Der Himmel über der Stabi
Übersetzt von Max Eulitz

Bei meinem letzten Besuch in der Stabi West – also der westlichen Dependance der Berliner Staatsbibliothek – sah ich eine ältere Dame mit Hut und weißem Nerzmantel. Sie war wie eine Erscheinung aus einer anderen Zeit. Das ist vor allem der Wirkung der Lesesäle der Bibliothek zu verdanken, die wie Kulissen in einem offenen Theaterstück anmuten, das täglich an der Potsdamer Straße aufgeführt wird. Eine meiner liebsten Figuren darin ist ein Mann, der sich in rauchiges Schwarz kleidet. Monatelang saß er dort und kritzelte unentzifferbare, wellenförmige Stenogramme. Ich habe ihn lange nicht gesehen.
Das Gebäude hat, wie man so sagt, Charakter. Sein Shabby-Chic-Modernismus ist auf seltsame Weise hinreißend. Der Beton vollbringt hier Dinge, zu denen er eigentlich nicht fähig sein sollte. Eine Wendeltreppe führt wie eine riesige Orangenschale hinab, durch kreisförmige Ausschnitte in sich überlappenden Zwischengeschossen; wellenförmige Linien geben die Holzlattenkonstruktion preis, die – noch vor computergestützten Modellierungsprogrammen1 – dieses Kunststück ermöglichte. Es wimmelt nur so von Details. Die Handlaufknöpfe an der breiten Eingangstreppe sehen – um beim Thema Obst zu bleiben – aus wie silberne Freilandtomaten.
Andere Details geben Anlass zur Sorge. Tropfspuren ziehen sich über den Teppichboden des Gebäudes, der einst pistaziengrün war. Manchmal weht ein intensiver Geruch aus den Toiletten. Der Geruch verflüchtigt sich für eine Weile. Dann ist er wieder da.
Häufig versperrt gelbes Absperrband den Zugang zu den Toiletten.
Häufig versperrt gelbes Absperrband den Zugang zu den Aufzügen.
Regelmäßig bedeckt gelbes Absperrband – kombiniert mit dicken Plastikplanen – die Urinale der Männer.
Dreht man bestimmte Wasserhähne in den Toiletten auf, sprudeln ganz andere auf, wie in einer Szene aus Disneys „Fantasia“. Kalksäulen hängen von den Waschbeckenrohren herab. Dafür entschädigt ein stabiler Diskurs. In den Toilettenkabinen erörtern Dialektiker:innen den Nahen Osten: FUCK ISRAEL; FUCK ISRAEL HAMAS.

Ich habe in der Stabi weder jemanden gefickt noch wurde ich von jemandem gefickt. Aber ich habe einmal jemanden getroffen, der jemanden kannte, der das getan hatte. Gerüchte über Sex in den Regalen machen schon lange die Runde. Und das ist auch kein Wunder; so viel Platz, die Stille, ätherisches Licht und reizvolle Ausschmückungen können Menschen schon mal in Wallung bringen. Ein viel frequentierter Gang, der den riesigen Hauptlesesaal durchschneidet, bildet einen inoffiziellen Laufsteg für sich in Szene setzende Doktorant:innen, Schriftsteller:innen und Student:innen. Die Toiletten sind ganz klar kein Ort für heimliche Rendezvous. Liebhaber:innen in spe sollten lieber eine der verlassenen Kontrollstationen aufsuchen. Mit ihren stillgelegten Rohrpostschächten und Reihen farbiger Plastikschalter sehen sie aus wie Raumschiff-Kontrollkonsolen in alten Filmen.
Auch wenn ich die Daten gerade nicht zur Hand habe, wage ich eine kontroverse These: Mit seinen Lesesälen und der riesigen Eingangshalle sowie der entsprechenden – wenn auch ungleich verteilten – Mischung aus Akademiker:innen, Studierenden, Obdachlosen, Bibliothekar:innen, Arbeiter:innen, Sicherheitspersonal und Gig-Workern beherbergt die Stabi einen vielfältigeren Querschnitt des Lebens als jedes andere Gebäude in Berlin – abgesehen von Krankenhäusern. Trotz ihrer prachtvollen Ausschweifungen sind Berlins Clubs durch Eintrittsgelder, ihre ungeschriebenen Regeln und eine einschüchternde Coolness eher homogen. Besetzte Häuser sind die radikalsten Orte der Stadt. Doch dieser Radikalismus, so bewundernswert er auch sein mag, disqualifiziert sie als praktikables Modell für ein pluralistisches Zusammenleben.
Und so erweist sich die Stabi als ein eher ungewöhnlicher Kandidat für den sozial heterogensten Ort der Stadt. Seit Jahren muss man noch nicht einmal mehr eine Jahresgebühr bezahlen. Früher musste man seinen Bibliotheksausweis an den elektronischen Drehkreuzen scannen. Dann funktionierten diese Geräte nicht mehr. Jetzt sind sie ebenfalls abgeklebt.
Von 1941 bis 1945 lagerten Millionen der Bücher, die heute den Bestand der Stabi bilden, in einem Netz aus Bergwerken, Klöstern und Burgen an den Rändern des Deutschen Reichs. Sie waren aus Berlin evakuiert worden, nachdem alliierte Bomben die Preußische Bibliothek getroffen hatten, einen neoklassizistischen Tempel an Unter den Linden. Acht Jahre zuvor und weniger als hundert Meter entfernt hatte der Deutsche Studentenbund auf dem Bebelplatz 20.000 Bücher verbrannt und damit die vorbeugende Funktion der Hochschulbildung gegen die Barbarei entschieden widerlegt. Von den evakuierten Bänden gingen etwa 700.000 während des Kriegs verloren.
1978 wurde in der Potsdamer Straße in West-Berlin dieser zweite Zweig der Berliner Staatsbibliothek eröffnet. Das Gebäude wurde vom deutschen Architekten Hans Scharoun entworfen. Fast ein halbes Jahrhundert später gewann sein Entwurf für die Bibliothek einen städtischen Architekturwettbewerb und wurde später zum Herzstück des Kulturforums in diesem Stadtteil.

Scharouns Staatsbibliothek, ein weitläufiges Meisterwerk aus gegossenem Beton und goldfarbenem Aluminium, wurde erst posthum fertiggestellt, und zwar als Antwort auf die gleichfalls von Scharoun entworfene Philharmonie gegenüber, mit der sie ein Ensemble bildet. Beide erhebten sich über das Niemandsland des Todesstreifens am Potsdamer Platz und ragten über die Berliner Mauer hinaus; in der Staatsbibliothek West fanden viele der zurückgegebenen Bücher eine neue Heimat. Wenn man heute von der Philharmonie herüber schaut, sieht man einen goldenen Giganten emporwachsen. Die Bestände der Bibliothek sind auf dieses Gebäude und das Untergeschoss verteilt, das ursprünglich als Parkhaus konzipiert war. Es ist ein Klischee unter Scharoun-Fans, seinen nautischen Einfluss zu bemerken. Aber er ist unleugbar vorhanden. Dieser Teil des Baus sieht aus wie eine riesige Arche, wenn auch durch farbige Glasbausteine unterbrochen. Diese Bausteine, die sich im gesamten Gebäude wiederholen, tauchen das periphere Sehfeld in Mosaikfarben. Assoziationen wandeln sich. Als wir, wenige Tage nachdem sich im Iran eine neue Kriegsfront eröffnet hatte, auf dem Rasen vor der Stabi zu Mittag aßen, sagte jemand, dass dieses Gebäude im nächsten Jahr ein Bunker sein könnte. Eigentlich, antwortete jemand anderes, sieht es eher wie ein Panzer aus.
Es ist verdammt seltsam, wie leicht einem gewaltige Dinge entgehen. Obwohl ich unzählige Stunden in diesem Gebäude verbracht habe, habe ich mich noch nie von Gedanken an die erdrückenden Massen der Bücher über mir ablenken lassen. Vom Rasen vor der Stabi verschwindet die goldene Arche hinter palastartigen Fenstern und dem breiten, niedrigen Eingangsbereich, der den Namen der Bibliothek in eleganter Sans-Serif-Schrift trägt und stets von Rauchern bewacht wird: Akademiker:innen in langen Mänteln, Bibliotheksmitarbeiter:innen in Westen und die Obdachlosen.
PVC-Kunststoff spielt eine zentrale Rolle bei den Bemühungen der Bibliothek um die Konservierung der Bücher. Lange Zeit gab es an der Garderobe durchsichtige Einweg-Plastiktüten, die es der Aufsicht ermöglichten, Schmuggler von Büchern und zerstörerischen Substanzen zu überwachen: Nudeln mit roter Soße, Marmeladenbrote, solche Dinge. Vor einigen Jahren wurden diese Tüten abgeschafft. Heute nutzen die meisten Besucher:innen eine wiederverwendbare Version aus dickerem Kunststoff. Sie kostet acht Euro und ist an einem Automaten in der Lobby erhältlich.

Da ich gerne ein bisschen Geld spare, brachte ich früher eine Ziploc-Tüte voller Erdnüsse mit. Meiner kindischen Freude darüber frönend, deutsche Regeln zu brechen, schmuggelte ich diese Snacks in den Lesesaal, indem ich sie in meine Tasche steckte, zwischen meinen Laptop und mein Notizbuch. Eines Nachmittags huschte ein ungewöhnlicher Schatten vor meinen Augen vorbei. Mein Nachbar, ein älterer deutscher Mann, bemerkte ihn ebenfalls.
„Eine Maus“, sagte er.
„Eine Maus“, antwortete ich.
Eine Weile huschte das Tierchen zwischen unseren Beinen, Ladekabeln und einem Regal hin und her, das das unerträgliche Gewicht von Heideggers Sein und Zeit trug. Später, in der Cafeteria, entdeckte ich ein kleines, hineingeknabbertes Loch in meiner Tragetasche.
Vor etwa einem Jahr machte ein Meme die Runde, das die Gentrifizierung der Stabi beschrieb. Es traf den Nerv der Zeit. Doch was die soziale Schicht angeht, läuft die jüngste Ankunft von nicht-akademischen Gig-Worker:innen in der Bibliothek der Gentrifizierung zuwider. Viele der neuen Nutzer:innen gehören zur prekären Online-Szene. „Es ist der günstigste Coworking Space in Berlin“, hörte ich einen jungen Mann hinter einem riesigen schwarzen Laptop sagen. Ich zuckte bei diesem vulgären Eindringen in den heiligen Raum des Geistes zusammen. Aber wer könnte den Arbeiter:innen vorwerfen, dass sie die Stabi kolonisieren, wo doch die Kosten für Berlins Coworking Spaces ebenso in die Höhe schnellen wie die für eine Tasse Kaffee in den Hunderten von Cafés der Stadt (den alten „günstigsten Coworking Spaces“)?
Jahrelang kostete ein Kaffee in der Stabi Cafeteria 1,50 Euro. Jetzt liegt der Preis stabil bei 2,00 Euro. Was hat das mit Freiheit zu tun? Eine ganze Menge, wie sich herausstellt, wenn man im neuen Berlin über die Runden kommen will – dem Berlin, in dem fast überall Englisch gesprochen wird, dem Berlin, in dem man viel Glück braucht, um ein Zimmer in einer WG (oder ein Büro) für unter 1000 Euro zu finden –, wenn man ein Student ist, der sich mit Bafög oder Studienkrediten durchschlägt, oder ein Gig-Arbeiter, der sich die Zähne ausbeißt und seine Stunden mit Tastaturbefehlen und Mausklicks absitzt.
Im Allgemeinen ist das Risiko, sich in der Mensa einen Zahn abzubrechen, gering. Das Essen ist billig und weich – „Gefängnisqualität“ wäre übertrieben, aber nicht sehr. Die Mensa wird von Sodexo betrieben, einem Konzern, der auch Strafanstalten betreibt. Sie verkaufen Sandwiches, die einen im Notfall vor dem Kollaps bewahren, und einen essbaren gemischten grünen Salat sowie dieses Ding, das sie Pizza nennen, das aussieht wie ein alter Baseballhandschuh, dünn geklopft, quadratisch geschnitten und mit Mais aus der Dose bestreut. Immerhin habe ich hier zum ersten Mal Wildschweineintopf probiert (Weihnachten 2019, wenn ich mich recht erinnere).

Die Stabi ist ein Zufluchtsort für die vielen Berliner, deren Leben nicht im Einklang mit den Arbeitstagen steht. Seit Beginn der Pandemie haben sich die Obdachlosen immer dichter in der weitläufigen Lobby verteilt, machen es sich auf den zahlreichen Stühlen bequem, laden ihre Handys auf und warten. Andere leben in geheimnisvolleren Welten. Ein junger Mann steht regungslos in Türöffnungen und Ecken, seine starren Augen zeugen von ständiger Angst. Monatelang sah ich einen älteren Mann, der einen Kochtopf auf dem Kopf trug und einen Einkaufswagen schob, der mit Vorräten beladen war. Der Sicherheitsdienst warf ihn hinaus. Er kam zurück. Nun scheint er endgültig verschwunden zu sein. An den Computerterminals spielen Stammgäste Karten und erledigen ihre Angelegenheiten. Die Bibliothek kann ein Ort sein, an dem man den Schleusen der Trauer freien Lauf lässt; an einem Nachmittag, während ich in der verlassenen, halb vergessenen Lyrikabteilung meditierte, wurde ich durch das Schluchzen eines Mannes unterbrochen. Als Zuflucht vor der Einsamkeit des Schreibens funktioniert die Bibliothek womöglich fast zu gut. Irgendwann, während ich täglich dorthin gegangen war, bemerkte ich, wie Jahre vergangen waren, während derer ich Wörter verschoben und mit kaum jemandem gesprochen hatte.
Die Bibliothek hat ihre Berühmtheiten. Und hier muss ich ein Bedauern, oder vielleicht treffender ausgedrückt ein Händeringen ausdrücken. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Absätzen ist der folgende voller Namen. In einer Welt, die Menschen durch fragwürdige Kriterien Wert und Prominenz zuerkennt, bildet dieser Essay keine Ausnahme. Paradoxerweise wirkt die Bibliothek durch ihre soziale Durchmischung ebenso gegen diese zerbrochene Dimension des modernen menschlichen Geistes, wie sie sie auch aufrechterhält. Die Geschichte legt nahe, dass dieser Effekt kein Zufall ist. Nach der Eröffnung von Scharouns Berliner Philharmonie beobachteten Kritiker:innen einen Zusammenbruch der Hierarchie zwischen Orchester und Publikum.
Kurz gesagt: Ich wurde etwas verlegen, als ich anfing, lokale Berühmtheiten wie den Schriftsteller Tom McCarthy oder den Philosophen Matteo Pasquinelli zu bemerken. Bei meinen letzten Besuchen traf ich zufällig die Schriftsteller:innen Stefanie de Velasco und Jan Brandt. Der aus New York stammende Schriftsteller Rajesh Parameswaran verbrachte während seines DAAD-Aufenthalts seine Nachmittage und Abende in der Stabi, bevor er seine Arbeit in einer nahegelegenen Hotelbar fortsetzte. Manchmal trinke ich Kaffee mit Kirsty Bell, deren Buch The Undercurrents sich auch der Bibliothek auf bemerkenswerte Weise widmet. Die Philosophin Rahel Jaeggi ist Stammgast. Eines Tages werde ich mir eine kluge Frage ausdenken, die ich ihr stelle – oder vielleicht dem Mann im Rollkragenpullover, der am anderen Ende des Lesesaals sitzt, gestützt auf die hochkant gestapelten gesammelten Werke von Sigmund Freud.
Als ich mich letzten Sommer nach mehrmonatiger Abwesenheit der Stabi näherte, fiel mir eine Betontreppe auf, die lange Zeit hinter einer Bauabsperrung verborgen gewesen war. Beim Anblick ihrer neu enthüllten Winkel, die sich wie das Bein eines riesigen Roboters entfalten, schlug mein Herz schneller. Nennen wir es eine Pawlowsche Reaktion, auf die einen diese Stadt unter dem Ansturm der Investoren konditioniert. Hier sind Renovierungen zum Synonym für Gewinnmaximierung und soziale Zerstörung geworden. Das reicht aus, um einen glauben zu lassen, dass es vielleicht doch etwas Gutes hat, wenn man Dinge vernachlässigt, solange die Miete nicht steigt. Im Inneren der Bibliothek gab es weitere Anzeichen für Veränderungen: Eine Reihe von Mitarbeiterschreibtischen war geräumt worden; einige Regale im Lesesaal waren leer.
Im Laufe der Jahre wurden Stammgäste immer wieder durch Gerüchte verunsichert, das Gebäude solle wegen umfangreicher Renovierungsarbeiten geschlossen werden. „Vielleicht muss ich Berlin verlassen“, sagt mir der Schriftsteller Alex Cocotas und spricht damit vielen aus der Seele. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Schließung der Bibliothek, wenn es einmal soweit sein sollte, das Leben der Menschen sowie das kulturelle und intellektuelle Schaffen der Stadt nachhaltig beeinflussen würde.

Im Jahr 2005 veröffentlichte Artforum einen Berlin-Essay des Künstlers Matt Saunders. Begleitet wurde Saunders’ Beitrag von einem Foto, das eine Performance des Künstlers Mark Wallinger in der Neuen Nationalgalerie dokumentierte. Wallinger schlurft in einem Bärenkostüm durch das Museum. Hier war es, das Totemtier der Stadt, das unter dem Schnee des Spätkapitalismus in einen traumwandlerischen Winterschlaf fiel, in dieser Stadt, die einst frei war oder die uns einst glauben ließ, dass sie es sein könnte. Im Hintergrund des Bildes lässt sich das metallene Dach der Stabi erkennen, und darunter die hohen, leuchtenden Scheiben des Lesesaals.
Diese Fenster bieten filmreife Einblicke in Schneestürme, Sonnenuntergänge und Regenschauer. Dort stieß ich zufällig auf Saunders’ Essay, der die Lebensqualität der Stadt mit einem magischen Realismus beschreibt, der magische Realismus daran ist selbst schon eine „red flag“. „Das Zeno-Paradoxon von Berlin“, schreibt Saunders, „besteht darin, dass die Mieten, egal wie stark sie steigen, nie wirklich teuer werden.“ Zeno hat die Hauptstadt inzwischen verlassen und sein Paradoxon mitgenommen. Zwischen 2004 und 2020 stiegen die Durchschnittsmieten um 75 Prozent; in den letzten fünfzehn Jahren haben sich die Immobilienpreise mehr als verdreifacht. Lebendige Kulturströme wurden durch Tech-Start-ups ersetzt, die von Risikokapital angetrieben werden.

Vor einigen Jahren betrat der Soziologe Richard Sennett das Podium im Berliner Haus der Kulturen der Welt im nahegelegenen Tiergarten, um über seine Philosophie der offenen Stadt zu referieren. Für ihn definiert sich ein gerechter öffentlicher Raum durch die Freiheit des Wohnens und der Nutzung, die den beiden Fetischen der Immobilieninvestition und der architektonischen Kontrolle entgegensteht. Obwohl es sich technisch gesehen um eine staatliche Einrichtung handelt, ist die Stabi in ihrem derzeitigen entropischen Zustand das beste Beispiel, das Berlin einen Raum hat, der diesem zwischenmenschlichen zivilgesellschaftlichen Reichtum zugänglich ist.
Sennetts Konzept legt auch nahe, dass wir mehr und vielfältigere Rückzugsorte für das kreative Leben haben könnten, wenn ihre Notwendigkeit richtig gewürdigt und in politischen Willen umgesetzt würde. Die Fantasie geht mit mir durch: Netzwerke freier, offener, gemeinschaftlicher Kunstateliers, öffentlich zugängliche Jam-Studios, ausgestattet mit Keyboards, Synthesizern und Schlagzeugen. Vielleicht habe ich den Verstand verloren. Der böswillige Wirtschaftsrealismus sagt uns, dass solche menschlichen Luxusgüter unerschwinglich sind. Doch dieser böswillige Wirtschaftsrealismus vergisst geflissentlich die unermesslichen Summen aus den Steuerkassen, die in undurchsichtigen Beraterverträgen verschwinden, das inkompetente Management kolossaler Bauprojekte, die Milliarden, die für die deutsche Aufrüstung aus dem Nichts gezaubert werden, ganz zu schweigen von den Kosten, die entstehen, wenn man das Leben auf eine Gewinn- und Verlustrechnung reduziert.
Anfang 2026 wurden die neuen Termine für die Renovierung des Stabi bekannt gegeben. Sie soll 2030 beginnen, elf Jahre dauern und 1,1 Milliarden Euro kosten (zuzüglich 350 Millionen für Risiken und Teuerung). Die Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Marion Ackermann, hält die Renovierungsarbeiten für unerlässlich: „Es geht darum, eine denkmalgeschützte Architekturikone, die dringenden Sanierungsbedarf hat, fit für die Zukunft zu machen“.
Nehmen wir einmal an, eine Bibliothek könne ein Denkmal sein. Während dieser metaphysischen Verwandlung hört sie nicht auf, eine Bibliothek zu sein, geschweige denn eine, die gerade jetzt dringend genutzt wird. Elf Jahre sind eine lange Zeit. Fast eineinhalb Milliarden Euro sind eine Menge Geld. Und wofür?
Das verrottende Gebilde zu beseitigen, das sich in den Rohrleitungen verfangen hat, wäre willkommen. Ebenso eine abgedichtete Decke. Niemand mag Krebs, daher erscheint die Asbestsanierung richtig (obwohl bereits von 2006 bis 2016 für rund 65 Millionen Euro Sanierungsarbeiten durchgeführt wurden). In der Pressemitteilung werden notwendige Modernisierungen im Namen der Nachhaltigkeit erwähnt. Dagegen lässt sich kaum etwas einwenden. Aber dann gibt es da noch diese Prestige-Umbauten; die Ostseite des Gebäudes wird aufgestoßen, um einen zweiten Eingang zu schaffen (ein eigenwilliges Verständnis von Nachhaltigkeit und Denkmalpflege).

Über dem Ganzen liegt ein Gefühl visionärer, unheimlicher Entkörperlichung. In den Renderings nach der Renovierung erscheinen die Nutzer:innen der Bibliothek als geschniegelt wirkende Avatare, ihre Gesichter weichgezeichnet. Ein Stück formelhafter Stadterneuerungsprosa versichert, der „gegenwärtige städtebauliche Kontext“ werde berücksichtigt. Nicht weniger als dreimal weist ein unauffällig in der Lobby angebrachter Aushang auf die Unterbringung der über 600 Mitarbeiter:innen der Bibliothek hin. Ein vernünftiger Mensch könnte erwarten, dass ein derart ausgearbeiteter Plan auch diejenigen berücksichtigt, die täglich dorthin kommen, um zu lernen, zu schreiben, Bewerbungen zu verfassen, Zeit totzuschlagen oder sich mühsam ihren Dissertationen entgegenzuarbeiten. Dieser vernünftige Mensch würde enttäuscht werden. Schätzungen zufolge wird die Bibliothek täglich von rund 3.000 Menschen genutzt. Während der Prüfungszeiten steigt die Auslastung sprunghaft an. Lange Schlangen bilden sich vor dem Eingang, und Besucher:innen warten stundenlang auf einen freien Arbeitsplatz.
Marion Ackermann, Kunsthistorikerin, ehemalige Leiterin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und Professorin an der Akademie der Bildenden Künste München, ist keine kulturfeindliche Banausin. Sie ist eine Person, die die Bedeutung von Kultur versteht. Daher rührt die Verwirrung angesichts der generationenlangen Schließung eines Gebäudes, das man mit Fug und Recht als Zufluchtsort beschreiben kann – und das in einer Krise, die ausgerechnet durch die Entscheidung der Stadt verschärft wurde, den Etat für subventionierte Künstlerateliers radikal zusammenzustreichen.
Die Frage ist nicht nur die nach Raum im allgemeinen Sinne, sondern nach diesem Raum und dieser Architektur im Besonderen. Die Stabi – mit ihrem gemütlichen, einladenden Café – trägt dazu bei, eine besondere und wichtige Art von Beziehung zu schaffen, in der sich Freundschaft untrennbar mit kritischen und künstlerischen Themen vermischt. Genau diese Art von Beziehung hat diesen Essay hervorgebracht. Multipliziert man diesen Effekt exponentiell, erhält man die lebendige Struktur einer Kultur.
„Sicherlich …“, höre ich mich sagen … „lass uns darüber reden.“ Investieren wir ein paar Millionen in die wirklich wichtigen Dinge. Schließen wir den Betrieb für zwei Jahre. Sogar für drei. Aber dann tun wir das, was wir tatsächlich brauchen. Den bestehenden Raum für Eltern mit Kindern zu einer funktionierenden Kindertagesstätte ausbauen. Ein Stipendium für Schriftsteller:innen mit geringem Einkommen einrichten. Die Löhne erhöhen: für die Bibliothekar:innen, das Reinigungspersonal, das Kantinenpersonal. Die Profiteure des Gefängniswesens loswerden und etwas gegen die Pizza unternehmen.

In der Eingangshalle der Bibliothek steht auf einem Wandbild: „Eins hilft immer: Lesen.“ Für viele Menschen gilt das Gleiche auch für das Schreiben. Spontan fallen mir ein halbes Dutzend Romane ein, die dort entweder gerade geschrieben werden oder kürzlich fertiggestellt wurden. Das liegt daran, dass Büros teuer sind und Schreiben ein einsamer Prozess. Auch während des künstlich indizierten Komas der Stabi werden weiterhin Bücher geschrieben. Aber es werden andere Bücher sein, geschrieben von Menschen mit dem nötigen Kleingeld.
Neulich hatte ich eine Vision, in der sich die Stabi in die Reihe so vieler großartiger öffentlicher Gebäude einreihte, die vor ihrer Zeit dem Abriss zum Opfer fielen: darunter der Palast der Republik der DDR, ein weiteres architektonisches Meisterwerk, dessen Leben durch die Abrissbirne der westlichen Marktwirtschaft vorzeitig beendet wurde und dessen Grab nun durch das neue preußische „Stadtschloss“ markiert wird, eine kitschige Nachbildung seines Namensvetters aus dem 15. Jahrhundert. Die Stabi wird nicht buchstäblich zu einem Trümmerhaufen werden. Aber ihre soziale und geistige Funktion in der Stadt könnte es durchaus werden. Die kürzlich renovierte Filiale an der Unter den Linden bietet einen Vorgeschmack darauf. Es ist eine schicke Angelegenheit. Ein Americano kostet 3,50 Euro, und weit und breit ist kein Obdachloser oder arbeitsloser Online-Solitaire-Spieler zu sehen. Beschönigende Hinweise darauf, dass sie während der Schließung der Stabi geöffnet bleibt, verschweigen, dass auch sie regelmäßig überbelegt ist.
Hier, an diesem Ort, sieht man Tag für Tag dieselben Gesichter. Es gibt Menschen, die einen faszinieren, und Menschen, die nach den undurchsichtigen Mechanismen der Projektion zu Objekten des Verachtung werden. Man streift auf der breiten Treppe, die in den Lesesaal führt, aneinander vorbei oder in der Schlange in der Cafeteria, während man überlegt, ob dies der Tag ist, an dem man endlich den Milchreis probiert, oder die Bockwurst, diese Rolle aus gummiartigem Fabrikfleisch, garniert mit Kartoffelscheiben in weißer Soße. Manchmal möchte man Hallo sagen. Meistens tut man es nicht, aus Angst, endlose gestelzte Gespräche auszulösen. Stattdessen schaut man auf sein Handy oder legt den Laptop von einer Hand in die andere. Vielleicht schaut man auf den Mond, der auf der Vorderseite des alten Zigarettenautomaten leuchtet, oder auf die Gemälde des Berliner Künstlers Bülent Altin. So läuft es eben. Menschen kommen und gehen. Ferne Schwärmereien blühen auf und verblassen. Die Besetzung wechselt und bleibt doch gleich.
Eine populäre Anekdote der Stabi-Annalen betrifft Wim Wenders, der in dem Gebäude 1986 Szenen seines Filmklassikers Der Himmel über Berlin drehte. Sein Titel passt zu der seltsamen, schimmernden Melancholie der Stadt. In Graustufen schreiten die Engel durch die Gänge. Wir hören Gesänge und Rezitationen, während Bruno Ganz’ Damiel einem Studenten über die Schulter schaut. Auf dem Schreibtisch findet er eine Ausgabe von Hans Werner Henzes Oper „Das Ende einer Welt“.2 Die Menschen, die heute in diesem Raum schreiben, werden nur sehr unwahrscheinlich Engel sehen, sofern sie nicht direkt aus dem Berghain oder dem Golden Gate kommen, mit einem Gehirn, das vor Chemikalien brummt. Stattdessen werden sie beim Aufblicken die ikonische Decke des Gebäudes wahrnehmen. Eingitterartiges, kuppelförmiges Glasfaser-Oberlicht, das riesigen Perlen gleicht.

Verbringt man genug Zeit in den Lesesälen, hört man vielleicht irgendwann schnaufende Geräusche. Das ist das vegetative Nervensystem, das Luft in atemlose, hyperkonzentrierte und koffeinhaltige Körper hinein drückt und wieder aus ihnen heraus. Für bewusste Atmer wie mich kann dieses Geräusch nervtötend sein. Auf der Suche nach Erleichterung verlasse ich manchmal meinen Schreibtisch mit seiner grauen und merlot-farbenen Patina und betrachte verblasste Buchrücken. Es gibt Bücher, die kommunale Beschlüsse, Namen von Prominenten, in der DDR gedrehte Science-Fiction-Filme und Menschen dokumentieren, die nicht berühmt geworden sind, es aber hätten sein sollen. Es gibt Bücher, die Bücher dokumentieren, die wiederum Dinge dokumentieren.
Vor einigen Monaten ertönte ein weiteres beunruhigendes Geräusch aus einer dieser sphärenförmigen Lichtschächte in der Höhe. Mehrere von uns schauten nach oben und versuchten, die Quelle zu finden. Das Kreischen und Gackern ließ an einen sich windenden Vogel denken. Doch obwohl frühere Taubensichtungen diese Vermutung stützten, sprach etwas an den Geräuschen dagegen. Sie waren zu gleichmäßig. Wahrscheinlich, so schien uns allen klar zu werden, handelte es sich lediglich um eine elektrische Störung. Ein kaputtes Vorschaltgerät vielleicht. Es wäre nicht das erste Mal gewesen. Wir tauschten Blicke und Achselzucken aus. Dann hörte man nur noch Tastaturanschläge, gedämpftes Husten und das Klicken von Mikrofilm.


