Lebenslänglich
Übersetzt von Ron Mieczkowski

1.
Erst als er den Literaturnobelpreis gewonnen hatte – ein Preis, der, wie zumindest kolportiert wird, vom Erfinder des Dynamits, Alfred Nobel, gestiftet worden ist, nachdem er den irrtümlicherweise ihm gewidmeten Nachruf mit dem Titel „Der Kaufmann des Todes ist tot“ gelesen hatte –, wurde mir bewusst, dass ich den ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai, einen Autor, den ich verehre, gleich mehrmals falsch aus seinem Interview, das er dem Guardian gegeben hatte, zitiert habe, indem ich behauptete, sein literarisches Vorbild sei Franz Kafka, obwohl er tatsächlich gesagt hatte, sein Vorbild sei die Figur K. aus dem Werk von Kafka, und dass Krasznahorkai, als er sagte, „Ich folge ihm in allen Dingen nach“, nicht einem Kollegen Reverenz erwies, sondern dem gehetzten, irrgemachten, weil fälschlicherweise bezichtigten Protagonisten des „Process“ Gefolgschaft schwor, einem Nebengott, der so ausgezeichnet in eine Weltepoche passt, die von sich behauptet, keine Grenzen oder Gesetze und auch keine Geschichte mehr zu kennen, und die dennoch die Ursache des Zynismus und des Zorns ihrer Zeitgenossen ist, nur hin und wieder von einem wie absurd pathetischen Eifer aus dem Lot gebracht, der entweder in Torheit oder Verzweiflung endet.
2.
Krasznahorkais Sätze sind lang. Sie nehmen kein Ende. Was sie so zitternd, schlingernd und schweifend vorantreibt, ist nicht der Hochmut eines Thomas Bernhard und nicht der schwindelerregende Manierismus eines Sebald, sondern seine uferlose Liebe für heilige Tore, für geradezu abstoßend wirre Visionäre, für Figuren wie Korim, den Helden seines Romans Krieg und Krieg von 1999, einen suizidalen Lokalhistoriker aus einer ungarischen Kleinstadt, der zufällig auf ein Manuskript von solch betörender Schönheit stößt, das derart nach dem Höchsten strebt – was schon viel verrät, nämlich die vier Engelsfiguren, die in der Vergangenheit des Menschengeschlechts nach einem Ort des ewigen Friedens fahnden –, ein Manuskript, von dem Korim beschließt, dass es mit der Welt geteilt werden muss, bevor er mit sich selbst ein Ende macht, eine Entscheidung, die ihn nach New York führt, um das Manuskript ins Internet hochzuladen, wo dieser Text von vollendeter Schönheit auf ewig überleben möge, anders als Korim, der beständig hinters Licht geführt und zum Narren gehalten wird durch die vielen praktisch veranlagten Menschen, denen er begegnet, Menschen, deren Gedankenströme uns zeigen, wie eigenartig und abstoßend und verwirrt sie ihn alle finden, und recht haben sie, Korim ist ein Gelackmeierter, er ist tatsächlich „total durchgedreht“, „eine Quasselstrippe“, und doch bleibt er auf eine Weise der Held des Romans, denn die Welt Krasznahorkais ist eine Welt im Widerspruch zu den Zynikern, im Widerspruch zu den Gewinnern, den Drahtziehern und Grenzbeamten, eine Welt, die stets auf der Seite der zudringlichen Irren steht, weil das Wolkenschloss dieser Irren – das, was sie gesehen haben, was ihnen Hoffnung, gar so dumme Hoffnung schenkt – das Einzige ist, was uns noch menschlich machen kann, weil der Augenblick, in dem sie zu sprechen aufhören, der Augenblick, in dem wir zuzuhören aufgeben, der Augenblick, in dem der Satz endet, der ist, in dem die Hater ein für alle mal gewinnen.
3.
Lászlós Engel finden keinen Frieden. Korim findet keinen Frieden. Es herrscht Krieg und Krieg, Dynamit und Dynamit. Bevor er stirbt, lädt Korim das Manuskript ins Netz. Du kannst den Text selbst lesen unter www.warandwar.com.




