Kriminalität an. Als der Neoliberalismus die Nachkriegsordnung zerschlug, wurden schwarze Jugendliche aus den Innenstädten – konfrontiert mit Massenarbeitslosigkeit – als eine kriminelle Bedrohung dargestellt, die die Gesellschaft auseinanderreißen würde. Die Lehre daraus ist, dass moralische Paniken Reaktionen auf reale Krisen sind. Diese Krisen werden aber so erzählt, dass die alte Ideologie geschützt wird, indem die Verantwortung angeblich degenerierten Außenseitern zugeschrieben wird.
Etwas Ähnliches geschieht heute. Es gibt drei sich überschneidende Krisen – stagnierende Lebensstandards und explodierende Vermögen von Milliardären, die Verlagerung des geografischen Zentrums des Weltkapitalismus weg vom Westen sowie Migrationsbewegungen in diesen ächzenden Kern alter imperialer Macht. Diese Krisen erzeugen politische Turbulenzen, die der Staat offenbar nicht länger kontrollieren kann.
In diesem Klima wird der „Antisemit“ zum Gesicht der Krise gemacht. Er erscheint abwechselnd als radikaler Linker, muslimischer Migrant oder Palästinenser. Er wird zum unmoralischen Subjekt, das für den Zusammenbruch der zivilisierten Ordnung steht. Policing the Crisis zeigte uns, dass Überfälle zwar ein reales Phänomen waren, die Panik darüber aber tatsächlich eine viel umfassendere Transformation aufzeigte. Heute erzeugt der Niedergang des Westens und das Fehlen jeder emanzipatorischen Alternative in unserer Politik sowohl einen zunehmenden Antisemitismus als auch eine Panik, bei der es weniger um den Schutz von Juden geht als um den Schutz der westlichen Ordnung.

GJ: Sie haben über das, was Sie den „neuen Anti-Antisemitismus“ nennen, geschrieben und seine Ursprünge bis in die 1960er und 70er Jahre zurückverfolgt. Können Sie seine Geschichte erläutern – worin unterscheidet er sich vom alten Antisemitismus, und warum halten Sie ihn für „schlimmer als nutzlos als ein Instrument zum Verständnis und zur Bekämpfung“ unserer gegenwärtigen Realität?
BR: Der Begriff „neuer Antisemitismus“ entstand in den 1970er Jahren, weitgehend als Reaktion auf die UN-Resolution von 1975, die Zionismus als eine Form von Rassismus bezeichnete. Wie Tony Lerman dokumentiert hat, begann dies als bewusste Kampagne des israelischen Staates, sich selbst mit dem „kollektiven Juden“ gleichzusetzen.
Dieses Muster sehen wir immer wieder in der Geschichte: Siedlerkolonialist:innen verteidigen ihre Gewalt, indem sie sich selbst als Opfer verstehen. Der Apartheidstaat in Südafrika verwies häufig auf die britischen Konzentrationslager gegen die Buren, um sich als Opfer europäischer Macht darzustellen – obwohl er zugleich beanspruchte, der echteste Vertreter europäischer Zivilisation in einer wilden Wildnis zu sein.
Indem Antizionismus als Rassismus umgedeutet wurde, bot der neue Anti-Antisemitismus ein praktisches Schutzschild. Dieses Projekt hat sich seither ausgeweitet: Antikoloniale Politik als rassistisch darzustellen, erlaubt es Verteidigern der kolonialen Ordnung, sich selbst als Antirassisten zu präsentieren.
Letztlich ist dieser neue Anti-Antisemitismus genau deshalb gefährlich, weil er darauf besteht, jüdische Identität an einen zunehmend genozidalen Staat zu binden. Obwohl ich nicht glaube, dass diese Gleichsetzung die einzige Ursache des zunehmenden Antisemitismus ist – nach 1989, nach dem 11. September und nach 2008 ist unsere Welt auch von anderen Kräften geprägt – befeuern Verteidiger Israels zwangsläufig genau den Antisemitismus, den sie zu bekämpfen behaupten, wenn sie Jüdischsein konsequent mit Genozid verknüpfen.
Es gab eine Welle antizionistischer Äußerungen innerhalb der neuen Rechten – Tucker Carlson ist das prominenteste Beispiel. Das sind Leute, die Sie wohl kaum als Freunde der Juden betrachten würden, und dennoch scheinen sie diskursives Terrain zu besetzen, das einst der Linken vorbehalten war. Was passiert hier?
Der in sozialen Medien dokumentierte Genozid in Gaza hat innerhalb der Rechten eine Gewissenskrise ausgelöst – oder zumindest eine Imagekrise. Einerseits müsste die politisch konsistente Reaktion der Rechten Zustimmung sein. Die Gewalt entspricht jener Gewalt, auf der die von ihr verteidigte Zivilisation seit Langem aufgebaut wurde: von den Tötungsfeldern König Leopolds im Kongo über den Einsatz von Atombomben gegen Japan bis hin zum Vietnamkrieg. Die zugrunde liegende Logik war stets, dass manche Leben geopfert werden müssen, um den Komfort jener zu sichern, die wirklich zählen. Die israelische Politik setzt diese Tradition fort.
Der Zionismus hat einen „Safe Space“ für Juden geschaffen, in dem Juden tatsächlich weniger sicher sind als irgendwo sonst auf der Welt, und dadurch hat er Juden weltweit unsicherer gemacht.
Andererseits wurde koloniale Gewalt historisch aus der Öffentlichkeit herausgehalten. Soziale Medien haben diese Norm zerstört. Amerikaner:innen und Europäer:innen sehen täglich explizite Horrorbilder auf ihren Handys, doch weil die Täter Juden sind, ruft dies jahrhundertealte westliche antisemitische Konnotationen hervor – das Bild der Juden als krankes Volk. Dadurch kann die Rechte den Genozid ablehnen, ohne koloniale Gewalt an sich abzulehnen. Sie schließen Juden erneut aus der „zivilisierten“ westlichen Ordnung aus. So kann israelische Gewalt als externes, jüdisches Problem dargestellt werden statt als Produkt genau jener Zivilisation, die die Rechte verteidigt. Im Wesentlichen kann die Rechte den Genozid entweder zustimmend als westliches Projekt oder ablehnend als jüdisches Projekt betrachten.
Letzteres erklärt die Rhetorik von Figuren wie Tucker Carlson und Candace Owens sowie noch offener antisemitische Stimmen wie Nick Fuentes. Sie glauben, Amerika sei Israel ausgeliefert. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob der Schock über diese koloniale Gewalt Menschen dazu bringen wird, das umfassendere imperiale System zu kritisieren, an dem Israel beteiligt ist. Wir müssen fragen, warum Theodor Herzl in seinem Brief an Cecil Rhodes den Zionismus als Fortsetzung des britischen Kolonialprojekts in Afrika darstellte. Das anzuerkennen bedeutet nicht, Israel die Verantwortung für das Abschlachten der Palästinenser abzusprechen, sondern anzuerkennen, dass westliche imperiale Herrschaft die Voraussetzung für Israels Existenz ist.
GJ: Was bedeutet Israel für Sie als historisches Phänomen? Und wie würden Sie einer jüdischen Person entgegnen, die überzeugt ist, dass Israel der einzige Garant jüdischer Sicherheit ist – wie argumentieren, dass der Zionismus diese Sicherheit eher gefährdet als schützt?
BR: Der Zionismus hat einen „Safe Space“ für Juden geschaffen, in dem Juden tatsächlich weniger sicher sind als irgendwo sonst auf der Welt, und dadurch hat er Juden weltweit unsicherer gemacht. Wenn physische Sicherheit das Ziel war, ist der Zionismus an seinen eigenen Maßstäben gescheitert. Seine zugrunde liegende Sicherheitstheorie ist fundamental paranoid: Sie geht davon aus, dass Menschen Juden immer hassen werden, weshalb man diesen Hass nicht bekämpfen, sondern lediglich eine Festung gegen den nächsten Sturm errichten müsse. Diese Denkweise hat eine bemerkenswert gleichgültige Haltung gegenüber der Provokation von Antisemitismus hervorgebracht; wenn man Hass für unvermeidlich hält, gibt es wenig Anreiz, ihn nicht zusätzlich anzufachen.
Die zionistische Strategie verband seit Langem die Schaffung eines Militärstaats mit einem Schutzappell an genau jene Zivilisation, die die Gaskammern hervorgebracht hat. Sie haben das jüdische Volk an ein sinkendes Schiff namens „der Westen“ gekettet, und dieses Schiff wird uns mit in die Tiefe reißen, wenn wir nicht über Bord springen. Zionisten ziehen oft Parallelen zwischen Juden und Kurden – als staatenlose Völker, die unter dem Fehlen eines eigenen Landes leiden. Doch wir sollten die Lehre der Kurden betrachten: vom Irak der 1990er Jahre bis zum heutigen Syrien haben amerikanische Kräfte sie benutzt und anschließend fallen gelassen.
Der Ausweg aus dieser Tragödie liegt darin, sich wieder mit jüdischen Traditionen auseinanderzusetzen, nicht darin, sie aufzugeben. Ich interpretiere den Staat Israel als einen Versuch von Juden, weniger jüdisch zu werden. Historisch bestand das Merkmal jüdischer Besonderheit in einem Europa der Nationalstaaten gerade in unserer Abwesenheit von dieser Ordnung – wir waren eine Nation ohne Staat, ein transnationales Volk, das in den „Poren“ europäischer Nationen lebte. Während andere Diasporas ein physisches Heimatland besitzen, ist unsere einzige wahre Heimat die Zukunft: wie im religiösen Konzept eines messianischen Zeitalters, in dem alle frei und sicher sind.
Sowohl Stalin als auch David Ben-Gurion verwendeten den abwertenden Begriff „wurzellose Kosmopoliten“, um Juden außerhalb des Staates Israel zu verurteilen. Theodor Herzl selbst war ein Assimilationist, der sich dem Zionismus zuwandte, weil er erkannte, dass die Juden Europa verlassen mussten, um gute Europäer zu werden – ein Paradox, das dem Siedlerkolonialismus häufig zueigen ist. Indem Zionisten das westliche Modell räuberischer, kolonialer Staaten nachahmten, hofften sie, unsere Besonderheit abzustreifen und eine „Nation wie alle anderen“ zu werden.
Indem der Westen Juden gegen seine anderen Opfer ausspielt, leiden wir gemeinsam mit ihnen. Profitieren kann davon allein jene Zivilisation, die uns historisch missbraucht hat.
Das bedeutete einen doppelten Tod des Jüdischseins. Erstens gab der Zionismus die diasporische Existenz auf, die jüdisches Leben über Jahrhunderte bereichert hatte – eine Existenz des Teilens von Raum statt des Besitzens. Zweitens versuchte er, unter dem Schutz einer europäischen Kolonialordnung zu leben, die das Konzept der „Rasse“ perfektioniert hatte, um es gegen uns einzusetzen, und die nun versuchte, uns einzugliedern – genau in dem Moment, als dieselbe Idee mit mörderischer Intensität gegen andere gerichtet wurde.
Der Zionismus ist tragisch naiv hinsichtlich der Gründe, warum die westliche Zivilisation versucht, uns reinzuwaschen. Seine Paranoia richtet sich nicht gegen jene Staaten, die die Ghettos errichteten, sondern gegen die anderen Opfer dieser Weltordnung. Indem der Westen Juden gegen seine anderen Opfer ausspielt, leiden wir gemeinsam mit ihnen. Profitieren kann davon allein jene Zivilisation, die uns historisch missbraucht hat.
GJ: Wie hat das Aufwachsen als Jude Ihr politisches Denken geprägt, und ab welchem Punkt begann es – wenn nicht für Sie doch zumindest für andere – so zu wirken, als stünden Jüdischsein und Linkssein in Spannung zueinander?
BR: Ich bin links, weil ich Jude bin. Ich meine das nicht im angeborenen Sinn, sondern als Reflexion über eine bestimmte kollektive Erfahrung. Beim Pessach-Seder werden wir bekanntlich dazu aufgefordert, uns mit dem Fremden zu identifizieren, denn auch wir waren einst Fremde in einem fremden Land. Der Seder definiert dann das „böse Kind“ als jenes, das sich selbst aus der Gemeinschaft ausschließt, indem es ihre Befreiung aus der Sklaverei verleugnet. Was bedeutet das? Für mich repräsentiert die biblische Tradition oft ein Volk, das dazu berufen ist, über sich selbst hinauszudenken, und in dem Propheten die Sünden der Juden ihrer Zeit anprangern.
Ich stellte fest, dass vieles von dem, was ich später bei Marx entdeckte, mit meiner frühen Erziehung im jüdischen Religionsunterricht resonierte. Insbesondere die Idee eines „auserwählten Volkes“ (bei Marx das Proletariat), das keine Herrenrasse war, sondern eine Gruppe, die die besondere Verpflichtung hatte, die universelle Emanzipation zu erreichen. Obwohl Marx ohne jüdische Religionspraxis aufwuchs, entstammte er einer Tradition, die rigoroses Studium und Rituale schätzte. Diese Traditionen hielten ein Volk zusammen, dessen Messianismus sich eine radikal andere Zukunft vorstellte. Er ist ein Beispiel für einen Denker, der aus einer Tradition hervorging und zugleich über sie hinausblicken konnte.
Es gibt heute einen neuen Konsens, popularisiert vom Historiker Yehuda Bauer, wonach man „Antisemitismus“ nicht mit Bindestrich schreiben solle, weil „Semitismus“ nicht existiere. Aber ich denke, es lohnt sich, den Begriff zurückzugewinnen: „Semitismus“ bezeichnet eine facettenreiche Orientierung, die von der europäischen Moderne hervorgebracht wurde. Das Wort entstand im späten 19. Jahrhundert, in einer Zeit des grassierenden Orientalismus. Indem Europa Juden als „Semiten“ bezeichnete, identifizierte es sie mit Arabern als Menschen an den Rändern des Westens – weder ganz innen noch ganz außen. Wie Isaac Deutscher sagte, waren Juden „hier, aber nicht von hier“. C. L. R. James verwendete genau denselben Ausdruck für karibische Einwanderer:innen in Großbritannien. Dieser Zustand machte Juden und Migrant:innen gleichermaßen intim vertraut mit der Gewalt westlicher Zivilisation, ohne sie so sehr darin zu verstricken, dass sie sich keine Alternative mehr vorstellen konnten. Dieser Status als „innerer Außenseiter“ ist genau der Ort, an dem die Idee der Revolution Wurzeln schlägt.
Letztlich bedeutet mein Jüdischsein eine Ablehnung des Nationalismus. Weil unsere Geschichte grenzüberschreitend war und die Idee „Europas“ gerade gegen uns geschärft wurde, wusste ich, dass ich kein britischer oder europäischer Nationalist sein konnte. Doch ein jüdischer Nationalismus ist nicht besser. Er kappt die Verbindung zwischen Juden und anderen Menschen, die unter den Verwüstungen und Plünderungen des Westens leiden. Mich inspiriert eine jüdische Geschichte, die eine Welt jenseits von Innen und Außen sucht, in der Menschen nicht länger durch unterschiedlich große Pakete von Rechten kategorisiert werden. Als ich Winston Churchills Essay von 1920 las, in dem er zwischen den „schlechten“ internationalen Juden – den Revolutionär:innen wie Rosa Luxemburg und Trotzki – und den „guten“ zionistischen Juden unterschied, die für das britische Empire nützlich sein könnten, war mir immer klar, auf welcher Seite ich stehen wollte.
Ich glaube, viele von uns verstehen Identität als eine Dialektik der Annahme und Verweigerung – ein lebenslanges Gespräch darüber, wie man den Traditionen treu bleibt, die einen geprägt haben, und zugleich versucht, die ungerechte Welt umzustürzen, die sie hervorgebracht hat. Wie Hillel bekanntlich fragte: „Wenn ich nicht für mich bin, wer wird für mich sein? Aber wenn ich nur für mich bin, was bin ich dann?“ Nichts am gegenwärtigen Schulterschluss vieler jüdischer Politik mit dem Staat ist unvermeidlich. Dies ist keine „judäo-christliche“ Zivilisation; es ist eine westliche Ordnung, deren erstes gehasstes Anderes der Jude war. Stattdessen können wir uns dafür entscheiden, Teil jener Koalition zu sein, die diese Ordnung zu Fall bringt – einschließlich ihres zionistischen Außenpostens.
Diese Entscheidung zu treffen bedeutet, sich der Verpflichtung einer Rolle zu verweigern, die uns und auch anderen schadet. Nichts davon entbindet die Antisemit:innen selbst von Verantwortung. Wenn ich auf antisemitische Reaktionen auf den Genozid in Gaza stoße, widerspreche ich ihnen. Wie Trotzki sagte: Man sollte zuerst argumentieren, bevor man ihre Köpfe auf das Pflaster schlagen muss.


