Dietcult

Das Videospiel Elden Ring kann ziemlich frustrierend sein. Bei mir war es nicht anders. Als ich vor einem oder zwei Jahren das Spiel installierte, hatte ich keine Ahnung, was mich erwarten würde. Von den paar Spielen, die ich kannte, hatte ich zwar ein ganz passables Reaktionsvermögen gelernt, nicht aber die geradezu übermenschlichen Fähigkeiten, die es brauchte, um genau den richtigen Sekundenbruchteil für den rettenden Move abzuwarten, bevor irgendein gigantischer Hammer auf mich niederdonnerte oder ein groteskes Maul mit viel zu vielen Zähnen mich verschlang. Ehrlich gesagt war ich ziemlich schlecht. Und dann war da noch etwas, das mir den Verstand raubte. Denn Elden Ring ist nicht nur frustrierend, es ist höllisch verwirrend. Die wenige Zeit, die ich nicht gerade starb, hatte ich keine Ahnung, was eigentlich passiert. Und das änderte sich wenig im Verlauf der 200 Stunden, die ich mit meinem ersten Charakter verbrachte.
Erst später lerne ich, dass diese gewisse, milde ausgedrückt, narrative Unsicherheit das Markenzeichen des Entwicklers Hidetaka Miyazaki ist. Sicher, es mag so etwas wie eine Geschichte geben, vielleicht auf irgendeiner verborgenen Festplatte im Entwicklerstudio, nur erfahren wir als Spieler davon eher wenig. Was Miyazaki uns gibt, sind Fragmente. Die Item-Beschreibung einer seltsam geformten Waffe, die ich eines nachts in einer wirklich schrecklichen Burg inmitten eines, Sie ahnen es bereits, giftigen Sumpfes finde – was mag hier nur geschehen sein? Wem hat sie gehört? Alles, was ich weiß, ist, dass die Form der Waffe, ihre unzähligen Klingen und Widerhaken, auf geradezu schreckliche Weise einer gewissen Kreatur ähneln, die ich – aber nein, das wäre wirklich zu furchtbar, das kann überhaupt nicht sein. Ich lese die trügerischen Spuren einer Geschichte, ich fülle die Lücken mit dem, was ich glaube, was ich annehmen muss, und je mehr ich weiß, desto fremder und unheimlicher kommt mir diese ganze Welt vor.
In stundenlangen Video-Essays sprechen Fans, die noch weniger an die Sonne gehen als ich, von improvisierten Mythologien, aufwendige Erklärungsversuche, sie selbst Zeugen einer verzweifelten Rationalität, dem lästigen menschlichen Bedürfnis, dass alles am Ende irgendwie Sinn ergeben muss. Wie öde das wäre. Die Videos, Podcasts und Reddit-Diskussionen schaffen ein komplexes intertextuelles Gewebe, in das sich Referenzen echter oder vermeintlicher japanischer Folklore ebenso einschreiben wie, im Fall des Spiels Bloodborne, die nicht weniger unabgeschlossenen und verstörenden Welten des Horrorautors H.P. Lovecraft. Spuren von Spuren, Fragmente von Fragmenten: Die Postmoderne respawnt, wo wir es am wenigsten erwarten.
Millionen Spieler lassen sich offenbar gern an der Nase herumführen. Sie setzen sich einer ästhetisch hochgradig anspruchsvollen Unsicherheit aus, akzeptieren sie nicht nur, sondern geben sich ihr mit einer perversen Unterwürfigkeit hin, die sogar unter den Liebhabern komplizierter moderner Romane ihresgleichen sucht. Sie spüren, dass sie nicht eins sind mit dem, was geschieht, und es gefällt ihnen.
Dieser Leser fürchtet sich geradezu davor, losgelassen, fallengelassen zu werden und klammert sich an seinen gutmütigen Erzähler wie ein ängstliches Kind.
Gott bewahre, wenn es hier nicht um ein Spiel, sondern um ein Buch ginge. Die Welt stünde auf dem Kopf, das Feuilleton wäre entsetzt, aber keine Sorge: Ein Manuskript, das so verschwiegen manipulativ mit seinen Lesern umgeht, wie es jedes gute Videospiel macht, würde in keinem Verlag über den Spam-Ordner hinauskommen. Denn im Zuge einer aufwändigen Psyop hat der Literaturbetrieb alle und sich selbst eingeschlossen davon überzeugt, dass unkonventionelle Erzählweisen, Verwirrung und Verstörung, mithin alles, was vom linear erzählten, realistischen Roman abweicht, für den durchschnittlichen deutschen Leser mindestens ebenso schrecklich und abstoßend sei wie die Ungeheuer aus Miyazakis Welt. Im Allgemeinen denkt man sich diesen Leser sehr einfältig: Ein Buch muss sich lesen, wie er selbst durch seine Augen blickt, die erzählte Welt als sanfte Fortsetzung seiner eigenen Erfahrung. Er liebt keine Überraschungen, außer, sie sind ihm durch die Gattungsregeln bekannt, er will Figuren und Situationen, mit denen er sich identifizieren, Themen, bei denen er mitreden kann. Bloß keine Distanz, bloß keine Fremdheit. Nur aufgewärmte Erinnerungen, ein bisschen Diskurs, ein bisschen Unterhaltung – aber nicht zu viel, sonst ist es keine „Literatur“! Dieser Leser fürchtet sich geradezu davor, losgelassen, fallengelassen zu werden und klammert sich an seinen gutmütigen Erzähler wie ein ängstliches Kind. Langsam wird seine Hand schwitzig. Ich kann es kaum erwarten, ihn von der nächsten Klippe zu stoßen.
Besonders jetzt, zur Buchpreis-Saison, tritt dieser fantastische Leser wieder auf den Plan. Ich begegne ihm in Instagram-Posts, die sich darüber beklagen, die Jury des Preises, die Jurys aller Preise, jemals und immerdar, nominierten und prämierten am Publikum vorbei. Dass man mit den Büchern nichts anfangen kann, dass sie unzugänglich, schlimmer noch: anspruchsvoll seien. Damit ist gleichsam das Todesurteil über einen Text gesprochen.
Anspruchsvolle Literatur, echte Literatur, die großen, schweren Bücher. Irgendwie existiert das alles nur noch als Vorstellung in den Köpfen derer, die einen großen Bogen um diese vermeintlichen literarischen Monolithen machen. Denn die meiste Literatur, die in Deutschland erscheint, ist überaus zugänglich. Es gibt im Bereich der besprochenen Prosa so gut wie keine Texte, die ihre Leser ungebührlich herausfordern, etwa so, wie es manche Romane der Moderne oder der Postmoderne auf ihre eigene, zuweilen quälende, immer aber aufregende Weise getan haben. Ich denke hier etwa an das albtraumhafte Labyrinth, in das jeder glückliche Leser von José Donosos Obscene Bird of Night gestoßen wird, wo er sich in den kreisförmigen Gängen der verlassenen Casa verliert, bis er alles, selbst seinen Namen vergessen hat.
Ich erinnere mich an meinen naiven Rausch, mit dem ich mich einmal als Student über die freien, sinnlichen und lauthaften Assoziationen in Gertrude Steins Tender Buttons hergemacht habe und die mich lachend zurück auf meinen Platz verwiesen, an Faulkners schwüles Stimmen- und Fliegengewirr in As I Lay Dying, an das flüsternde Rauschen der Wellen auf dem Weg zum Leuchtturm – und schwimmt da nicht gerade ein gigantischer Wal vorbei? Dabei denke ich noch gar nicht an den himmelhohen Stapel der Großen Unlesbaren, die ich noch vor mir habe, an den ich mich noch nicht herangewagt habe, und der mich, zur Strafe, eines schönen Tages erschlagen wird.
Es gibt nicht zu wenig Zugang, es gibt viel zu viel, und wo keiner ist, werden die Wände und Manuskripte einfach eingeschlagen, zurechtgebogen, oder gleich planiert. Der Literaturbetrieb hat eine erbarmungslose Herrschaft des Realismus etabliert, dessen Erzählökonomie nicht rigider sein könnte. In der ästhetischen Diet Culture ist ein Roman dann gut, wenn er „kein Gramm Fett zu viel“ hat, und mit Tschechows Gewehr im Rücken streiche ich noch schnell den letzten farbenfrohen Nebenplot. Alles ist klar, alles ist verständlich. Und entsetzlich fad.
Literarische Texte gemäß ihrer Zugänglichkeit zu bewerten, bedeutet, Werke nurmehr als Ware, ein Buch nur auf seine Verwertbarkeit hin zu begreifen. Das ist für viele Menschen im Literaturbetrieb sicherlich gut und richtig. Für Leser aber ist es eine absurde, eine triste und deprimierende Haltung. Sie kommt mir dann besonders bräsig vor, wenn die vermeintlich zu schwierigen Bücher von spannenden und unterhaltsamen Büchern abgegrenzt werden sollen. Aber Genre ist kein Slop. Wer wollte ernsthaft sagen, er halte die fantastischen Welten, die Ursula K. LeGuin erschaffen hat, für zugänglich? Für einfach und anspruchslos? Wer könnte behaupten, die tausend und abertausend lebender, toter und untoter Protagonisten eines durchschnittlichen Fantasy-Romans seien nicht verwirrend? Dass es nicht einer gehörigen Portion ästhetischer Flexibilität bedürfe, eines der grotesken Stephen-King-Monstren auszuhalten, nicht zu reden von den ermüdenden, brabbelnden Beschreibungen bei Lovecraft, der grauenvollen Dorf-Langeweile eines Thomas Tryon oder Adam Nevill, oder der veritablen Krise, in die man bei der Lektüre von Octavia Butlers grandiosem, sittliche Grenzen sprengenden Roman Fledgling stürzen kann.
Oder bei einer Fernsehserie. Oder einem Horrorfilm. Oder einem sehr frustrierenden Videospiel. Überall sind wir herausgefordert, sind wir in Anspruch genommen, wollen Kunstwerke etwas mit uns machen – und wir lassen es geschehen. Wenn ich in Twin Peaks einen Schrei von Laura Palmer sehe, bin ich erschüttert und gerührt. Aber die Serie verstehe ich deshalb trotzdem nicht. Ich kann sie versuchen zu verstehen, wenn ich Lust dazu habe. Ich kann das ganze analytische Werkzeug herausholen, das mir zur Verfügung steht. Trotzdem bleibt dieses Verstehen stets nachgeordnet. Meine unmittelbare ästhetische Erfahrung berührt es nicht – sie würde dadurch vielleicht sogar zerstört.
Aber ernsthaft, wenn Sie lesen können, dann sind Sie ein Leser, dann ist jedes Buch für Sie geschrieben und die literarische Welt liegt Ihnen zu Füßen.
Wenn ich höre, ach du, das Buch, das war leider nichts für mich, so denke ich: gut, hervorragend, das soll es auch nicht sein. Was für ein Mensch wäre ich, wenn der Roman, an dem ich aktuell verzweifle, nämlich Hans Leberts Die Wolfshaut, „für mich“ wäre? Nein, dieses Buch entspricht mir nicht, es stößt mich ab, es fordert mich heraus, es raubt mir den Schlaf und, wenn ich doch mal schlafen kann, schleicht es sich in meine Träume, eine dunkle Gestalt, eine Zusammenrottung aus Finsternis, mitten durch die Seiten. Ich trete ihm gegenüber, aber gehe nicht darin auf. Zwischen dieser und meiner Welt klafft eine tiefe Lücke, in die ich mich stürze und die köstliche, kalte Luft im Flug genieße.
Angst ist gut, Verwirrung ist gut, Frustration ist gut, alles ist gut, was ich fühlen kann, was mich angeht, was mich verändert, zittern, lachen und weinen macht. Alles Menschliche ist gut, und besonders gut ist es, zu sagen: Das Buch interessiert mich nicht, es ist grausig geschrieben, schlimmer noch, es ist konventionell. Wer hingegen nach dem Zugang fragt, unternimmt eine alberne Doppelbewegung: Überhöht ein gewöhnliches Buch und verkleinert die geistigen Fähigkeiten seiner Leser. Aber ernsthaft, wenn Sie lesen können, dann sind Sie ein Leser, dann ist jedes Buch für Sie geschrieben und die literarische Welt liegt Ihnen zu Füßen.
Leute, auf deren Meinung ich viel gebe, sagen mir, dass die „Weirdness“ in die Literatur zurückkehre. Dass es langsam ein Ende habe mit dem unerbittlichen Realismus und seiner narrativen Austerität, dieses grausame Regime, das uns nicht träumen lässt und uns deshalb den Schlaf raubt. Ich hoffe, bete, dass meine Freunde recht haben. Und muss an einen der großartigsten Romane der letzten Jahre denken, nämlich Katharina Mevissens Mutters Stimmbruch. Oder an das zum Verzweifeln schöne Straßengewirr, in dem ich mich in Fabian Sauls Trauer der Tangente verlaufen durfte. An die magischen Gedichte von Ana Tcheishvili, an Joshua Groß, der mein Prana geweckt und mir die Höhenangst genommen hat. Von Spielen will ich gar nicht erst anfangen.
Literatur, die seltsam ist, die fordert und anspricht, sich geradezu entzieht, stellt die gegebene Welt, mithin uns selbst, in Frage. Damit erfüllt sie ihre eigenste, vielleicht einzige Aufgabe. Da die Welt außergewöhnlich schlimm geworden ist, scheint mir diese Aufgabe nun etwas dringend. Scheiß auf den Zugang. Lieber stehe ich staunend und zweifelnd vor der hohen, kalten Wand.


