Nicht sozialisierter Schmerz

Ana Teixeira Pinto

Über Schildkrötenwut von Pary El-Qalqili

Schildkrötenwut. Foto von der HFF München und Aline László.

Pary El-Qalqilis Dokumentarfilm „Schildkrötenwut“ (2012) beginnt mit einem Familienstreit. Musa El-Qalqili ist mit dem Preis einer Taxifahrt nicht einverstanden. Seine Tochter, die Regisseurin selbst, feilscht um 2,50 Euro. Musa gibt nicht nach. Oberflächlich wirkt er geizig, schwierig. Aber Musa kämpft nicht um Geld, sondern um das Recht, den Wert der Dinge zu bestimmen. Nachzugeben hieße zuzugestehen: Ja, du darfst entscheiden.

Musa ist Palästinenser aus einer Beduinenfamilie, die aus ihrem Dorf vertrieben und der wurde Heimat, Gemeinschaft und die Möglichkeit genommen wurde, ein Erbe zu hinterlassen. In alltäglichsten Begegnungen sieht Musa die Reste einer Auslöschung. Also kämpft er mit dem Taxifahrer – weil er nicht gegen die Besatzung kämpfen kann. Das ist die einzige Arena, die ihm bleibt.

Doch Pary hat recht: Der Streit um 2,50 Euro ist sinnlos und schadet ihrer bereits angespannten Beziehung. Pary war zwölf, als Musa ging. Ihre Fragen haben nichts von ihrer Schwere verloren: Wie konnte er sie verlassen? Welche Trauer treibt einen Vater dazu, seine Kinder im Stich zu lassen? Um ein anwesender Vater zu sein, müsste er das Exil als Heimat akzeptieren. Das kann er nicht. Also geht er. Sie verlassen zu haben, war keine Zurückweisung. Er ist losgezogen, um nach den Bedingungen zu suchen, Vater sein zu können – aber die Suche selbst schließt die Kinder aus. Das ist das tragische Paradox.

Musa konnte seinen Schmerz in Deutschland nie sozialisieren. Vierzehn Jahre später, während eines andauernden Völkermords, ist die Lage unermesslich schlimmer geworden. Pary El-Qalqilis „Ich Bin Hier, Ich Bin Da“ (2025) hält das palästinensische Entsetzen fest: auf die Straße gehen, um gegen die Bombardements von Krankenhäuser und Schulen zu protestieren, nur um geschlagen, beschimpft und diffamiert zu werden.

Sozialisierter Schmerz wird Geschichte. Der Holocaust ging als Gründungsverbrechen ins deutsche Gedächtnis ein. Seine Opfer werden geehrt. Palästinensisches Leid hingegen tritt in den öffentlichen Diskurs als moralisch unlesbar ein – abgetan, bestraft, umgedeutet als Bedrohung. Nicht sozialisierter Schmerz wird Trauma: Anspannung, Schlaflosigkeit, Autoimmunerkrankungen, chronische Erschöpfung, Verdauungsprobleme. Jüdischem Leid wird universelle Bedeutung zugesprochen, palästinensisches Leid muss ungewürdigt bleiben– sonst gefährde man den Sieg des Feuilleton-Humanismus. El-Qalqilis Werk legt einen verstörenden Widerspruch in der deutschen Demokratie offen: Ihre Inklusivität setzt voraus, Palästinenser:innen aus der Polis auszuschließen.

Ana Teixeira Pinto ist Schriftstellerin und Kulturtheoretikerin. Sie ist Professorin für Kunsttheorie und digitale Kulturen an der HGB Leipzig sowie Herausgeberin der Buchreihe „On the Antipolitical“ bei Sternberg Press. Ihre kommende Publikation trägt den Titel „Death Wall: Entropy and the Chronopolitics of Modernity“.

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