Im Feindesland

Ein Bekannter erzählte mir zuletzt, er könne seit Ende 2023 keine deutschen Medien mehr konsumieren. Wenn er eine deutsche Zeitung aufschlage, betrete er Feindesland, sagte er, der in Deutschland geboren ist und dessen Eltern aus dem Nahen Osten stammen. Und doch bemühte er sich zu differenzieren. Auf den Straßen seiner Stadt spüre er eine ganz andere Stimmung; in Gesprächen mit Fremden und Freunden würden ihm Reaktionen auf das Geschehen in Israel-Palästina begegnen, die stark von denen abwichen, die im Fernsehen vermittelt werden – Unglauben, Wut und sogar Schuldgefühle angesichts des israelischen Vorgehens, das durch deutsche Unterstützung ermöglicht wird. In den Zeitungen und in den Fernsehstudios ist die Wirklichkeit umgekehrt. Hier ist das Terrain, auf dem er glaubt, zum Freiwild erklärt zu werden.
Mit Menschen, die meist aus biografischen Gründen einen über Deutschland hinausreichenden Horizont haben, habe ich mehrfach ähnliche Gespräche geführt. Viele davon waren von Enttäuschung, Verwirrung und Unverständnis über den Zustand der deutschen Medien geprägt. Um zu begreifen, wie wir an einen Punkt gekommen sind, an dem für viele schon der Anschein einer Diskussion kaum noch erkennbar ist, fallen mir drei Punkte ein – eher anekdotisch und fragmentarisch als in einer echten Diagnose.
Verordnete Empathie und Empathielosigkeit
Vor wenigen Jahren, als Begriffe wie Antirassismus noch völlig unbestritten waren, wurde in den Feuilletons debattiert, ob die Frage „Wo kommst du her?“ Rassismus impliziere, wenn sie an Menschen gerichtet wird, die nicht sicht- oder hörbar als ethnisch deutsch zu erkennen sind,. Seit dem 7. Oktober scheint mir die Frage „Wie geht es dir?“ eine weitaus stärkere rassistische Implikation zu haben. Je nachdem, ob und wem sie gestellt oder nicht gestellt wird.
Ich möchte nicht undankbar klingen. Die Tage und Wochen nach dem 7. Oktober waren für Menschen israelischer Herkunft wie mich schwierig. Die Nachrichten von Menschen, die ich gut oder weniger gut kannte und die sich nach meinen Freunden und meiner Familie erkundigten, haben mich berührt. Aber zugleich blieb ein leichter Beigeschmack, gerade wenn diese Anteilnahme nicht aus meinem engsten Kreis kam. Sie wirkte ein wenig wie Pflichtübung, wie etwas, das von oben herab verordnet wurde.
Als ich später, im Winter 2023, mit einem Freund aus Gaza in Berlin sprach – viele seiner Familienangehörigen waren bereits im Oktober durch israelische Bomben getötet worden –, erzählte er mir, dass sich kein einziger deutscher Kollege bei ihm gemeldet habe. Dass er in den Monaten danach in seinem hochgebildeten beruflichen Umfeld nichts als Schweigen, ja sogar Feindseligkeit erlebt habe. Danach kamen mir die Sympathiebekundungen deutscher Bekannter und Kollegen an meine Adresse seltsam hohl vor.
Wir sind nicht nur Papst – Deutschland ist jetzt auch Kibbutz Beeri.
Ich beginne mit dieser persönlichen Wahrnehmung, weil ich etwas ansprechen möchte, das emotional schwierig ist – als jemand, der aus Israel kommt, am 7. Oktober voller Sorge war und Betroffene des Massakers persönlich kennt. Die Empathie, die Ende 2023 in deutschen Zeitungen beschworen wurde, unterschied sich von Mitgefühl: Sie war eine inszenierte Mitbetroffenheit. In einem Zeit-Artikel hieß es sogar: „Die Solidarität mit Israel, so oft eine mechanisch dahingesagte Phrase, ist auf einmal wieder eine lebendige Empfindung.“
Diese verordnet wirkenden Gefühle, die Ausleuchtung so intimer Details der Opfer – in einer Intensität, die man bei kaum einem anderen ausländischen Konflikt sieht – folgten der Logik, den israelischen Schmerz zu übernehmen, als wäre er der eigene. Das Grauen wurde nicht als etwas wahrgenommen, das in einem fernen Land mit komplexer Vorgeschichte geschieht, sondern als etwas, das Deutschland unmittelbar trifft. Wir sind nicht nur Papst – Deutschland ist jetzt auch Kibbutz Beeri.
Und dort, wo die Grenze von Mitgefühl zu Mitbetroffenheit überschritten wurde, kam etwas Schreckliches hervor. Denn wer leidet, wer wirklich Opfer einer Straftat wird, dem traut man nicht zu, frei zu denken – sachlich zu sein, mehrere Perspektiven gleichzeitig einzunehmen. Wer im eigenen Schmerz aufgeht, kann nicht klar denken, kann nicht mit anderen mitfühlen – erst recht nicht mit dem vermeintlichen oder tatsächlichen Täter. Opfer zu werden bedeutet, von Verantwortung entbunden zu sein. Genau das war auch Teil der Funktion dieser Inszenierung: exzessive Empathie als Freischein für Empathielosigkeit, für Härte, für das Nicht-Wissen- und Nicht-Sehen-Müssen dessen, was schon in den ersten Tagen sichtbar vor aller Welt ins Rollen kam.
Die Expansion des Feuilletons
In deutschen Redaktionen wird intern noch klar zwischen Ressorts unterschieden: hier die Auslandsredaktion, dort die Investigativ-Abteilung – und ein Stockwerk weiter oben sitzt das Feuilleton. Für ältere Insider ist diese Architektur selbstverständlich und von großer Bedeutung. Für die meisten Leser hingegen ist diese Ressorttrennung – selbst dort, wo sie in der Printausgabe noch durchscheint – kaum mehr erkennbar. Das hat nicht nur mit dem Internet zu tun, das als eine Art Angleichungsmaschine über alle Medienprodukte hinweg wirkt. Auch innerhalb der Redaktionen wird es offenbar schwieriger, diese Aufteilung sauber aufrechtzuerhalten.
Der Ich-Erzähler des Feuilletons geht nicht mehr nur zu Kunstausstellungen, sondern begleitet nun unsere Soldaten oder Polizisten – in Rafah wie auf der Sonnenallee.
Einerseits haben wir im wohl angesehensten Magazin des Landes erlebt, wie ein ganzes Investigativ-Team der Frage nachgeht, wo Greta Thunberg – unserer deutschen Meinung nach – falsch abgebogen sei. Andererseits lesen wir in einer linken Zeitung die Texte einer Kolumnistin, die wiederholt über Gräueltaten in Israel berichtet, die nie stattgefunden haben. Die nachweislich falschen Informationen wurden bis heute nicht korrigiert. Fact-Checking gilt offenbar nicht für Meinungsbeiträge.
So ist in den letzten Jahren eine merkwürdige Berichterstattung entstanden, in der unangenehme Fakten – wenn sie überhaupt vorkommen – von belehrenden, feierlich vorgetragenen Mahnungen eingehegt werden, Hamas trage die volle Verantwortung für alles Leid, das Palästinensern noch widerfahren werde, während Erfundenes und deutliche Übertreibungen als Meinung durchgehen. Der Ich-Erzähler des Feuilletons geht nicht mehr nur zu Kunstausstellungen, sondern begleitet nun unsere Soldaten oder Polizisten – in Rafah wie auf der Sonnenallee.
Identitätspolitik ohne Diversität
Wir leben in einer Medienlandschaft, die die Standpunktepistemologie entdeckt hat: identitärer, subjektiver, gefühlsnäher – mit mehr Platz für Wahrnehmung und oft weniger für Fakten. Das ist nicht per se falsch. Denn auch die alte journalistische Schule, die den objektiven Berichterstatter – oft männlich, fast immer weiß – zum Vorbild erhob, hatte ihre eigenen blinden Flecken.
Deutsche Redaktionen sind oft weniger divers als manche Vorstände von Frankfurter Banken – selbst unter den jüngeren Kollegen. Menschen mit palästinensischer oder arabischer Biografie sind nahezu vollständig abwesend.
Diese Verschiebung vollzieht sich dennoch in einem außergewöhnlich ungleichen Setting. Deutsche Redaktionen sind oft weniger divers als manche Vorstände von Frankfurter Banken – selbst unter den jüngeren Kollegen. Menschen mit palästinensischer oder arabischer Biografie sind nahezu vollständig abwesend. Es ist ein trauriger, wahrer Witz: Ahmad Mansour, konservatives Aushängeschild im Kampf gegen den Islamismus, ist in vielen Zeitungen mit großem Abstand die meistpublizierte und meistzitierte Person palästinensischer Herkunft.
Wenn man zudem berücksichtigt, welche Repressalien Journalisten arabischer und muslimischer Herkunft zu befürchten haben, wenn sie sich zu Themen äußern, mit denen sie biografisch zu tun haben und dabei von den Positionen Mansours abweichen, und welche Kampagnen gegen sie – viel zu oft mit Erfolg – geführt werden, dann versteht man, warum selbst „diverse“ Redaktionen kaum Möglichkeiten für sichtbar vielfältige Perspektiven bieten. Betroffenheit ja, aber nur für die Richtigen, scheint das Motto zu sein.
Wohin jetzt?
Der Frust und die Wut angesichts der Nahost-Berichterstattung der letzten Jahre führen viele dazu, wie die eingangs zitierte Person, das „Feindland“ deutscher Medien nicht mehr betreten zu wollen. Und die Tatsache, dass eine höchst vielfältige Medienlandschaft – mit unterschiedlichen öffentlichen und privaten Finanzierungsquellen – bis auf sehr wenige Ausnahmen so spektakulär versagt hat, kann selbst Anlass zur Verzweiflung sein.
Was tun? Gegen so verhärtete Fronten hilft nur eine Vielfalt an Strategien – innerhalb und außerhalb der etablierten Redaktionen. Dass in den letzten Jahren viele alternative, kleinere Medien entstanden sind, zeigt bereits Wirkung und entlarvt die Engstirnigkeit, die so viele Ressorts dominiert.
Wir brauchen aber auch mehr engagierte Leser und Kommentatoren, die positives Feedback geben, wenn Berichterstattung grundlegenden journalistischen Standards folgt – oder, wenn nötig, mit Leserbriefen, Beschwerden beim Presserat und anderen Interventionen daran erinnern, dass Medien die Verantwortung haben, faktenbasiert und nach menschenrechtlichen Prinzipien zu berichten.
Das Entscheidende bleibt für mich die internationale Vernetzung, die weit stärker institutionell verankert werden muss. Sie ermöglicht es Nicht-Deutschen nicht nur, zur Informationsquelle zu werden, sondern auch tatsächlich kritisches Feedback zu geben. Nicht zufällig kamen einige der wichtigsten Recherchen der letzten Jahre durch Kooperationen mit Journalisten jenseits Deutschlands zustande. Gegen den deutschen Provinzialismus hilft es vor allem, die Fenster zur Außenwelt zu öffnen. Der Gestank allerdings ist längst in die Tapete eingezogen.



