Der Geist, der nach Gaza marschiert

Behzad Karim Khani

Vom Ende der Selbsterzählungen der BRD

Bundeswehrparade zum NATO-Jubiläum, 1969. Bundesarchiv via Wikimedia Commons.

Anmerkung der Redaktion: Der folgende Text wurde ursprünglich bei der Konferenz „Der grosse Kanton: Rise & Fall of the BRD“, die am 5.–6. Dezember in Zürich stattfand, als Rede gehalten. The Diasporist dokumentiert die Konferenz und veröffentlicht ihre Beiträge sukzessive als Teil seiner Reihe.

In meinem letzten Roman „Als wir Schwäne waren“ untersucht der Vater des Protagonisten, ein Mitte der Achtziger geflüchteter Soziologe, mit starker Intuition und eingeschränkten Mitteln etwas, das er unter dem „Geist, der nach Stalingrad marschiert“ zusammenfasst. Es ist eine eigenartig-deutsche Form der Idiotie. Eine Fetischisierung konsequenten Handelns, die sich unter anderem darin ausdrückt, die Dinge mit militärischer Disziplin zu Ende zu führen, ausschließlich aus dem Grund, dass man sie angefangen hat. Seien sie noch so aussichtslos und fatal wie eben jener, in das eigene Individuelle wie kollektive Ende führende Marsch.

Es ist eine Mischung aus Starrsinn und Gehorsam, die der Vater aufzuspüren versucht. Er findet Anhaltspunkte, aber wenig Belastbares. Etwas Adorno, etwas Arendt. Zeitungsartikel, Sprichwörter, das Verhalten der Nachbarn. Es bleibt eine Bestätigungsverzerrung. Er findet und interpretiert die Dinge, die seine Annahmen unterstreichen.

Dennoch trifft er mit seiner Untersuchung den deutschen Geist. Und würde die Handlung nicht in den Neunzigern spielen, sondern nach dem 7. Oktober, wäre das Buch wohl ein paar Kapitel länger geworden.

Vielleicht ein paar Sätze zu mir: Ich war ein jugendlicher Intensivtäter, ich habe ein miserables Abitur hingelegt, war vier Semester eingeschrieben, drei davon war ich tatsächlich da. Ich habe Jahrzehnte lang Drogen konsumiert, habe in Clubs gearbeitet und eine Bar betrieben. Und hätte ich eine bessere Stimme, dann wäre ich Musiker geworden.

Das alles mag mich zu einem Schriftsteller gemacht haben, aber sicherlich nicht zu einem Intellektuellen.

Wenn sich das deutsche Feuilleton nun aber ernsthaft mit dem Intellektuellen Karim Khani auseinandersetzen, und unfair kämpfen muss, um ihm beizukommen, dann liegt es nicht an meiner Genialität, sondern an den Versäumnissen Deutschlands. Und um die wird es hier gehen. Denn dass ich hier stehe, ist mir eine große Ehre, aber auch ein Unfall. Das Ergebnis einer ganzen Reihe von Versäumnissen.

Im Prinzip ist die BRD wie ein Handy, dessen Betriebssystem seit Jahrzehnten kein Update mehr erfahren hat, und mittlerweile funktionieren darauf die ganzen Apps nicht mehr.

Das Gute daran wiederum ist, dass ich kein Akademiker bin. Kein Historiker. Ich darf ein bisschen spielen. Falsch liegen. Darf Sie entscheiden lassen, ob es die Freiheit des Künstlers oder des Narren ist, die ich gerade auskoste.

Wenn ich mich zum Beispiel mit den Dingen befasse, die nicht passiert sind, und behaupte, dass das die eigentliche Geschichte der BRD ist.

Wenn ich die Jahre von 1945 bis heute anschaue, sehe ich nämlich in erster Linie eine Geschichte der Versäumnisse. Es ist kein „Was bisher geschah“, vielmehr ist es ein „Was bisher nicht geschah“, „Was immer noch nicht geschieht!“ und ein „Wieso nicht?“

Im Prinzip ist die BRD wie ein Handy, dessen Betriebssystem seit Jahrzehnten kein Update mehr erfahren hat, und mittlerweile funktionieren darauf die ganzen Apps nicht mehr.

Was bisher geschah? Die 68er.

Was bisher nicht geschah? Die 78er, die 88er, die 98er und so weiter.

Die 89er waren nicht im Westen. Erst mit Fridays For Future taucht wieder etwas von ernstzunehmender Größe auf, das von der Straße aus Druck ausübt, und das ist kein deutsches Phänomen, sondern ein globales, zumindest eines des globalen Nordens.

Und beinahe gleichzeitig – das wiederum ist ein deutsches Phänomen – taucht mit Pegida etwas auf, das der Meinung ist, dass man das Betriebssystem von 68 auch schon nicht hätte updaten dürfen.

Was bisher geschah:

Eine – aus jeder Perspektive, außer der deutschen – redundante Diskussion, die sich der Historikerstreit nannte, und etwa ein Drittel Jahrhundert später eine weitere Diskussion, ob man ein Update, einen Historikerstreit 2.0 wagen darf? Dabei hätte man bei dem Historikerstreit 4.0, 5.0 oder 12.0 sein können, ja sogar müssen. Das geschah nicht.

Was ebenfalls nicht geschah, und das ist das Versäumnis von uns Nichtdeutschen, ist das Verhindern der deutschen Definitionshoheit über sich selbst.

Die Frage, wer sie sind, hätten wir sie nie allein beantworten lassen dürfen. 

Nicht sofort einzuschreiten, wenn mehr als zwei Deutsche im Gespräch ihre Identität auszuhandeln versuchen, war ein Fehler.

Wir hätten ihnen erklären müssen, dass Gräueltaten auch denjenigen beschädigt, der sie begangen hat.

Wir hätten das Erinnerungsstrebertum, das wie jedes Strebertum etwas Pedantisches bisweilen Faschistoides und Heuchlerisches hat, stören, und durch ein endloses therapeutisches Gespräch über Tätertrauma ersetzen müssen, das sie in aller Ewigkeit gebunden, ihnen keine Sekunde moralischer Erhebung erlaubt hätte, kein Weltmeistertum, nicht den geringsten Anlass, stolz zu sein. Die Arme für immer unten.

Das wäre wahrheitsnah und ertragreich gewesen. Es hätte nicht zu diesem Staatsräsonfanatismus, nicht zur Beteiligung an einem weiteren Genozid geführt.

Und was wäre, wenn man aus den Gräueltaten der NS-Zeit die einzig richtige Schlussfolgerung gezogen hätte. Nämlich, dass “Nie wieder” für alle gilt, statt diese Selbstlüge namens Erinnerungskultur zur Staatsideologie.

Wir hätten es verhindern müssen, dass eine – nennen wir es – Nation, die bis zur letzten Kugel gekämpft, und als diese verschossen war – seine Zwölfjährigen mit Gewehren ohne Patronen an die Front geschickt hat, um für einen Führer zu sterben, der sich zu dem Zeitpunkt schon erschossen hatte, anschließend eine Erzählung zurecht legen kann, nachdem sie nicht besiegt, sondern befreit wurde, während der andere Teil derselben „Nation“ das Problem damit löste, eine Mauer zu bauen und zu behaupten, die Faschisten seien auf der anderen Seite.

Das alles hätten wir unterbinden, die Deutschen nie wieder deutsch werden, nie wieder Luft holen lassen dürfen.

Und was wäre, wenn man aus den Gräueltaten der NS-Zeit die einzig richtige Schlussfolgerung gezogen hätte. Nämlich, dass “Nie wieder” für alle gilt, statt diese Selbstlüge namens Erinnerungskultur zur Staatsideologie, zum Israelismus auszubauen, die einen. Israel bis auf die Anklagebank nach Den Haag hinterhertrotteln lässt. Die nicht ein Kind aus Gaza zur Behandlung aufnehmen kann, dafür aber Esel. Damit wären wir wieder beim Vater des Protagonisten und dieser eigenartig deutschen Form der Idiotie.

Welch einer würdelosen Selbstverzwergung, welch einer rauschhaften Verblendung man sich hingegeben haben muss, wenn der größte Schriftstellerverband eine Veranstaltung organisiert namens „Israel: Land ohne Lobby“. Ohne Fragezeichen, ohne Gehirn, dafür aber mit einem namenhaften Historiker mit einer Israelflagge auf seinem Profilbild.

Wenn die Literaturnobelpreisträgerin es als ihre Pflicht sieht, sich zu demontieren, indem sie anachronistische Propaganda der Netanyahu-Regierung öffentlich wiederkäut. Als wolle sie mit gutem Beispiel vorangehend sagen: Wenn ich mich so dumm stellen kann, schaffen wir das alle.

Claudia Roth’s Clapartheid sei noch erwähnt. Das aber nur um einige der unzähligen Momentaufnahmen jener eigenartig-deutschen Idiotie zu nennen, die meiner Romanfigur gut ins Bild gepasst hätten, die heute Staatsideologie geworden sind und meinem Roman die zusätzlichen Artikel beschert hätten.

Deutschland ist kein Land, das es schaffen wird, sich neu zu erfinden. Das beweist es gerade an jeder Front.

Bevor etwas untergeht, gehen oft seine Erzählungen unter. Sein Selbstbild, seine Glaubenssätze, was es als seinen Kern definiert hat, seine Räson, und der eigene Glaube daran. 

Geschichte zeigt sich in ihrem Entstehen dort eindeutig und unübersehbar, wo sie markant auftritt, an einem 11. September, einem 9. November, an einem 17. Juni, einem 7. Oktober. Geschichte entsteht aber auch an allen anderen Tagen. Nur nicht so laut.

Das Zerbröseln von Erzählungen hören wir nicht, das Verdichten neuer Erzählungen passiert auf Molekularebene, lange bevor sie sichtbar werden. Jede Saat wächst erst ein Stück nach unten, bevor sie zum Tageslicht sprießt.

Die Erzählungen der BRD zerbröseln und zerbröckeln gerade. Man hat nicht nur versäumt, sie upzudaten, sogar die Mittel zu denen man greift, um sie zu schützen, sind veraltet. Sie sind lächerlich wie dieses Land selbst und seine Erzählungen.

Deutschland fehlt es nicht nur an Wendigkeit und Flexibilität. Ihm fehlt schlicht das kulturelle wie intellektuelle Werkzeug, um die Notwendigkeit einer Veränderung zu erkennen. Deutschland ist kein Land, das es schaffen wird, sich neu zu erfinden. Das beweist es gerade an jeder Front.

Deutschland marschiert mit all seinen Erzählungen in den sicheren Tod.

Und wo die Erzählungen des Dritten Reiches, vom Lebensraum im Osten, der Rassenlehre, der Judenfrage und dem totalen Krieg spätestens in Stalingrad den Anfang ihres Endes fand, so findet sich der Anfang vom Ende der BRD-Erzählung, der Erinnerungskultur, des “Nie wieder” des Rechtsstaats in einer gar nicht so unähnlichen Vernichtung. Nämlich in Gaza.

Israel, lieber Herr Merz, erledigt nämlich nicht die Drecksarbeit für Sie. Israel erledigt sie gerade für Deutschland.

Behzad Karim Khani (Geboren 1977 in Teheran) ist Schriftsteller, Essayist und Herausgeber der Weltbühne.

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