Wenn in einer westdeutschen Fernseh-Talkshow das Licht ausgeht. Frag Max

Eran Schaerf

Das Experiment eines historischen Gedächtnisses

WDR Fernsehstudio Bonn 1961 © Bundesarchiv via Wikimedia Commons

Anmerkung der Redaktion: Der folgende Text wurde ursprünglich als Lecture Performance auf der Veranstaltung „Der grosse Kanton: Rise & Fall of the BRD“ vorgetragen, die am 5.–6. Dezember in Zürich stattfand.

Wieder einmal stehst du am Anfang. Am Anfang eines Tages, eines Gesprächs, einer Geschichte, an einem Anfang, in dem sich wie immer mehrere Anfänge vermischen, obgleich er im Singular dasteht. Nur diesmal hast du nicht mehr das Vertrauen wie Foucault am Anfang der Ordnung des Diskurses, dass du weiterreden musst; dass du Wörter sagen musst, bis sie dich finden. Diesmal sind es keine Worte, die dich finden, sondern eine Trauer, die ihre Entsprechung in Worten noch sucht. Du suchst Zuflucht im Schlaf und findest The Book of Sleep von Haytham El-Wardany. Du liest, dass mit der Dunkelheit eine Welt verschwindet und eine andere an ihre Stelle tritt. Das macht dich nicht wach, aber du schläfst auch nicht ein. Dinge verweben sich mit ihrer Umgebung und du wirst offen für Vermischungen und Widersprüche.

Was mehrmals anfängt, verspricht einen Verlust an Klarheit. Das ist gut so. Du möchtest kein Jetzt heraufbeschwören, das sich vom Vorher und Nachher scharf absetzt und beansprucht, aktuell zu sein. Du möchtest der Welt, die an die Stelle einer anderen tritt und die Klarheit verschleiert, ins Gesicht sehen, auch wenn sie keines oder mehrere hat. Weder wach noch schlafend, kannst du nicht sehen, ob es sich um eine Dunkelheit handelt, die dank des Erdrhythmus immer wiederkehrt, oder um eine Sonnenfinsternis, die das Sonnenlicht nur vorübergehend verdeckt. Der Verlust versetzt dich in eine wiederkehrende Bewegung, ähnlich dem kleinen Experiment, das Max Horkheimer in einer westdeutschen Fernseh-Talkshow vorgeschlagen hat. Er kam mit einem Stapel alter Zeitungen auf die Bühne, legte ihn neben seinen Sessel und kündigte an, auf die Fragen der Moderatorin mit dem Vorlesen alter Meldungen zu antworten. Du weißt nicht, ob diese Geschichte wahr ist oder erst dann wahr wird, wenn sie erzählt wird. Offen für die Einmischungen der Vergangenheit in die Gegenwart, begibst du dich in das Experiment. 

Herr Horkheimer, der Wiener Autor und Begründer des politischen Zionismus Theodor Herzl machte 1896 in seinem Buch Der Judenstaat ein Versprechen: „Für Europa würden wir [Juden] dort [in Palästina] ein Stück des Walls gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen.“ Das Vorhaben stehe im Einklang mit Interessen deutscher Politik, schließt Herzl aus seinem Gespräch mit dem Großherzog Friedrich I. von Baden und notiert in sein Tagebuch: „Tatsächlich ist es ja ein Element von deutscher Kultur, das mit den Juden nach dem östlichen Ufer des Mittelmeers käme.“ Sie, Herr Horkheimer, gehörten für den Zionismus zu jenen schwächlichen Diasporajuden, die erst im jüdischen Nationalstaat souverän werden würden. Doch sind Sie fünfzehn Jahre nach ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland in die Bundesrepublik remigriert. Was hat Sie dazu bewogen, die Diaspora einem jüdischen Nationalstaat vorzuziehen? 

Langsam dreht sich der Talkshow-Gast in seinem Sessel und holt aus seinem Zeitungsstapel eine Spiegel-Ausgabe aus dem Jahr 1965. Er öffnet das Heft bei einem Artikel mit dem Titel „Milch der Mutter“, der sich dem Staat Israel widmet, und liest:

„Das Volk Israel ist aufgeteilt in eine europäisch helle Minderheit von 40 und eine orientalisch dunkle Mehrheit von 60 Prozent. Beide Gruppen verbindet nicht viel mehr als die Religion und die gemeinsame, vor der Zerstreuung liegende biblische Geschichte. Die weißen Israelis besitzen eine ordentliche Schulbildung, die dunklen Israelis können häufig nicht einmal richtig lesen und schreiben; die weißen sind wohlhabend, die dunklen arm; die weißen wohnen in den großen Städten und auf dem kultivierten Land, die dunklen in den neuen Provinzstädten und auf dem unterentwickelten Land; die weißen üben die führenden Berufe aus, die dunklen die untergeordneten; die weißen sind selbstbewusst, die dunklen leiden an einem tiefen Minderwertigkeitskomplex. [Weiße Israelis sehen sich] in der jüdischen Kolonie Palästinas […] von der ‚Gefahr des Levantinismus‘ bedroht und wollen ihre zurückgebliebenen Glaubensbrüder im Schnellverfahren assimilieren.“ 

Herr Horkheimer, die Assimilation der deutschen Juden vor 1933 gilt als gescheitert. Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen nun weiße Israelis, die sich in West-Europa erfolglos zu assimilieren versuchten, ihre „zurückgebliebenen Glaubensbrüder“ aus der arabischen Diaspora assimilieren. Israels Premierminister wurde kürzlich mit den Worten zitiert, er werde auf jeden Fall „verhindern, dass der Levantinismus sich in das nationale Leben [Israels] hineinschleicht!“ Für unsere Zuschauer sei hinzugefügt, dass der Begriff ‚Levantinismus‘ erst nach der Staatsgründung als Synonym für die Rückständigkeit arabischer Juden und als eine Bedrohung des nationalen Lebens gebraucht wurde. In der Vorkriegszeit verwendeten den Begriff französische und britische Kolonialherren, um die multiethnische Minderheitenkultur, der sie im Nahen Osten und Nordafrika begegneten, abwertend zu bezeichnen. Sie konnten diese Kultur weder als die von ihnen fantasierte orientalische noch als ihre eigene westliche Kultur identifizieren. Sie schien ihnen eine vermischte, unreine Kultur zu sein, die westliche Kultur nachahmt, um eine falsche Zugehörigkeit vorzutäuschen. Herr Horkheimer, warum stellt eine vermischte Kultur wie die levantinische eine Gefahr für die Bildung einer Nation dar? Und kann eine einseitige Assimilation wie Frankreichs civilizing mission in Afrika oder wie Israel sie anstrebt, dieser Gefahr Einhalt gebieten?

Ohne zu kommentieren, dass er nun mit seinen Spielregeln brechen wird, beginnt der Gast aus einer Zeitung zukünftigen Datums zu lesen: 

„Der deutsche Botschafter in Tel Aviv sprach mit Haaretz über die Verantwortung Deutschlands, insbesondere nach dem 7. Oktober, 2023, im Gegensatz zur deutschen Schuld.“

Die Kamera schwenkt rasch zum Publikum, wo eine junge Frau, die sich als Geschichtsstudentin vorstellt, den Gast unterbricht: 

In Ihrem Buch Zur Kritik der instrumentellen Vernunft beschreiben Sie den „anwachsenden Apparat der Massenmanipulation“, der an staatliche Projekte des social engineering denken lässt wie nicht zuletzt Israels Bevölkerungspolitik. Nachdem klar wurde, dass in Folge des Holocaust keine Massenmigration von europäischen Juden in das Land zu erwarten war, begann sich der Zionismus für die arabischen Juden zu interessieren. Auf die arabisch-jüdischen Einwanderer hatte Israels Neukonzeption des Judentums als nationale Identität tiefgreifende Auswirkungen. Im Namen einer Schmelztiegelpolitik sollen sie ihre arabische Geschichte hinter sich lassen. Ihre Arabischkenntnisse werden eher im israelischen Nachrichtendienst eingesetzt als in Gesprächen mit ihren Herkunftsländern. Ihre gemischte Zugehörigkeit religiös (jüdisch) und (kulturell) arabisch wurde mit der Staatsgründung in die Vergangenheit verbannt. Sie müssen sich an eine Gegenwart assimilieren, in der die arabische Kultur für die Darstellung der nichtjüdischen Einwohner Palästinas als Feindbild vorbehalten ist. „Die orientalistische Spaltung der Semiten [wird] nun durch eine nationalistische Spaltung noch verschärft.“ In der Wissenschaft wird darüber geforscht, wie sich die zionistische Annahme, dass Juden und Araber sich exkludierende ethnische Kategorien sind, von der nazideutschen Annahme unterscheidet, dass Mischehen die deutsche Nation gefährden.

Der Beitrag der Studentin scheint immer mehr jenen Beiträgen zu ähneln, bei denen unter dem Vorwand, eine Frage zu stellen, eher laut gedacht wird. Dann aber folgt doch eine Frage:

Wäre es nicht viel dringlicher, die westliche Kultur der Wissenschaft in Frage zu stellen, die im Namen einer Klarheit Trennungen vornimmt, um Forschungsgebiete zu definieren, aus denen Disziplinen, Professionalität und Spezialisierung hervorgehen?

Im Fernsehstudio wird es dunkel. Am Tag darauf wird die Presse spekulieren, ob die Studiotechniker:innen den Strom als Sabotageakt abgeschaltet haben. Max Horkheimer selbst soll die Aktion mit der Studiotechnik besprochen haben, heißt es. Sobald der deutsche Titel seines Buchs Eclipse of Reason in der Diskussion erwähnt wird, soll das Experiment vorzeitig abgebrochen werden. Eclipse of Reason wurde kürzlich unter dem Titel Zur Kritik der instrumentellen Vernunft ins Deutsche übersetzt. Damit war die Sonnenfinsternis aus dem Spiel, was als Abschied der BRD von der kosmischen Umlaufbahn eingeschätzt wird.

Signalisiert die Dunkelheit das Ende der Talkshow oder wird sie den Gast dazu verdonnern, frei zu sprechen? Auf der Bühne erscheint der Lichtkegel einer Taschenlampe und reißt dich aus deinen Gedanken. Horkheimer ist anscheinend für den Fall eines Stromausfalls gut vorbereitet. Er liest weiter aus dem Interview mit dem Botschafter:

„Haaretz: [Wir möchten mit Ihnen] ein kurzes Interview zum Holocaust-Gedenktag für das Wochenendmagazin führen, wenn es für Sie in Ordnung ist.

Botschafter: In Ordnung, es geht also um [Holocaust-Gedenktag]? 

Haaretz: Herr Botschafter, beutet Israel [Deutschlands] Schuldgefühl für die Shoa aus?

Botschafter: In erster Linie geht es nicht um Schuldgefühle, denn niemand in meiner Generation hat eine persönliche Schuld. Wenn wir uns an den Holocaust […] erinnern […] dann tun wir dies […] weil wir uns verantwortlich fühlen und weil wir der Meinung sind, dass unser Land daraus Lehren gezogen hat und auch weiterhin Lehren daraus ziehen muss. […]

Haaretz: Ist es möglich, dass Netanjahu in Deutschland landet, ohne verhaftet zu werden? 

Botschafter: Zuerst fragen Sie mich nach einem Interview zum [Holocaust-Gedenktag], und jetzt kommen wir zu dieser Frage. Das ist, gelinde gesagt, unaufrichtig. […] Diese Frage hat in keiner Weise mit dem Holocaust Gedenktag zu tun.“

Eran Schaerf, Foto von Mateja Milanović

Herr Horkheimer, die Ordnung des Diskurses des Botschafters zufolge, ist die Vermischung dieser Fragen unaufrichtig und die Trennung von Schuld und Verantwortung eindeutig vollzogen. Wenn ich an das Gespräch zwischen Margaret Mead und James Baldwin denke, das kürzlich unter dem Titel A Rap on Race herauskam, sind Vermischungen und Trennungen auch kulturell bedingt. „Es gibt verschiedene Sichtweisen auf Schuld. Im östlich-orthodoxen Glauben teilen alle eine Schuld […] für das, was jemals gedacht wurde. Der westlich[e…] Standpunkt hingegen ist, dass man für Dinge schuldig ist, die man selbst getan hat, und nicht für Dinge, die andere Menschen getan haben.“ Die Teilung in eigene und fremde Handlungen ist für die Rechtsprechung notwendig, doch welche ethische Rolle schreibt diese Teilung Menschen zu, die weder direkte Täter noch direkte Opfer einer Handlung sind, sondern Zuschauer oder Mitwisser, die mit den durch diese Handlung gesetzten Maßstäben weiterleben müssen?

„Tel Aviv, 3. August 1963

Nachdem ich die Kontroverse zwischen Vertretern der orientalischen und aschkenasischen Intelligenzija Israels in [Ihrer Zeitschrift] mit großem Interesse verfolgt habe, möchte ich [einen Kommentar] hinzufügen, insbesondere in Bezug auf den Artikel […] über „Schwarzer Zionismus und die Angst vor Assimilation“. Ich war erschrocken über die Parallele zwischen Afroamerikanern, bei allem Respekt für ihren gerechten Kampf, und der Situation orientalischer Juden in Israel. Das Letzte, was dem jüdischen Volk in Israel hätte passieren dürfen, ist eine Spaltung entlang einer Hautfarbengrenze, auch wenn diese etwas prüde als „kulturell” und nicht als ethnisch bezeichnet wird. […] James Baldwin bezieht sich in The Fire Next Time auf den Gott, der sich einem semitischen Wüstenvolk „bevor die Hautfarbe erfunden wurde” offenbart hat, und dieser treffenden Formulierung ist etwas, worüber wir nachdenken sollten. […] Vielleicht stellen sich einige europäische Christen vor, dass Gott, der in Christus Mensch geworden ist, weiß ist, so dass Afrikaner, die sich vom Joch der Weißen befreien, ihn als schwarz sehen. Aber für Juden hat die Vorstellung von Gott nie Gestalt in einem Körper angenommen. Von Anfang an wurde Gott als eine Stimme dargestellt, die Menschen hören können. […]“

– Jacqueline Kahanoff, Leserbrief an dem Jewish Observer and Middle Eastern Review

In deinen Gedanken überlagert sich die Dunkelheit im Fernsehstudio mit dem Schwarzbild eines Fernsehschirms. Den Fernsehzuschauern wird das Schwarzbild mit einem Werbeblock erhellt – Persil, Boss, Nivea, Dual, Mercedes, Adidas. Die Moderatorin will wohl die Dunkelheit noch nicht wahrhaben und trommelt mit den Fingernägeln auf ihr Mikrofon. Die Schläge bleiben unhörbar, scheinen jedoch Horkheimers nächste Antwort zu beschwören. Sein Sprachrhythmus deutet darauf hin, dass er simultan ins Deutsche übersetzt.

„Es war eine Anzeige in einer Stockholmer Zeitung. ‚Englisch sprechender junger Mann‘, stand darin, ‚als privater Chauffeur gesucht. Muss kultiviert sein‘, hieß es. Ich ging zum Grand Hotel, meine ganze Kultur auf der Zunge und mein ganzes Englisch bereit, gesprochen zu werden. Hungrig? Nein, aber unsicher und frustriert in meinen Versuchen, einen Job zu bekommen; und schrecklich verliebt.

Ich fragte an der Rezeption nach Herrn Jones. Er kam gerade aus dem Aufzug: ein Mann mit Glatze, zufrieden mit sich selbst und wohl in seiner Haut.

‚‘allo, mein Junge‘, sagte er, ‚komm und hol dir was zu trinken.‘ Ich folgte ihm zur Bar, optimistisch und erfreut über das ‚‘allo, mein Junge‘. 

‚Schon einmal einen Daimler gefahren?‘, fragte er [mit einem Nicken in Richtung des Mercedes, der vor dem Eingang geparkt war].

‚Nein, Sir‘, sagte ich ehrlich.

‚Wenn du im Leben vorankommen willst, mein Junge […], dann sag Ja. Ein Daimler ist wie jedes andere verdammte Auto‘. 

‚Ja, Sir.‘ 

‚Lass dich von nichts einschüchtern.‘

‚Ja, Sir.‘

‚Brauche jemanden für den Daimler. Ehefrau durch die Stadt fahren. Ein bisschen Schwedisch fürs Shopping.‘

‚Ja, Sir‘, sagte ich.

‚Fünfzehn Pfund pro Woche‘, sagte er und zwinkerte mir zu.

Ich nahm ein Glas Champagner. Es stieg in mir hoch und schwebte hoch hinauf, über das Grand und über den Hafen hinweg; hoch genug, um Helsinki in der Ferne zu sehen. Er erzählte mir, dass er ein Selfmademan sei. Er habe mit Erdnüssen angefangen und sich hochgearbeitet, bis er all das erreicht habe. Er deutete mit der Hand auf all das, und ich schaute hin und dachte an den [Mercedes] und den Champagner und fragte mich, ob vielleicht … aber dann erinnerte ich mich an einen Erdnussverkäufer, den ich kenne und der sein Leben lang Erdnussverkäufer bleiben wird.“

Horkheimer hält inne. Die Moderatorin ergreift sogleich das Wort und fragt nach dem Ausgang des Job-Interviews, die Stimme voll Empathie. Das Publikum möge den vollständigen Bericht im Guardian vom 24. November 1958 lesen, sagt der Gast. Die Überschrift lautet „Culture for the Daimler“. Er würde eine Anmerkung zum Autor hinzufügen, aus The Times

„Waguih Ghali, der Ägypter, dessen Bericht wir auf dieser Seite abdrucken, ist ein bärtiger Kopte…“

Was hat es mit dem Bart auf sich? murmelt der Gast vor sich hin, bevor er fortfährt und sich immer wieder unterbricht, wenn ihm ein Detail unpassend erscheint.      

Waguih Ghali… verließ Ägypten 1958. Er stand weit links von Nasser, geriet ins Visier der Behörden und seine Verhaftung schien unmittelbar bevorzustehen. Nach Aufenthalten in Paris, London, Stockholm, und Hamburg, ließ er sich in Deutschland nieder… in Westdeutschland, „wo die Anforderungen für eine Arbeitserlaubnis viel weniger streng sind“ als in England. Er wohnte in Rheydt bei Düsseldorf, arbeitete im Büro der British Army of the Rhine… und in der Fabrik, deckte gemeinsam mit einigen Linken vor Ort die Naziverstrickungen des Bürgermeisters auf und schrieb seinen Roman Beer in the Snooker Club. „Er ist mehrsprachig und wechselt mühelos zwischen Arabisch, Französisch und Englisch.“ Derzeit arbeitet er an einem Roman, der 1965 in einer nicht näher bezeichneten Stadt in „Europas größter Wirtschaftswunder-Wirtschaft der Nachkriegszeit“ spielt. Der Protagonist Ashl ist ein Gastarbeiter… ein Intellektueller unbekannter nationaler Herkunft, der als Übersetzer bei einem Verlag arbeitet. Es bleibt abzuwarten, ob Ashl ähnliche Erfahrungen machen wird wie sein Autor, der mit Freunden Tennis spielt, in Bars geht und mit Haltungen wie denen seines Freundes Kurt konfrontiert wird, der nun mit seiner Ex Liselotte zusammen ist, sie aber niemals heiraten wird, weil sie zuvor mit „EINEM ÄGYPTER“ zusammen war.

1967, nach Israels Besatzungskrieg, ging Ghali mit einem Journalistenvisum nach Israel. „Die Israelis scheinen sich nur dann an die Vergangenheit zu erinnern, wenn es für sie von Vorteil ist”, sagte er der BBC. Sie würden oft die antiisraelischen Reden des algerischen Präsidenten zitieren und dabei vergessen, „dass Israel Frankreich während des Algerienkriegs [mit nachrichtendienstlichen Informationen über Algeriens Nationale Befreiungsfront] unterstützt hat.“ 

Ein Jahr später auf einer Konferenz in London, wo Ghali mit einem Mitglied der israelischen antizionistischen Organisation Matzpen über Israel und Palästina spricht, wird er staatenlos. Aus dem Publikum erhebt sich ein Vertreter der ägyptischen Regierung und erklärt, dass Herr Ghali entgegen den Angaben auf dem Konferenzplakat nicht mehr Ägypter sei, er sei nach Israel übergelaufen. In der post-kolonialen Ordnung der Nationalstaaten bleibt ihm vorerst nur die westdeutsche befristete Aufenthaltsgenehmigung. 

Herr Horkheimer, ein Mitglied der koptischen Minderheit Ägyptens, der in London mit der israelischen antizionistischen Diaspora auf einem Podium sitzt; in Westdeutschland seinen Lebensunterhalt in der Fabrik verdient; auf Englisch einen Roman veröffentlicht, dessen Protagonistinnen vor dem ägyptischen Nationalismus in das von ihnen idealisierte Europa flüchten und bitter enttäuscht werden – ist das der Levantiner, der unsere nationale Demokratie gefährdet? Oder kann sich unsere Daimler-Kultur an eine derart heterogene und zerstreute Mischung von Loyalitäten assimilieren? 

Dies vor dem Hintergrund, dass Deutschland seine historische Schuld in monetäre Sprache konvertiert und getilgt hat und seine Abkehr von der Nazi-Theorie über Mischlinge so meisterhaft vorgetäuscht hat, dass es für Menschen aus dem Ausland wieder attraktiv erscheint. Mit unserem Anwerbeabkommen laden wir ausländische Arbeitnehmer regelrecht dazu ein, ihren sozioökonomischen Aufstieg in den Montagehallen von Mercedes zu erproben. Damit folgen wir beinahe dem Beispiel Frankreichs, Englands, oder der Niederlande, die Einwanderern aus ehemaligen Kolonien, die heute neue Minoritäten in Westeuropa prägen, Bürgerechte gewähren. Die jüdisch-arabische Autorin Jacqueline Kahanoff geht so weit, vorzuschlagen, dass das Konzept des Nationalstaats, so modern und fortschrittlich er auch erscheinen mag, global gesehen möglicherweise bereits überholt ist. Was wir für nationale Kultur halten, hielt der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld in den 1920er-Jahren ohnehin für das Ergebnis von Nachahmungsprozessen. So gesehen würde die levantinische Kultur einen Prozess der gegenseitigen Assimilation fortsetzen, der seit jeher in Gang ist. Sie ist Sand, nicht Öl im Getriebe der globalen nationalen Kultur, oder nicht?

Draußen muss es inzwischen hell sein. Das sagst du so und sogleich fällt dir ein, dass du zwischen außen und innen kaum noch unterscheiden kannst. Nein, diese Binarität bietet dir keinen Fluchtweg mehr. Deine Flucht in den Schlaf hat dich in Zeiträume verschlagen, über den gegenwärtigen Moment hinaus und dorthin, wo du jedes Mal ankommst, wenn du Regeln einhältst, die irgendwann und nicht für dich persönlich erfunden wurden. In dieser Vermischung von Raum und Zeit verliert sich dein Zeitgefühl und du begegnest dir wieder als eine andere Person. Ob der Gast die Fragen seiner Interviewerin mit Berichten aus vergangenen oder zukünftigen Zeitungen beantwortet, spielt für dich keine Rolle mehr. Du bist in den Bann seiner wiederkehrenden Bewegung hineingezogen, in der sich Geschichten in die Gegenwart so einmischen, dass du mit Gegenwart im Singular nichts mehr anfangen kannst.

Auf der Bühne bewegt sich der Kegel der Taschenlampe ziellos in der Luft, während der Gast mit einer Hand seinen Zeitungsstapel durchwühlt. Er muss sich an einen bestimmten Artikel erinnern, den er einst für wertvoll hielt, um in der Zukunft – das könnte jetzt sein – wieder gelesen zu werden. Ein Gedächtnis, das intentionslos speichert, ist offenbar Teil dieses Experiments. Vielleicht geht es bei dem Experiment um ein Denken, das seine Absichten nicht im Voraus identifiziert. Eine Art gestörter Universalismus, den Kahanoff dem levantinischen Wissen zuschreibt, für das „eine Person, wie wertlos sie auch sein mag, mehr zählt als Prinzipien, wie heilig sie auch sein mögen.“ Ein Denken, das weder dem Zufall noch einer Absicht unterliegt und situativ auf Stimmen zurückgreift, die wiederaufgeführt werden und den Gast mit jeder Antwort jemand anderes werden lassen. So kommt es dir jedenfalls vor, als Max oder Horkheimer das Wühlen in seinem Zeitungsstapel aufgibt, seine Taschenlampe ausmacht und wieder zu sprechen beginnt, als würde er simultan übersetzen – diesmal aus einer Erinnerung, die ebenso vergangen wie zukünftig sein könnte; aus Leonore Sterlings Artikel von 1965 in Die Zeit.

Neu im ‚neuen Deutschland‘ ist „der Antisemitismus der Philosemiten“. „Man distanziert sich von dem mehr oder weniger offenen Antisemitismus rechtsradikaler Kreise nachdrücklich;“ man empfindet sich dadurch „selbstgerecht als rein und projüdisch, [wenn auch] ohne sich der Mühe unterzogen zu haben, im eigenen Innern zu forschen“; man stülpt dann über den verdrängten Widerspruch „philosemitische“ Idole wie Juden als „Geistige“, „Kulturträger“, „Leidende“, „Opfer“; und schon fühlt man sich legitimiert, die verdrängten antijüdischen Vorurteile „zumindest teilweise auf andere Haßobjekte“ zu übertragen. „Durch die Verlagerung findet“ der Widerspruch „einen Ausweg. Die Betroffenen sind in der Bundesrepublik dann stets Minderheiten, deren offene Verunglimpfung und Verfolgung das aufgerichtete Symbol deutscher Demokratie gegenüber den verbündeten Staaten nicht gefährden, entweder weil sie dort gleichfalls Haßobjekte sind oder nicht als bedeutend genug gelten, um ‚Prüfstein‘ für die Demokratie in Deutschland zu sein – [sogenannte] Ostvölker, […] Linksintellektuelle, und Gastarbeiter. Wenn etwa führende Politiker von der ‚heimatlosen Linken‘ reden, von ‚zersetzenden und gesinnungslosen Literaten‘, die das ‚eigene Nest beschmutzen‘, oder gar von den mit dem ‚Antichrist‘ im verschwörerischen Bunde stehenden ‚Linksprotestanten‘, dann fehlt eigentlich nur die Bezeichnung […] ‚verjudet‘ – und wir hätten wieder einen soliden und offiziellen Antisemitismus. Auch die Vorstellungen […] vom italienischen ‚Schürzenjäger‘ und türkischen ‚Messerstecher‘ rufen Erinnerungen […] wach. 

Der „in der Bundesrepublik so fleißig propagierte Philosemitismus […] hat eigentlich weniger mit den Juden, dafür mehr mit Staatsräson und Außenpolitik zu tun.“ Damit der Philosemitismus ein außenpolitisches Instrument werden kann, musste noch die biblische Auserwähltheit des jüdischen Volks auf den Staat Israel übertragen werden. Gott, der nur sieben Tage hatte, um die ganze Welt zu erschaffen, konnte diesen Transfer nicht bewältigen‚ aber das ‚neue Deutschland‘ kann es. Die Verpflichtungen, die das Volk Israel mit seiner biblischen Auserwähltheit auf sich nahm, werden dabei als „besondere Rechte“ dem Staat Israel gutgeschrieben. Koste es, was es wolle. Mit den Wiedergutmachungszahlungen wurde Geld als Heilmittel kultiviert, das nicht nur den Opfern hilft, sondern auch die Schuld, die den Zahlungen vorausging, zu einem Tauschwert abstrahiert, sodass sowohl Täter als auch Opfer und Zuschauer die Ursache der Schuld, sollte sie sich in anderen Zusammenhängen wiederholen, lediglich als einen neu aufgenommenen Kredit sehen werden.

Der neudeutsche Philosemitismus hat mehr mit erkaufter Billigung zu tun als mit Wiedergutmachung für das, was mit Geld nicht wieder gutgemacht werden kann. Er kauft die Subjekte seiner Begierde, und wenn sie seinen Mitteln oder Zwecken nicht entsprechen, werden sie eben angepasst, assimiliert. Denken Sie nur an Gabriele Tergit. Alle paar Jahre wird die einstige Berliner Autorin in Deutschland wiederentdeckt, nicht aber ihre politischen Essays zu Palästina, dem Land, das sie 1938 nach fünf Jahren wieder verlassen hat, weil sie „Nationalismus in keiner Verkleidung leiden“ kann. „Sehen Sie,“ schrieb sie 1974 ihrem Kollegen Hans Jaeger, „mein Leben ist ja mehr von meinem Antizionismus beschattet worden als von dem Rassismus aus Deutschland.“ 

Aber bei dieser Dunkelheit, wie soll man da Schatten sehen? 

⎯ Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 1991. ⎯ Haytham El Wardany, The Book of Sleep, London: Seagull Books 2021. ⎯ Theodor Herzl, Der Judenstaat, Berlin: Jüdischer Verlag, 1920; Theodor Herzls Tagebücher, Band II, Berlin: Jüdischer Verlag, 1923. ⎯ „Milch der Mutter,“ Der Spiegel, 31/1965. ⎯ Manchester Guardian, 6. Februar, 1961, sec. 8/2. Zitiert nach Gil Z. Hochberg, „‘Permanent Immigration‘: Jacqueline Kahanoff, Ronit Matalon, and the Impetus of Levantinism,“ boundary 2 31:2, 2004. ⎯ „German Ambassador to Israel Steffen Seibert: ‚We Have Doubts About the Resumption of the War,‘“ Interview von Nir Gontarz, Haaretz Online, 24. April, 2025. ⎯ Magaret Mead and James Baldwin, A Rap on Race, Philadelphia: Lippincott, 1971. ⎯ Max Horkheimer, Eclipse of Reason, New York: Oxford University Press, 1947. ⎯ Jacqueline Kahanoff, Brief an dem Jewish Observer and Middle Eastern Review, 3. August 1963, Jacqueline Kahanoff Archive, Heksherim Institute and the Literary Archives at Ben-Gurion University of the Negev, Be’er Sheva. ⎯ Avi Shlaim, Memoirs of an Arab-Jew, London: Oneworld Publications, 2023. ⎯ Ella Shohat, On the Arab-Jew, Palestine, and Other Displacements: Selected Writings, London: Pluto Press, 2017. ⎯ Waguih Ghali, „Culture for the Daimler,“ Manchester Guardian, 24. November, 1958; The Diaries of Waguih Ghali. An Egyptian Writer in the Swinging Sixties 1964-1966, May Hawas, Hrsg., Cairo: The American University in Cairo Press, 2016; unfinished manuscript, 1969, ecommons.cornell.edu; „An Egyptian in Israel,“ in: Good Talk. An Anthology from BBC Radio, Derwent May, Hrsg., New York: Taplinger Publishing Company, 1969. ⎯ “The Times Diary”, The Times, 10. August, 1967. ⎯ Pankaj Mishra, „Beer in the Snooker Club: Introduction,“ LA Review of Books, 8. Juni, 2014. ⎯ Michael Hack, “Gespenstische Erkenntnisse: Waguih Ghali in Ägypten und Europa,” disorient.de. ⎯ Jacqueline Kahanoff, „Europe from Afar“ und „Afterword: From East the Sun,“ in: Deborah A. Starr und Sasson Somekh, Hrsg., Mongrels or Marvels: The Levantine Writings of Jacqueline Shohet Kahanoff, California: Stanford University Press, 2011. ⎯ Günther Eich, Träume, Nordwestdeutschen Rundfunk, 1951. ⎯ Karsten Witte, „Straubs Publikum“, Kirche und Film 19, Nr. 3, 1976. ⎯ Eleonore Sterling, „Judenfreunde -Judenfeinde. Fragwürdige Philosemitismus in der Bundesrepublik,“ Die Zeit 50, 10. Dezember, 1965. ⎯ Gabriele Tergit, Brief an Hans Jaeger, 3. Dezember, 1974, Deutsches Literaturarchiv Marbach. Zitiert nach Elke-Vera Kotowski, „Im Schnellzug nach Haifa und Der erste Zug nach Berlin. Gabriele Tergits Reisepässe als Dokumente ihrer Exilerfahrung“, Text + Kritik, Heft 228, 2020.

Eran Schaerf ist Künstler und Autor und lebt in Berlin. Zu seinen jüngsten Projekten gehören Revoicing, in: Archives on Show. Revoicing, Shapeshifting, Displacing: A Curatorial Glossary, hg. von Beatrice von Bismarck (2022); Kahanoff’s Levantinism: The Anachronic Possibilities of a Concept, bakonline.org (mit Eva Meyer, 2022); Levantine Line Library, institut de carton Brussels (2022); Only Six Can Play This Game (mit Eva Meyer, 2022), Nomadesque, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid (2023); Gesammeltes Deutsch, transversal texts, Vienna 2023; Irrtümliche Liebe, Berliner Hörspielfestival (2025).

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