Ein Abend an der BURG

Hanno Hauenstein

Vor dem Amtsgericht Halle (Saale) soll geklärt werden, wer das Opfer bei einer Campusattacke war. Für manche ist das Urteil schon gesprochen.

Halle’s Giebichenstein Castle, 1900. Image courtesy of Wikimedia Commons.

Ein Sommernachmittag Mitte Juli 2024 auf dem Campus der Kunsthochschule Burg Giebichenstein (kurz: Burg) in Halle an der Saale. Es ist die Jahresausstellung — das große Ereignis des Studienjahres.

Unter ihnen ist der 29-Jährige Farouk (Name von der Red. geändert). Seine Partnerin studiert zu dieser Zeit an der Burg. Farouk ist in Rheinland-Pfalz aufgewachsen, sein Vater stammt aus Tunesien. Farouk selbst sieht sich als Teil der tunesischen Diaspora. Über seinen Schultern trägt er an dem Abend eine Kufiya – das wohl bekannteste Symbol der Solidarität mit Palästina.

Zwischen Kunst- und Mode-Ateliers flirrt an diesem Eröffnungsabend Musik, dann geschieht das Unerwartete: Farouk wird angegriffen. Ein kahl rasierter Mann mit Quarzhandschuhen in der Hosentasche reißt ihm die Kufiya von den Schultern und schlägt Farouk ins Gesicht.

„Er kam einfach aus dem Nichts“, sagt Farouk im Gespräch mit the Diasporist. Ein anderer Besucher eilt herbei, bringt den Angreifer zu Boden und hält ihn im Würgegriff, bis Polizei und Rettungskräfte eintreffen.

Der Schlag trifft Farouk so heftig, dass er ins Krankenhaus eingeliefert wird. Im Protokoll der Notaufnahme des Klinikums Bergmannstrost Halle (Saale), das der Redaktion vorliegt, werden eine Prellung des linken Ellenbogens und eine frontale Schädelprellung dokumentiert.

Gegen den Mann, der an jenem Juli-Abend auf Farouk losging, ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung. Doch auch der Helfer, der eingeschritten war, wurde vom Angreifer angezeigt; auch gegen ihn läuft nun ein Verfahren wegen des Verdachts auf Körperverletzung.


Auf den ersten Blick betrachtet wirkt, was an diesem Abend passiert ist, wie ein klarer Fall rassistischer Gewalt. Farouk, ein junger Mann mit Migrationsgeschichte, wird angegriffen – offenbar wegen seines Erscheinungsbilds. Und weil er eine Kufiya trägt.

Nach dem 7. Oktober 2023 rückte die Kufiya in Deutschland in den Kern der Debatten um Solidarität mit und Kritik an Israel. Aus rechten und konservativen, teils aber auch aus linken und liberalen Kreisen wird die Kufiya hierzulande immer wieder als antisemitisches – oder antisemitisch konnotiertes – Symbol diskreditiert.

Farouks Angreifer scheint diese Auffassung zu teilen. Fotos der Nacht sowie Zeugenaussagen, die the Diasporist vorliegen, deuten darauf hin, dass er sich im Umfeld der sogenannten „antideutschen“ Szene in Halle bewegt. Antideutsche sind eine Strömung der radikalen Linken. Aus ihrer Ablehnung deutschen Nationalismus’ entwickelte sich eine extreme pro-israelische und pro-amerikanische Haltung. In den vergangenen Jahren hat sich diese Solidarität mit Israel zunehmend in nationalistische, islamfeindliche – und teils offen rassistische – Positionen übersetzt.

Die Begründung: Der Mann, der Farouk attackierte, hat auf seinem Kopf eine Kombination aus der US-Flagge und einem Davidstern tätowiert.

Kurz nach dem Vorfall veröffentlichte die Burg Giebichenstein eine Stellungnahme auf ihrer Website. Sie deckt sich weitgehend mit Farouks Darstellung und verweist auf mehrere Zeug:innen des Angriffs. Außerdem heißt es darin, dass der Angreifer in Begleitung von zwei weiteren Personen vor Ort gewesen sei. Mehrere Studierende hätten berichtet, dass die drei zu einer Gruppe gehörten, die bereits zuvor durch aggressives Verhalten aufgefallen sei. Der Dekan des Fachbereichs Design habe den drei Personen ein Hausverbot erteilt.

Doch schon kurz nach dem Angriff wurde Farouks Darstellung öffentlich in Zweifel gezogen. Gruppen, die auch in den vergangenen zweieinhalb Jahren durch eine besonders deutliche Unterstützung Israels aufgefallen sind – etwa das Bündnis gegen Antisemitismus Halle oder das lokale Junge Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft –, präsentierten eine andere Version des Geschehens. In ihren Berichten wird nicht Farouk als Opfer benannt – sondern sein Angreifer.

Die Begründung: Der Mann, der Farouk attackierte, hat auf seinem Kopf eine Kombination aus der US-Flagge und einem Davidstern tätowiert. Nach der Logik dieser Gruppen wurde er damit zum Ziel eines antisemitischen Angriffs. Die Gewalt, mit der der andere Besucher ihn zu Boden brachte und festhielt, wird somit als antisemitische Tat interpretiert: Er sei wegen seiner pro-israelischen Haltung attackiert worden und dies sei antisemitisch.

Das Bündnis gegen Antisemitismus Halle formuliert das so: „Völlig ohne Not schlug ein Mitarbeiter einem Beteiligten, der sichtbar einen Davidstern als Tattoo trug, ohne vorherige Ansprache sofort mit versierten Faustschlägen auf den Kopf, warf ihn zu Boden und würgte ihn, bis er blau anlief”. Das Junge Forum Halle der Deutsch-Israelischen Gesellschaft schildert den Vorfall ähnlich.

Der Name des Mannes, der hier zum Opfer stilisiert wird, wird aus rechtlichen Gründen nicht genannt. Keiner der Berichte enthält einen Hinweis darauf, dass der Angreifer selbst jüdisch sein könnte. Hajo Berger vom Bündnis gegen Antisemitismus Halle sagte gegenüber the Diasporist, an der Einschätzung der Ereignisse aus dem Jahr 2024 habe sich nichts geändert. „Sie basiert auf Augenzeugenberichten“, so Berger, „unter anderem auf Berichten von Mitgliedern unseres Bündnisses.“ The Diasporist versuchte, über das Bündnis Kontakt zu der Person aufzunehmen, die Farouk an besagtem Abend angriff, um dessen Perspektive einzuholen. Die Gruppe bestätigte, die Anfrage weitergeleitet zu haben. Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels blieb sie unbeantwortet.

In den vergangenen Jahren wurden Ansprüche auf antisemitische Opfererfahrungen zunehmend auch auf Personen oder Gruppen ausgeweitet, die Symbole der Solidarität mit Israel zeigen.

Die Identität des Besuchers, der Farouk zu Hilfe kam, sowie seine mögliche Beziehung zur Hochschule konnten nicht verifiziert werden.

Die Stellungnahmen der genannten Organisationen verweisen auf eine Verschiebung im deutschen Diskurs über Antisemitismus. In den vergangenen Jahren wurden Ansprüche auf antisemitische Opfererfahrungen zunehmend auch auf Personen oder Gruppen ausgeweitet, die Symbole der Solidarität mit Israel zeigen – dies reicht teilweise so weit, dass selbst Auseinandersetzungen mit angeblicher Gewalt gegen Polizeibeamte bei Palästina-Solidaritätsdemonstrationen als antisemitische Vorfälle gezählt werden und in entsprechende Statistiken einwandern.

In der Folge des Angriffs wurde die Darstellung des Bündnisses gegen Antisemitismus Halle auch von mehreren zivilgesellschaftlichen Beobachtungs- und Beratungsstellen übernommen – darunter die staatlich geförderte Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) sowie OFEK e. V., eine öffentlich finanzierte Fachberatungsstelle für Betroffene von Antisemitismus, und die Amadeu-Antonio-Stiftung. Alle drei ordnen das Einschreiten gegenüber Farouks Angreifer in einen antisemitischen Kontext ein.

Im Jahresbericht „Antisemitische Vorfälle in Sachsen-Anhalt 2024” führt RIAS den Vorfall an der Burg im Rahmen einer ausführlicheren Beschreibung der Gruppe „Students for Palestine” auf. Der Vorfall wird als eine „Gewalttat im Rahmen einer politischen Auseinandersetzung“ beschrieben, „bei der eine Person, die sich pro-israelisch positioniert, durch Schläge und mit einem Würgegriff verletzt wurde“. Der Jahresbericht von RIAS enthält keine weiteren Details oder Kontext zum Hintergrund oder zum Ablauf der Ereignisse.

Auf Nachfrage, auf welcher Grundlage RIAS den Vorfall als antisemitisch einordnete – zumal er sowohl von der Hochschule als auch in diversen Zeugenaussagen anders bewertet wurde – erklärte die Meldestelle gegenüber the Diasporist: „Der Vorfall ist im Bericht nicht als antisemitischer Vorfall aufgeführt, sondern wird als zusätzlicher Kontext genannt.“ Mit anderen Worten: Der Angriff wurde im Bericht erwähnt, aber nicht in die offiziellen Statistiken antisemitischer Vorfälle in Sachsen-Anhalt für das Jahr 2024 aufgenommen. Es ist zweifelhaft, dass Leser:innen den Unterschied zwischen einem als antisemitisch klassifizierten Vorfall und einem Vorfall, der lediglich als „zusätzlicher Kontext“ in einem Jahresbericht über antisemitische Vorfälle erwähnt wird, überhaupt erkennen können. Der Bericht von RIAS selbst macht einen solchen Unterschied in seinem Bericht nicht explizit deutlich.

OFEK bezeichnet den Vorfall auf X als „brutalen Angriff mit antisemitischem Hintergrund“. Zwar benennt OFEK den Kontext. Dem Angriff, heißt es in einem Folge-Tweet, sei „unangemessenes Verhalten“ des Betroffenen vorausgegangen – was genau damit gemeint sein soll, bleibt offen. Rückfragen zu den Grundlagen der Klassifizierung des Vorfalls ließ OFEK unbeantwortet.

Und auch die Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus engagiert, führt den Vorfall in ihrer Online-Chronik antisemitischer Vorfälle als antisemitische Tat auf. In der Fallbeschreibung steht, an der Burg sei bei einer Jahresausstellung eine Person mit einem sichtbaren Davidstern-Tattoo angegriffen worden. Auch hier fehlt der Kontext. Die Amadeu-Antonio-Stiftung ließ einen Fragenkatalog von the Diasporist zu den Grundlagen der Einstufung des Vorfalls als antisemitisch unbeantwortet.


Mehr als ein Jahr nach dem Vorfall beschreibt Farouk im Gespräch mit the Diasporist ein Gefühl der „doppelten Ohnmacht“: zuerst auf dem Campus angegriffen worden zu sein – und später zum Täter gemacht zu werden.

Eine zentrale Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung des Vorfalls an der Burg spielte die mediale Berichterstattung. Zahlreiche Medien übernahmen die Darstellung, wonach der eigentliche Skandal in einem Angriff auf einen „pro-israelischen“ Mann liege. Farouks Erfahrung und seine Verletzungen blieben dabei oft völlig unerwähnt. In einem Text der Jüdischen Allgemeinen, der rund eine Woche nach dem Vorfall erschien, heißt es: „Die Feierlichkeiten wurden von Gewalt gegen eine Person mit einem sichtbaren Davidstern-Tattoo überschattet.“

Welche Verantwortung tragen Institutionen wie RIAS, OFEK und die Amadeu-Antonio-Stiftung, deren Aufgabe darin besteht, Antisemitismus zu dokumentieren?

Auch die Deutsche Presse-Agentur (dpa) griff den Fall auf. In einer Version des dpa-Berichts, die in Der Spiegel erschien, wird ein Sprecher des Jungen Forums Halle zitiert, der den Vorfall in ein breiteres Klima antisemitischer Vorfälle auf dem Campus einordnet. Er wirft der Hochschule darin vor, mit ihrer Darstellung „Partei ergriffen“ zu haben. Seitens des Sprechers werden weitere vermeintlich antisemitische Vorfälle im Vorfeld der Veranstaltung erwähnt – etwa ein Plakat, das Israels Militäreinsätze als „Krieg gegen die gesamte Region“ bezeichnet.

Ein Jahr später, im Sommer 2025, greift auch die Bild-Zeitung den Fall in einem Artikel über die Jahresausstellung der Burg auf. Dort heißt es: „Bereits im vergangenen Jahr gab es Kritik an Ausstellungsstücken.“ Und: „Ein Besucher, der 2024 versuchte, ein antisemitisches Symbol zu entfernen, wurde zusammengeschlagen.“

Der Fall zeigt, wie tief die begriffliche Verwirrung reicht: Die Umdeutung eines Aktes offenbar rassistischer Gewalt zu einem Akt des Antisemitismus gegen den Angreifer ist längst nicht mehr nur Produkt antideutscher Kleingruppen oder politisch motivierter Interessenverbände, sondern wird mittels Medienberichten und unkritischer Politisierung durch zivilgesellschaftliche Organisationen weiter fortgeschrieben.


Dies wirft eine Reihe Fragen auf: Was, wenn der Kampf gegen Antisemitismus zur Verzerrung rassistischer Gewalt wird? Was, wenn das Abwehren eines tätlichen Angriffs als antisemitisch gilt, weil der Angreifer sich als „pro-israelisch“ inszeniert? Welche Verantwortung tragen Institutionen wie RIAS, OFEK und die Amadeu-Antonio-Stiftung, deren Aufgabe darin besteht, Antisemitismus zu dokumentieren? Welche Verantwortung trägt eine Öffentlichkeit, indem sie derartige Verzerrungen übernimmt?

RIAS’ Berichte werden regelmäßig von Deutschlands größten Medienhäusern als maßgebliche Quelle zu antisemitischen Vorfällen zitiert. Dabei steht die Methodik der Organisation selbst in der Kritik. Ihr wurde wiederholt vorgeworfen, die Grenze zwischen Kritik an israelischer Politik und tatsächlichem Antisemitismus zu verwischen und so – bewusst oder unbewusst – ebenjene Muster zu stärken, die von der extremen Rechten in Israel und außerhalb seit Jahren aggressiv gegen politische Gegner:innen in Anschlag gebracht werden.

Dass der Vorfall an der Burg ausgerechnet in Halle (Saale) stattgefunden hat, verleiht ihm zusätzliche Brisanz. 2019 ereignete sich hier eins der schwersten antisemitischen Attentate der deutschen Nachkriegsgeschichte: der versuchte Massenmord an Jüdinnen und Juden in der Synagoge an Yom Kippur. Als der rechtsextreme Täter die verriegelte Eingangstür nicht überwinden konnte, erschoss er zwei Menschen – eine Person vor der Synagoge, eine in einem nahegelegenen Dönerladen. Die Stadt wurde zum Symbol für Antisemitismus in Deutschland – und dafür, wie eng antisemitische und rassistische Ideologien verwoben sind.

„Die pauschale Diffamierung von Menschen, die sich solidarisch mit Palästina zeigen, wird heute viel zu oft mit dem vermeintlichen Engagement gegen Antisemitismus gerechtfertigt“, sagt Farouk. Er betont: „Rassismus ist kein Randphänomen“ – sondern finde sich längst auch in Milieus, die sich als progressiv verstehen. Farouk hofft, dass das laufende Strafverfahren, das für den 20. April vor dem Amtsgericht Halle (Saale) angesetzt ist, endlich Klarheit bringt – über den Angriff selbst, aber auch darüber, wie leicht mutmaßliche Täter rassistischer Gewalt in Deutschland zu Opfern erklärt werden können.

Hinweis: Eine frühere Version dieses Artikels gab an, dass Farouk zum Zeitpunkt des Angriffs 26 Jahre alt war. Tatsächlich war er 29 Jahre alt.

Hanno Hauenstein ist freier Journalist und Autor. Seine Artikel wurden unter anderem in The Guardian, The Intercept und beim Deutschlandfunk veröffentlicht.

Weitere Artikel von diesem Autor

Related articles

Newsletter abonnieren

Melde dich für den Newsletter von the Diasporist an, um aktuelle Informationen aus dem Magazin und eine exklusive Vorschau auf unsere Inhalte zu erhalten.