Ist diese Hoffnung jetzt gerade mit uns im Raum?

Fabian Saul

Zu einer Ästhetik des Widerstands im Zeitalter des faschistischen Realismus

Carl Gustav Carus, Blick aus einem Gefängnisfenster in den Himmel (1823). Image courtesy of Wikimedia Commons.

Es geht ein Gerücht um, das Gerücht von der Hoffnungslosigkeit. In Redaktionen, Kulturinstitutionen, Artikeln und Podcasts, in den Idiomen derer, die lange geglaubt haben, noch jedes Ereignis in der Welt erklären zu können. Es wird weitergegeben im Modus der Überraschung, des verspäteten Erwachens oder plötzlich und ohne eigenes Zutun den Boden unter den Füßen verloren. Als würde sich die Welt nicht mehr so verhalten, wie man es erwartet. Die regelbasierte Ordnung, die Grammatik der liberalen Demokratie und die verbindende Erzählung von Fortschritt und regulierter Gewalt, die sowohl vom liberalen als auch vom rechten westlichen Journalismus gepflegt wurde und dabei in unterschiedlichem Maße in suprematistischem Denken verwurzelt ist – all das beginnt zu erodieren. Was hier auffällt, ist nicht das Ausmaß der Katastrophe, sondern von welcher Position aus sie jetzt als Katastrophe wahrgenommen wird.

Aber beginnen wir an einer anderen Stelle:

Der deutsch-schwedische Schriftsteller Peter Weiss arbeitete fast ein Jahrzehnt lang an Die Ästhetik des Widerstands, seiner monumentalen Trilogie über den kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus und seine Komplizen. Er wusste, wie die Geschichte endete. Er kannte die Hinrichtungen, den Verrat, die Kontinuitäten. Er wusste, dass der Faschismus 1945 nicht einfach zusammenbrach, sondern überlebte: reorganisiert in Institutionen, im Kapital, in der Sprache. Und dennoch hat er über den Widerstand gegen ihn geschrieben.

An Weiss zu erinnern ist kein historischer Exkurs. Sein Werk kann als Maßstab dienen, an dem wir die Gegenwart messen können. Denn was heute als Schock empfunden wird – als hätte die Ordnung erst jetzt begonnen, ihre eigenen Regeln zu offenbaren –, war für Weiss bereits offensichtlich: die Gewalt des Faschismus hat sich fortgesetzt in verwalteter Form, hat sich in Routinen, Rechtsprechung und Zwänge übersetzt, in eine Sprache, die das Außergewöhnliche als normal, das Tödliche als notwendig, Ungerechtigkeit als Ordnung darstellt.

Neu ist nicht die Brutalität dieser Ordnung. Neu ist, dass ihre Brutalität auch im Zentrum sichtbarer geworden ist, statt bloß den Rändern vorbehalten zu sein. Dadurch lässt sich die Gegenwart durchaus als jene imperiale choc en retour lesen, den Aimé Césaire beschrieb: koloniale Gewalt, die nach Hause zurückkehrt und sich als Innenpolitik reorganisiert.

Dem Begriff Hoffnung ist es – spätestens seit der Obama-Kampagne von 2008 – ergangen wie dem der Freiheit. Beide wurden neoliberal ausgehöhlt und werden meist ahistorisch gelesen – losgelöst von den Kämpfen gegen Unterdrückung der Vergangenheit und von der Möglichkeit einer anderen Zukunft, auf die sie sich beziehen könnten. Semantisch ähneln sie einer Anti-AfD-Demonstration der gesellschaftlichen „Mitte“, deren Harmlosigkeit für das Zentrum der Macht sich in der Abwesenheit von Polizei zeigt, während zugleich pro-palästinensische Proteste Woche für Woche gewaltsam unterdrückt werden. All dies beruht auf der fälschlichen Annahme, grundlegender Wandel könne durch demokratische Mehrheiten erreicht und dauerhaft gesichert werden.

Was hier zusammenbricht, ist nicht nur eine geopolitische Konstellation, sondern die Glaubwürdigkeit und Unausweichlichkeit eines Realismus: jenes erzählerischen Rahmens, der die Gegenwart jahrzehntelang als alternativlos präsentierte – als Ordnung, als Sicherheit, als Notwendigkeit.

Die liberale Fiktion der Universalität – Menschenrechte, internationales Recht, demokratische Rechtschaffenheit – bekommt Risse, bis in ihren Kern. Davon sprechen auch die Bemerkungen des kanadischen Premierministers in seiner Rede in Davos: »[…] wir wussten, dass das internationale Recht mit unterschiedlicher Strenge angewendet wurde, je nach Identität des Angeklagten oder des Opfers. Diese Fiktion war nützlich […].«

Was einst eine Gefahr für andere war – verstärkte Grenzen, die Kriminalisierung von Dissens, die Willkür der Macht, die Irrelevanz jeder Wahrheit – ist in den Horizont jener eingetreten, die lange glaubten, vor dieser Gefahr geschützt zu sein. Dieselben Stimmen, die nun den Zusammenbruch von Normen beklagen, waren weitgehend still, solange diese Normen auf der systematischen Aussetzung von Rechten für nicht-weiße, nicht-europäische, nicht-bürgerliche Körper beruhten.

Was hier zusammenbricht, ist nicht nur eine geopolitische Konstellation, sondern die Glaubwürdigkeit und Unausweichlichkeit eines Realismus: jenes erzählerischen Rahmens, der die Gegenwart jahrzehntelang als alternativlos präsentierte – als Ordnung, als Sicherheit, als Notwendigkeit. Mark Fisher nannte diesen Zustand »kapitalistischen Realismus«: die Unfähigkeit, sich irgendeine Transformation außerhalb des gegenwärtigen kapitalistischen Systems vorzustellen, bekannt geworden durch den von Fredric Jameson entlehnten Satz, dass es leichter sei, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.

Fisher entwarf seine Theorie im Nachhall der Finanzkrise, die ein Loch in das Gewebe der liberal-demokratisch-kapitalistischen Weltordnung riss, die sich bis dahin selbst als Ende der Geschichte begriffen hatte – als das System, das alle anderen Systeme überwunden habe. Doch selbst nach 2008 zerbrach dieser Realismus nicht, er verfestigte sich noch. Er integrierte erneut die Kritik, ästhetisierte den Dissens, verwaltete die permanente Krise als Normalität. Er zeigte erneut, dass der Kapitalismus – mehr als jede andere Ideologie – ein System ist, das nicht auf die Unterstützung der Menschen angewiesen ist, die in ihm leben, sondern nur auf die Komplizenschaft derer, die den Status quo aufrechterhalten wollen.

Und damit kommen wir zur Verantwortung von Schriftsteller:innen, Journalist:innen und all jenen, die durch kulturelle Soft Power zur Stabilisierung dieses Systems beitragen.

Denn Realismus beruht auf Kontinuität – auf dem Gefühl, dass die Gegenwart, wie brutal sie auch sein mag, innerhalb eines stabilen Horizonts verständlich bleibt. Genau dieser Horizont beginnt nun zu schwanken. Ein diffuses (Klassen-)Bewusstsein breitet sich aus: das Gefühl, dass »etwas nicht stimmt«. Nicht nur weil die Ziele der Mächtigen so durchsichtig sind, sondern weil sich die Architektur der Macht selbst verschiebt.

Die Krise ist daher auch eine Krise der Erzählung: der Wahrheiten, die sie tragen kann, und der rechtlichen und politischen Konsequenzen, die jede enthüllte Wahrheit einfordern muss.

Zunehmend argumentieren Stimmen, dass der Kapitalismus selbst ersetzt werde: durch eine Form techno-feudaler, techno-faschistischer Revolution von oben (nicht die erhoffte proletarische), in der Plattformen zu Lehnsherren werden, Zugang Eigentum ersetzt und Souveränität durch Einhegungen, Daten, Logistik und Abhängigkeit ausgeübt wird. Ob der Begriff Technofeudalismus Bestand haben wird, ist weniger wichtig als das, was er anzeigt: Wenn sich die Produktions- und Herrschaftsweise verändert, verschiebt sich der Ort der Macht – und mit ihm die Adresse der Kritik.

Gerade deshalb ist unausweichlich, dass jene Verantwortung übernehmen, die mit Worten arbeiten. Denn während an imperialer Gewalt offensichtlich nichts Neues ist, ist durchaus neu, dass imperiale Mächte sich nicht länger bemühen, ihre eigenen Strukturen zu verschleiern, sich nicht länger als Realismus geben. Diese Verschiebung signalisiert einen umfassenderen Paradigmenwechsel. Die Krise ist daher auch eine Krise der Erzählung: der Wahrheiten, die sie tragen kann, und der rechtlichen und politischen Konsequenzen, die jede enthüllte Wahrheit einfordern muss.

Auf dem Spiel steht also nicht nur, wie Macht handelt, sondern wie Widerstand sichtbar wird – ein Problem, das im Zentrum von Peter Weiss’ Werk steht. Wie Weiss insistieren würde, lautet die Frage nicht nur, wogegen Widerstand geleistet wird, sondern wie Widerstand in der Geschichte lesbar gemacht werden kann.

In diesem Sinne war die Verschiebung, die Weiss in seinem Werk vollzog, entscheidend. Ursprünglich hatte er Die Ästhetik des Widerstands als eine Reihe von Porträts konzipiert: Individuen, ihre Taktiken, ihre Leben. Doch irgendwann verschob sich der Schwerpunkt. Nicht mehr der Widerstand selbst, sondern seine Ästhetik trat in den Titel. Ästhetik meint nicht Stil oder Spektakel, sondern die Bedingungen, unter denen Widerstand wahrgenommen, erinnert und weitergegeben werden kann: welche Rolle Worte, die Künste, die Literatur spielen. Ihre Rückkehr zu einer Funktion jenseits von Spektakel und Dienstleistung für diejenigen, die vom Status Quo profitieren.

Weiss schrieb als Verspäteter. Er war nicht Teil des Widerstands gewesen. Als junger Mann floh er mit seiner Familie aus Deutschland und erlebte den Krieg im Exil. Das »Ich« seines Romans spricht nicht aus dem Kampf, sondern aus seinem Echo. Es ist zögernd, unheroisch, geprägt von Nachträglichkeit. Doch es weiß, dass Schweigen schlimmer wäre. Literarische Arbeit wird zu einer Form von Pflicht. Weiss wusste, dass Literatur die Vergangenheit nicht rückgängig machen oder die Toten auferwecken kann. Aber sie kann bewahren, was die Macht vergessen machen will: ihre Motive, die Erinnerung an Verrat, die Spuren des Widerstands. Seine Verspätung entschuldigte ihn nicht. Sie schärfte die Aufgabe.

Die Ästhetik des Widerstands spricht von einem Land, das nie Wirklichkeit wurde – von einem antiautoritären, antifaschistischen Deutschland, dessen Entstehen sowohl im Osten als auch im Westen verhindert wurde. Im Westen war Weiss zu kommunistisch, im Osten zu anti-stalinistisch. Die Frage, die er hinterlässt, ist nicht nostalgisch, sondern offen: Was sollte werden aus diesem Land, das jetzt fast all derer beraubt worden war, die ihm ein neues Gesicht hätten geben können.

Weiss’ Roman, als Handbuch gelesen, erinnert daran, dass selbst in der Gegenwart dessen, was wie die schlechteste aller möglichen Welten erscheint, andere Zukünfte verwoben sind. Wer Zugang zu den Mitteln kultureller Produktion hat, trägt Verantwortung: diese Zukünfte nachzuzeichnen, sie zu stärken und in den nächsten Kampf zu tragen. Ästhetische Opposition muss über symbolischen Protest hinausgehen und dauerhafte Gegenstrukturen aufbauen, die der autoritären Reorganisation materiell widerstehen können.

Und wenn es auch nicht so werden würde, wie wir es erhofft hatten, so änderte dies doch an den Hoffnungen nichts. Das »Wir« bei Weiss ist niemals neutral oder majoritär. Es ist ein Kollektiv, das durch Verweigerung entsteht – gegen Faschismus, Imperialismus und Kapitalismus – und in einem gemeinsamen Projekt gründet, nicht in Herkunft oder Identität. Dieses »Wir« ist nicht gegeben; es muss durch Solidarität, Imagination und Widerspruch aufgebaut werden. Es in die Gegenwart zu tragen heißt, es zu erweitern.

Weiss hat blinde Flecken: migrantische Arbeit, afro-deutscher Widerstand und die Verbindungen zwischen europäischen linken Bewegungen und globalen dekolonialen Kämpfen. Sein ererbter Internationalismus erfasste nicht vollständig, wie Klasse durch Race, Geschlecht und Geografie gelebt wird. Heute muss Solidarität sich mit rassifiziertem Kapitalismus, Siedlerkolonialismus, ökologischer Zerstörung und planetarer Vertreibung auseinandersetzen – und die Perspektiven indigener und rassifizierter Menschen ins Zentrum stellen, die seit Langem gegen diese Kräfte kämpfen.

Ein abolitionistischer Antifaschismus, der in der Befreiungsbewegung Schwarzer Menschen wurzelt, konzentriert sich beispielsweise nicht allein auf die Bekämpfung rechtsextremer Bewegungen, sondern auf die Transformation der sozialen und institutionellen Bedingungen innerhalb liberaler Demokratien, die faschistische Macht überhaupt erst hervorbringen – darunter Imperialismus, rassistischer Kapitalismus und staatliche Gewalt. Er befürwortet internationale Solidarität, die auf antikolonialem und antirassistischem Kampf basiert.

In ihrem kürzlich erschienenen Artikel Schwarze Kritik des Faschismus betonte Vanessa E. Thompson, dass eine Schwarze Kritik des Faschismus »zu einem Verständnis von Faschisierung bei[trägt], das diese nicht als Gegensatz zu liberaler Demokratie, sondern als in liberal-demokratische Rationalitäten eingelassen betrachtet«.

Hoffnung ist bei Weiss keine Erlösung, sondern eine Verweigerung – die Weigerung, Struktur mit Schicksal zu verwechseln, Herrschaft mit Verschwörung oder das, was existiert, mit dem, was existieren muss.

Nach Die Ästhetik des Widerstands kehrt Weiss’ letztes Stück Der neue Prozeß zu Kafka zurück. Im Zimmer des Verurteilten zeigt eine hochgelegene Luke den Lärm eines Prozesses an, der ständig fortschreitet; der eine Macht anzeigt, die unablässig weiter und weiter geht, unabhängig von den Bemühungen der Person, die in diesem Zimmer lebt.

Der neue Prozeß zeigt, dass Macht kein Schicksal und keine verborgene Absicht ist, sondern Struktur, Routine und die Banalität der Normalität. Eine Art Realismus, dessen inneres Funktionieren schwer zu verfolgen ist, der aber überall hörbar wird, sobald man gelernt hat hinzuhören. Das eröffnet zwar keinen Ausweg, aber ein Ende der Verzauberung.

Hoffnung ist bei Weiss keine Erlösung, sondern eine Verweigerung – die Weigerung, Struktur mit Schicksal zu verwechseln, Herrschaft mit Verschwörung oder das, was existiert, mit dem, was existieren muss. Die Luke öffnet auf keinen Raum, sondern auf eine Orientierung.

Von hier aus gesehen ist Hoffnung kein Gefühl mehr im Raum, sondern eine fragile Fähigkeit: am Wissen festzuhalten, dass die Welt, wie sie erscheint, nicht die einzige ist, die je gedacht wurde. Dieses Wissen lebt in der Demokratie Rojavas, im palästinensischen Widerstand, im antifaschistischen, antikapitalistischen Kämpfen, in linken Gewerkschaften und indigenen Kollektiven, die against all odds kämpfen. Es ist das Wissen, dass andere Zukünfte existierten – und besiegt wurden – und dass ihre Niederlage die Notwendigkeit zum Widerstand nicht aufhebt.

Walter Benjamin schreibt: Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben. Hoffnung ist kein Trost. Sie ist Treue zu unvollendeten Kämpfen. Sie ist die Weigerung, der Niederlage das letzte Wort zu überlassen. Sie ist kein Optimismus, sondern Verpflichtung.

Nicht weil der Sieg wahrscheinlich ist, sondern weil der Verlust der Hoffnung als utopischer Vorstellungskraft und Orientierung unerträglich wäre. Und vielleicht gibt es keinen besseren Moment, dieser Aufgabe gerecht zu werden, als jetzt, da das Gewebe des kapitalistischen Realismus aufreißt und eine neue Ordnung entsteht, die noch veränderbar und fragil wirkt.

Peter Weiss sagt: Und wenn es auch nicht so werden würde, wie wir es erhofft hatten, so änderte dies doch an den Hoffnungen nichts. Die Hoffnungen würden bleiben. Die Utopie würde notwendig sein. Auch später würden die Hoffnungen unzählige Male aufflammen, vom überlegnen Feind erstickt und wieder neu erweckt werden.

Er fordert uns nicht auf, an Hoffnung zu glauben. Er fordert uns auf, so zu handeln, als sei die Zukunft noch offen – nicht weil sie garantiert ist, sondern weil anders zu leben hieße, den Raum als endgültig zu akzeptieren und ihn damit unerträglich zu machen.

Hoffnung ist kein Ausweg.

Sie ist die Weigerung, Begrenzung mit Ewigkeit zu verwechseln.

Fabian Saul ist Autor, Komponist sowie Chefredakteur des Magazins Flaneur. Zuletzt erschien sein Roman »Die Trauer der Tangente« (2024, Matthes & Seitz) sowie sein Hörspiel »Die Ästhetik des Widerstands – Variationen zu Peter Weiss« (2025, Deutschlandfunk). Für sein Werk wurde er u.a. mit der Alfred-Döblin-Medaille ausgezeichnet.

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