Missverstandene Radikale

Adam Knowles

Armin Mohler und die Beschönigung des Faschismus

Stahlhelme werden in einer Berliner Fabrik zu Kochtöpfen verarbeitet © Imperial War Museums via Wikimedia Commons.

Dieser Text erschien im englischen Original am 30. Oktober 2025 im The Ideas Letter.

„Der deutsche Konservatismus ist ein Opfer des Faschismus.“ Mit dieser prägnanten Aussage fasste der Schweizer Essayist, Aktivist, Agitator und Doktor der Philosophie Armin Mohler (1920–2003) 1962 ein ganzes politisches Projekt zusammen, das darauf abzielte, faschistisch orientierte Denker zu rehabilitieren, indem man sie von ihren Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus befreite.1 Mohler, der oft als „geistiger Vater” der Neuen Rechten bezeichnet wird, könnte treffender, wenn auch etwas anachronistisch, als der einflussreichste Vordenker der deutschsprachigen Neuen Rechten charakterisiert werden. Sein Einfluss nahm nach seinem Tod nur weiter zu. 

Mit seinem 1950 erschienenen Buch Die konservative Revolution in Deutschland: 1918–1932 nutzte Mohler seine Position in der offiziell neutralen Schweiz, um die Vertreter der Neuen Rechten als Erben einer angeblich vom Faschismus unbefleckten konservativen Tradition darzustellen.2 Mohler gelang es, einen Teil der konservativen Denker der Weimarer Republik von direkten Verbindungen zum Nationalsozialismus zu trennen, indem er sie als eine Gruppe von konservativen Dissidenten darstellte. Diese Intellektuellen fielen – so Mohlers Darstellung – politischen Extremisten zum Opfer, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung standen. Dieses Denkkonstrukt, das von einem Schweizer mit nachweisbar faschistischem Hintergrund verbreitet wurde, spielte eine entscheidende Rolle beim Schönreden faschistisch anmutender Denkweisen in Deutschland nach 1945. Eine Untersuchung von Mohlers Rolle im Gründungsmythos der Neuen Rechten zeigt die häufigen Missverständnisse auf, die dazu geführt haben, dass das radikale Potenzial der Neuen Rechten heutzutage unterschätzt wird. 

Diese Neue Rechte ist ein nachhaltiges intellektuelles Projekt, das darauf abzielt, die ideologischen Ressourcen verschiedener Splittergruppen des Faschismus zu nutzen, um eine neue, dem Faschismus nahestehende Politik zu entwickeln, die dazu geeignet ist, in einem demokratischen Setting Wahlerfolge zu erzielen. 

Die Neue Rechte versteht sich als intellektuellen Vorreiter der postfaschistischen extremen Rechten.3 Die europäische Neue Rechte im weiteren Sinne war schon immer eine gut vernetzte transnationale Bewegung, mit besonders engen Verbindungen zwischen der deutschsprachigen Neuen Rechten und der französischsprachigen Nouvelle Droite. Dieser Essay konzentriert sich jedoch auf eine Persönlichkeit, die besonderen Einfluss auf die Neue Rechte in Deutschland, Österreich und den deutschsprachigen Teilen der Schweiz hatte. Was im US-amerikanischen Kontext gemeinhin als New Right bekannt ist, unterscheidet sich davon: Es handelt sich hier um eine aufständische Bewegung innerhalb der Republikanischen Partei, die 1980 in der ersten Wahl von Ronald Reagan gipfelte.4 Der Einfluss der europäischen Neuen Rechten ist weitreichender. Sie hat maßgeblich dazu beigetragen, den Weg für die fremdenfeindliche Politik rechtsextremer Parteien, der Alternative für Deutschland (AfD), der Schweizerischen Volkspartei (SVP) und der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), zu ebnen. Um diesen antidemokratischen Kräften entgegenzuwirken, ist es dringend notwendig, ihre politischen Ambitionen und ihre historische Vision zu verstehen. Diese Neue Rechte ist ein nachhaltiges intellektuelles Projekt, das darauf abzielt, die ideologischen Ressourcen verschiedener Splittergruppen des Faschismus zu nutzen, um eine neue, dem Faschismus nahestehende Politik zu entwickeln, die dazu geeignet ist, in einem demokratischen Setting Wahlerfolge zu erzielen. 

Das Leben von Mohler, einem Leuchtfeuer der Neuen Rechten, zeichnet einen narrativen Bogen über mehrere Generationen dieses Gedankenguts. Obwohl die Forschung zu Mohler und seinen Netzwerken in Deutschland derzeit floriert, charakterisieren Politikwissenschaftler:innen das intellektuelle Projekt der Neuen Rechten oft immer noch auf unzutreffende Weise und beschreiben die Gruppierung als Bindeglied zwischen etablierten konservativen Parteien und der radikalen Rechten.5 Diese Darstellung stützt sich jedoch auf ein oft implizites Spektrum, das den Faschismus an einem von zwei Extremen ansiedelt, und ignoriert dabei häufig die komplexen inneren Spaltungen innerhalb des faschistischen und faschismusnahen Denkens. 

Die Neue Rechte lässt sich besser als ein intellektuelles Projekt verstehen, das darauf abzielt, abweichende Denkrichtungen zu identifizieren und wiederzubeleben, die sich zuvor als zu radikal für regierende faschistische Mächte erwiesen haben.

Es braucht ein neues Verständnis. Die Neue Rechte versucht weder, faschistisches Denken wiederauferstehen zu lassen, noch pflegt sie neonazistische Bestrebungen. Eine solche Beschreibung verkennt die Natur ihrer Radikalität. Die Neue Rechte lässt sich besser als ein intellektuelles Projekt verstehen, das darauf abzielt, abweichende Denkrichtungen zu identifizieren und wiederzubeleben, die sich zuvor als zu radikal für regierende faschistische Mächte erwiesen haben. Die Neue Rechte beschäftigt sich intensiv mit ihrer eigenen Geschichte und nutzt diese, um faschismusnahe Denkrichtungen zu retten und diesen neues Leben einzuhauchen. Wir, die restliche Gesellschaft, ignorieren die intellektuelle Komplexität dieser Bewegung auf eigene Gefahr. 

Tamir Bar-On beschrieb in seinem einflussreichen 2007 erschienenen Buch die Befürworter:innen der Neuen Rechten als „antifaschistische Faschist:innen“.6 Die Dynamik des frühen Faschismus zeigt, dass seine eigentümlich widersprüchliche Formulierung keine Erfindung der Nachkriegszeit ist. Die Ursprünge des Mythos vom antifaschistischen Faschismus lassen sich auf ideologische Konflikte innerhalb des Nationalsozialismus zurückführen, insbesondere nachdem dieser regierte. Was Mohler als „konservative Revolution“ bezeichnete, spielte eine bedeutende Rolle in der Nachkriegslegitimierung widersprüchlicher Strömungen des faschistischen Denkens. Meine These baut auf Mohlers Narrativ auf, kehrt jedoch die politische Wertigkeit um, die er mit ihren Protagonisten verband. Mohler sprach von einer konservativen Gruppierung, die daran arbeitete, den Nationalsozialismus zu entradikalisieren. Ich hingegen nehme eine Gruppe von Denkern wahr, die glaubten, durch ihre Interaktion mit dem Nationalsozialismus in Regierungsposition entradikalisiert worden zu sein. 

Die Promiskuität des Faschismus 

Der Nationalsozialismus an sich war komplex. Roger Griffin, einer der führenden Expert:innen für die Geschichte des Faschismus, beschreibt den Faschismus im Allgemeinen als ideologisch „promiskuitiv“.7 In seiner Darstellung der Ursprünge des Nationalsozialismus beschreibt der Spezialist für Geistesgeschichte George Mosse den Rassismus der Nazis als „Aasfresser-Ideologie“.8 Promiskuitiv und aasfressend, zeige der Faschismus eine bemerkenswerte Fähigkeit, Widersprüche in Spannung zu halten, ohne sie auflösen zu müssen. Wenn überhaupt, verstärke der Faschismus aufgrund seiner Flexibilität logische Spannungen. Bei der Verfolgung konkreter Projekte greife er strategisch auf vielfältige ideologische Ressourcen zurück, um sich an bestimmte situative Erfordernisse anzupassen – gegebenenfalls auch durch Abschwächung seiner Radikalität. Teilweise dank seiner Vielgestaltigkeit werfe er bewusst ein weites Netz aus, in das verschiedene politische Akteur:innen ihre einzigartigen politischen Visionen einbringen können. Als der Nationalsozialismus im Januar 1933 an die Macht kam, musste er sich in einem komplexen ideologischen Raum bewegen, der von einer Vielzahl von Denkern aus dem gesamten ethnonationalistischen Spektrum bevölkert war. Die Pflege unterschiedlicher, abstrakter ideologischer Positionen stand oft im Widerspruch zu den Anforderungen der politischen Praxis. Selbst in Bezug auf ihr Ziel der Judenverfolgung passten die Entscheidungsträger der NSDAP manchmal das Tempo der Umsetzung an, aus Sorge um innenpolitische Unruhen und die Beeinträchtigung des internationalen Ansehens Deutschlands. Viele radikale Intellektuelle innerhalb der Partei empfanden diese taktischen Überlegungen als eine Form der Mäßigung.9

Oft verfolgten sie spezifische Ziele, die von der Eugenik der weißen Vorherrschaft über „spirituellen“ Antisemitismus, der sich auf die Beseitigung des jüdischen Einflusses aus der deutschen Kultur konzentrierte, über die Tugenden der körperlichen Ertüchtigung, die Reinigung der deutschen Sprache, die Aufwertung der deutschen Landschaft bis hin zu nordischen Naturkulten reichten.

Wie Mosse in seiner intellektuellen Geschichte der Ursprünge des Nationalsozialismus zeigt, gehörten den in der Weimarer Republik aktiven Ethnonationalisten eine bunte Mischung lose miteinander verbundener Denker an.10 Manchmal überschnitten sich ihre Anliegen – beispielsweise die Verteidigung ihrer „Rasse“ oder „ethnischen Gemeinschaft“ vor angeblicher Degeneration –, doch oft verfolgten sie sehr spezifische Ziele, die von der Eugenik der weißen Vorherrschaft über „spirituellen“ Antisemitismus, der sich auf die Beseitigung des jüdischen Einflusses aus der deutschen Kultur konzentrierte, über die Tugenden der körperlichen Ertüchtigung, die Reinigung der deutschen Sprache, die Aufwertung der deutschen Landschaft bis hin zu nordischen Naturkulten reichten.11 Dieses Gedankenkollektiv produzierte eine außergewöhnliche Menge an Druckerzeugnissen, und lose verbundene Gruppen brachten sowohl kleinere als auch größere Zeitschriften heraus, die einzigartige Kombinationen aus dem ethnonationalistischen Buffet boten. Trotz dieser Vielfalt schloss sich diese breite Gruppe 1933 weitgehend bereitwillig dem Nationalsozialismus an. Was dann folgte, war ein hochkomplexer Prozess der ideologischen Spaltung unter bürokratischen Bedingungen – und dieser förderte nicht immer die extremsten Positionen.12

Der Nationalsozialismus und die Kraft der Entradikalisierung

In dieser Phase der promiskuitiven Offenheit fühlten sich viele ambitionierte Intellektuelle – Künstler:innen, Schriftsteller:innen, Akademiker:innen – zu einer Bewegung hingezogen, die bewusst versuchte, konkurrierende ideologische Kräfte anzuziehen. In seinem 1970 erschienenen Buch Germans and Jews argumentiert Mosse, dass viele „Intellektuelle, nachdem sie sich dem Nationalsozialismus angeschlossen hatten, Teil einer organischen Weltanschauung wurden, die ihren Aktivismus gezähmt hatte.”13 Mosse weist darauf hin, dass der Nationalsozialismus unter den Anforderungen der faschistischen Staatsbildung – insbesondere dem Führerprinzip, das Hitler absolute Autorität verlieh – eine relative ideologische Verengung durchlief, da er sich auf den Aufbau einer einzigen ethnischen Gemeinschaft durch Bildung, Verwaltung und Kultur konzentrierte. Die Historikerin Claudia Koonz dokumentiert, wie der NS-Staat in den ersten Jahren seiner Herrschaft den Ausdruck eines gewalttätigen Antisemitismus unterband.14 Viele ethnonationalistische Denker sahen darin eine Form der Entradikalisierung ihrer eigenen Ambitionen. Infolgedessen wandten sich viele vom Nationalsozialismus ab, sobald dieser an der Macht war, weil sie wenig Raum fanden, ihre eigenen Visionen einzubringen. Dieser Prozess entmutigte Ernst Jünger, Gottfried Benn, Hans Grimm und Martin Heidegger.15

Die Abkehr vom Nationalsozialismus, aus welchen genauen Gründen diese auch geschah, verschaffte einigen Intellektuellen während der Entnazifizierung einen unbeabsichtigten Vorteil.

Das Erkennen dieser eingrenzenden Dynamik sowie der damit einhergehenden Entzauberung ist absolut entscheidend, um die Langlebigkeit faschistischer Ideen zu begreifen. Zu dieser Zeit wurde der Keim einer bitteren Ironie gesät, und die Neue Rechte nutzte ihn dann, um eine radikale Tradition zu reinigen und sie als antifaschistisch neu zu verpacken. Die Abkehr vom Nationalsozialismus, aus welchen genauen Gründen diese auch geschah, verschaffte einigen Intellektuellen während der Entnazifizierung einen unbeabsichtigten Vorteil. Nach 1945 konnten akademische Dissident:innen, selbst diejenigen, die den Faschismus aus einer rechten Perspektive kritisierten, ihre Auseinandersetzungen mit dem Faschismus in der Praxis als eine Form des Widerstands oder als ethisch begründete Ablehnung dessen, was aus der NSDAP geworden war – im Gegensatz zu einer Kritik daran, was sie eigentlich hätte sein sollen – umdeuten.16 Interne Fehden unter Anhänger:innen eines faschistischen und ethnonationalistischen Projekts konnten nun so dargestellt werden, als ob eine bestimmte Person, die viele Nazis als Feinde gehabt hatte, deswegen zuverlässig antinazistisch sein musste.

Obwohl die konkrete Umsetzung der Entnazifizierungspolitik in den britischen, französischen, amerikanischen und sowjetischen Besatzungszonen sehr unterschiedlich ausfiel, wird das Vorhaben in den Besatzungszonen Westdeutschlands allgemein als gescheitert angesehen. In einem Standardwerk zu diesem Thema bezeichnet der Historiker Lutz Niethammer diesen Prozess als „Mitläuferfabrik“, die bereits damals die nach der Waschmittelmarke benannten „Persilscheine“ produzierte.17 Besitzer:innen eines solchen Scheins wurden sozusagen von allen politischen Flecken reingewaschen. In einer Zeit, in der wenig Interesse an einer groß angelegten Strafverfolgung bestand, war es nicht allzu schwierig, sich einen Nachweis politischer Hygiene zu sichern. Die intellektuelle Genese der heutigen Neuen Rechten hat ihre Wurzeln in einem Entnazifizierungsprozess, der im Wesentlichen kosmetische Veränderungen mit sich brachte. Mohler nutzte die Mechanismen dieser oberflächlichen Reform. 

Die Erz-Influencer der Neuen Rechten

Die deutschsprachige Forschung zu Mohler erlebt gerade eine Blütezeit. Der Historiker Maik Tändler hat kürzlich eine detaillierte geistesgeschichtliche Biografie vorgelegt, die einen wertvollen Beitrag leistet. Vor deren Veröffentlichung im Juni war die einzige Biografie in Buchlänge über Mohler ein hagiografisches Werk des rechtsextremen deutschen Antaios-Verlags.18 Tändlers umfangreiche Recherchen beschreiben unter anderem die Ursprünge des Mythos der Konservativen Revolution. 

Im Februar 1942 überquerte Mohler, damals Student an der Universität Basel und vom Schweizer Militärdienst beurlaubt, die Grenze nach Deutschland, um sich bei der SS zu melden. Obwohl die Nazis ihn für diesen Zweck als ungeeignet erachteten, tolerierten sie seine Anwesenheit und brachten ihn zunächst in einem Heim für nazifreundliche Deutschschweizer in Stuttgart unter. Im Herbst 1942 erhielt er die Erlaubnis, in Berlin zu studieren. Ende des Jahres kehrte er in die Schweiz zurück, frustriert darüber, dass es ihm nicht gelungen war, sich in Deutschland politisch zu etablieren. Er überquerte illegal die Grenze zurück in die Schweiz und wurde wegen Fahnenflucht aus dem Militärdienst verhaftet. Ein Richter verurteilte ihn zu einem Jahr Gefängnis.

Mohler nahm 1944 sein Studium in Basel wieder auf und schloss im Juni 1949 eine Dissertation in Philosophie ab, die auf seiner Analyse der Geschichte des deutschen Konservatismus basierte. Unter einer Reihe komplizierter Umstände, die von Tändler dokumentiert werden, erklärte sich der renommierte deutsche Philosoph Karl Jaspers, der seit 1948 an der Universität Basel lehrte, bereit, Mohlers Dissertation zu betreuen. Deutschsprachige Universitäten kennen seit langem zwei unterschiedliche Sorten Doktortitel. Neben Personen, die eine ernsthafte akademische Laufbahn anstreben, gibt es Personen, die aus politischer Ambition ihren Doktor machen. Mohler gehörte der zweiten Kategorie an. In seinem Briefwechsel mit Mohler bewertete Jaspers dessen Dissertation relativ hart. Er äußerte sich skeptisch über den politischen Ton, ließ sie jedoch nach akademischen Standards bestehen. In seinen Kommentaren an Mohler tat er die Arbeit als politisch harmlos ab, obwohl er sie gleichzeitig als „groß angelegte Entnazifizierung” der darin behandelten Denker:innen bezeichnete. Der Begriff der „Konservativen Revolution” diente somit als eine Art intellektueller Persilschein.19 Jaspers’ endgültige Absegnung erwies sich für Mohler als PR-Coup. Die Verbindung zu einem so hoch angesehenen Denker verlieh Mohler intellektuelle Legitimität. Und da Jaspers einer der wichtigsten öffentlichen Fürsprecher dafür gewesen war, dass Deutschland sich nach dem Zweiten Weltkrieg seiner kollektiven Schuld stellen müsse, verlieh seine Zustimmung Mohler einen Hauch von antifaschistischer Glaubwürdigkeit.

Seine These ermöglichte es Mohler, eine große Gruppe faschismusnaher Denker:innen für den sicheren Konsum durch eine nostalgische deutsche Öffentlichkeit neu zu verpacken. 

Der Schlüsselbegriff „Konservative Revolution“, den Mohler in seiner Dissertation verwendete, war bereits im Umlauf und wurde auf eine heterogene Gruppe von Denker:innen angewandt, die sich selbst nie als Teil einer Schule oder Bewegung verstanden hatten. Sie teilten antidemokratische Tendenzen, und Mohler betrachtete sie als Widerstandskämpfer:innen gegen die Dekadenz der Weimarer Demokratie.20 Seiner Meinung nach hatten sie ein Gedankengut geschaffen, das von den Nazis kooptiert worden war. Mohler stellte sie als eine Kraft der Mäßigung dar, die versuchte, eine radikale Bewegung in Zaum zu halten, die angeblich von einigen wenigen Fanatiker:innen kontrolliert wurde.

Mohler veröffentlichte seine Dissertation 1950 und für eine wissenschaftliche Publikation fand das Werk in der Öffentlichkeit große Resonanz. Die Idee der „Konservativen Revolution“ erfüllte offensichtlich eine nostalgische Sehnsucht in der deutschen Öffentlichkeit. Auch hier diente Mohlers stillschweigender Verweis auf die Schweizer Neutralität und seine Distanz zu deutschen Schulddiskursen – so abgedroschen das alles auch gewesen sein mag – als wirkungsvolles Instrument in einem Klima, das nur schwache Alibis erforderte. Seine These ermöglichte es Mohler, eine große Gruppe faschismusnaher Denker:innen für den sicheren Konsum durch eine nostalgische deutsche Öffentlichkeit neu zu verpacken. 

Tändler dokumentiert etwa 36 zeitgenössische Rezensionen zu der Veröffentlichung. Während einige Rezensent:innen es sofort als gefährliches Werk faschistischer Apologetik erkannten, war ein Teil der konservativen Reaktion von strategischer Nuance geprägt und schien mehr auf den Status des Buches als Ereignis zu achten. Konservative Rezensent:innen waren oft mit Details in Mohlers Gesamtnarrativ nicht einverstanden, respektierten jedoch die allgemeinen Absichten des Projekts. Die nachfolgende wissenschaftliche Rezeption war durchweg kritisch. Während der Begriff „Konservative Revolution” nach wie vor im Umlauf ist, fordern Kritiker wie Stefan Breuer seit langem, die Veröffentlichung aus den Annalen der Geschichte zu streichen21, mit der Begründung, dass seine Verwendung passiv Mohlers Beschönigung reproduziere. 

Nach der Veröffentlichung von „Die Konservative Revolution“ zeichnete sich Mohler als Netzwerker und Agitator aus. Als persönlicher Sekretär von Ernst Jünger baute er sich ein wertvolles Netzwerk an Kontakten auf. Mohler und Carl Schmitt führten einen umfangreichen persönlichen Briefwechsel. Während seiner Tätigkeit als Journalist in Frankreich baute Mohler sein Netzwerk unter den aufstrebenden Kräften auf, aus denen schließlich die französische Nouvelle Droite hervorging. 1964 übernahm er die Leitung der konservativen Carl Friedrich von Siemens-Stiftung und leitete sie bis 1984. Während dieser Zeit vertrat er öffentlich immer radikalere Positionen und verband sich offen mit rechtsextremen Gruppierungen und Standpunkten. 1995 erklärte Mohler öffentlich: „Ich bin Faschist“, schränkte diese Erklärung jedoch mit einer Reihe langwieriger und koketter Vorbehalte über die Natur des von ihm vertretenen Faschismus ein.22 Diese offene Befürwortung des Faschismus wirft weniger heikle Interpretationsfragen auf als die früheren Phasen seiner Karriere. Doch es war ein vielsagender politischer Schachzug für einen geschickten Selbstdarsteller – insbesondere für einen, dessen Vermächtnis in letzter Zeit mit den Wahlsiegen rechtsextremer und ethnonationalistischer Parteien in Österreich, Deutschland und der Schweiz nur noch gewachsen ist. 

Die Zukunft faschistischer Vergangenheiten

Als raffinierte intellektuelle Bewegung navigiert die Neue Rechte geschickt die Grenzen des akzeptablen politischen Diskurses und verschiebt diese kontinuierlich weiter nach rechts, indem sie jegliche Verbindung zum Nationalsozialismus ablehnt. Diese Ablehnung (oder Leugnung) sollte nicht als bloßer Vorwand abgetan, sondern als Strategie hinterfragt werden. Es spielt keine Rolle, ob die Neue Rechte gefährlicher ist als eine offen neonazistische Bewegung. Solche Fragen lenken letztlich von der subtilen langfristigen politischen Strategie der Neuen Rechten ab, die – wie der Fall Mohler deutlich macht – ein mühsames Hin und Her zwischen faschistischen Bekenntnissen und Ablehnungen beinhaltet. Die Faschismusforschung läuft Gefahr, zu einem Parasiten zu werden, der sich an sein Analyseobjekt klammert. Dennoch ist die politische Aufgabe, sich mit der Neuen Rechten auseinanderzusetzen, dringend. 

Die Neue Rechte hat bereits gezeigt, dass rechtsextreme Politik seit langem andere konkrete und intellektuelle Ziele verfolgt.

In den letzten zehn Jahren gab es immer wieder zyklisch wiederkehrende, oft unproduktive Diskussionen über das Wesen des Faschismus, wobei sich viele dieser Diskussionen auf die USA konzentrierten. Die Berücksichtigung der komplexen historischen Entstehung der Neuen Rechten innerhalb der polymorphen Strukturen des historischen Faschismus sollte die Diskussionsbedingungen verändern. Der implizite Sinn all dieser Diskussionen scheint oft darin zu bestehen, ein Worst-Case-Szenario dessen zu identifizieren, was in einem bestimmten Zustand hätte passieren können oder auch nicht, was noch passieren könnte oder auch nicht. Die Neue Rechte hat jedoch bereits gezeigt, dass rechtsextreme Politik seit langem andere konkrete und intellektuelle Ziele verfolgt. Ihre Anhänger:innen sind versierte Kenner:innen ihrer eigenen Geschichte. Die Kräfte, die sich heute gegen den Aufstieg faschismusnaher Politik zur Wehr setzen, müssen ebenso versiert darin werden, die vielen Facetten des Faschismus zu verstehen.

Adam Knowles ist Dozent am Institut für Philosophie der Universität Zürich

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  1. Armin Mohler, „Konservativ 1962,” Der Monat 14, Nr. 163 (April 1962): 23-29, S.23. []
  2. Armin Mohler und Karlheinz Weissmann, Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932: Ein Handbuch (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1999 [1950]). []
  3. Cas Mudde, The Far Right Today (Wiley, 2019). Leider gibt es nur wenig englischsprachige Literatur über Mohler, vor allem angesichts der jüngsten Verbreitung seiner Werke in deutscher Sprache. Siehe Roger Woods, Germany’s New Right as Culture and Politics (Palgrave Macmillan, 2007). []
  4. Donald T. Critchlow, The Conservative Ascendancy: How the Republican Right Rose to Power in Modern America (University Press of Kansas, 2011). []
  5. Aufgestellt wird diese Behauptung von Wolfgang Gessenharter in “Neue radikale Rechte, intellektuelle Neue Rechte und Rechtsextremismus: Zur theoretischen und empirischen Neuvermessung eines politisch-ideologischen Raumes,” in Rechtsextremismus und Neue Rechte in Deutschland, hrsg. Wolfgang Gessenharter und Helmut Fröchling (Leske + Budrich Verlag: 1998). []
  6. Tamir Bar-On, Where Have All the Fascists Gone? (Ashgate, 2007), S. 90. []
  7. Roger Griffin, “Review of David Roberts, Fascist InteractionsProposals for a New Approach to Fascism and Its Era,” European History Quarterly 47, Nr. 2 (2017): 379-381, S. 380. []
  8. George L. Mosse, The Crisis of German Ideology: Intellectual Origins of the Third Reich (Grosset & Dunlap, 1964), vii. []
  9. Bis zu einem gewissen Grad trug die Komplexität der nationalsozialistischen Staatsstruktur dazu bei, diese Widersprüche durch konkurrierende Zuständigkeitsbereiche auszugleichen. Zwei klassische Werke befassen sich auf unterschiedliche Weise damit: Ernst Fraenkel, The Dual State: A Contribution of the Theory of Dictatorship, trans. E.A. Shils, mit Hilfe von Edith Lowenstein and Klaus Knorr (Oxford University Press, 2017 [1941]) und Franz Neumann, Behemoth: The Structure and Practice of National Socialism, 1933–1944 (Ivan R. Dee, 2009 [1942]). []
  10. Für eine weitere detaillierte Übersicht in englischer Sprache siehe: Guy Tourlamain, Völkisch Writers and National Socialism: A Study of Right-Wing Political Culture in Germany, 1890–1960 (Peter Lang AG, 2014). []
  11. Johann Chapoutot, The Law of Blood: Thinking and Acting as a Nazi (Harvard University Press, 2018). Siehe auch: Fritz Stern, The Politics of Cultural Despair: A Study in the Rise of the Germanic Ideology (University of California Press, 1961) und Jeffrey Herf, Reactionary Modernism: Technology, Culture, and Politics in Weimar and the Third Reich (Cambridge University Press, 1984). []
  12. Ian Kershaw dokumentiert, dass Hitler bei internen Entscheidungen nicht immer den extremsten Vorschlag befürwortete. In: The Nazi Dictatorship: Problems and Perspectives of Interpretation, 4 Ed. (Bloomsbury, 2015 [1985]), S. 91. []
  13. George L. Mosse, Germans and Jews: The Right, the Left, and the Search for a “Third Force” in Pre-Nazi Germany (H. Fertig, 1970), S. 168. []
  14. Claudia Koonz, The Nazi Conscience (Belknap, 2003). []
  15. Alice Yaeger Kaplan zeigt, dass diese Entwicklung für faschistisch orientierte kreative Intellektuelle typisch ist. In: Reproductions of Banality: Fascism, Literature, and French Intellectual Life (University of Minnesota Press, 1986). []
  16. A. Dirk Moses, German Intellectuals and the Nazi Past (Cambridge University Press, 2007) and Jan-Werner Müller, Another Country: German Intellectuals, Unification and National Identity (Yale University Press, 2000). []
  17. Lutz Niethammer, Die Mitläuferfabrik: Die Entnazifizierung am Beispiel Bayerns (Dietz, 1982). []
  18. Maik Tändler, Armin Mohler und die intellektuelle Rechte in der Bonner Republik (Wallstein Verlag, 2025). Ich habe Bedenken, das hagiografische Buch der extremen Rechten zitieren zu müssen. Es wird ausführlich bei Volker Weiß analysiert, in: Die autoritäre Revolte: Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes (Klett-Cotta, 2017). Siehe auch die Beiträge von Phillip Becher und Cenk Akdoganbulut in Rechtsextrem: Biografien nach 1945, hrsg. Gideon Botsch, Christoph Kopke, und Karsten Wilke (De Gruyter, 2023). []
  19. Die Umstände von Jaspers’ Beteiligung an Mohlers Aufstieg und seine Bewertung der Dissertation werden bei Tändler, S. 32-35, ausführlich beschrieben. []
  20. In einem Werk, das oft als Gegenstück zu Mohlers Handbuch bezeichnet wird, dokumentiert Kurt Sontheimer die weitverbreitete Natur dieser antidemokratischen Tendenzen: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik: Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933 (Deutscher Taschenbuch–Verlag, 1992 [1962]). []
  21. Stefan Breuer, Anatomie der konservativen Revolution (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1993). []
  22. Fred David und Armin Mohler, Ich bin ein Faschist,” Leipziger Volkszeitung,25. November 1995. []

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