Gültige Dinge auf einer halben Seite

the Editors

Vorstellung der Seifenblasen

Photo: © Los Angeles County Museum of Art

Im Jahre 1919 wird Joseph Roth Zeuge einer Wiener Straßenszene: „Ich habe Kinder gesehen, die Seifenblasen aufsteigen ließen“, schreibt er. „Nicht im Jahre neunzehnhundertunddreizehn, sondern gestern. … Ein Fläschchen voll Seifenschaum, ein Strohhalm, zwei Kinder und eine stille Gasse im Sonnenglanze eines Sommervormittags. Die Seifenblasen waren große, wunderschöne, regenbogenfarbige Kugeln und schwammen leicht und sanft durch die blaue Luft.“ Auf die Seifenblase, eines seiner liebsten Bilder, griff Roth häufig zurück, wenn es ihm darum ging, eine Beschreibung für seinen Stil zu finden. Seifenblasen waren für ihn etwas unbedingt Authentisches, eine Art des Weltumgangs jenseits politisierter Moral oder eines abstrakten Intellektualismus, sie standen für die Schönheit des Spezifischen. „Ein Wahlredner darf ungestraft drei Stunden Unsinn und Zusammenhangloses in schlechter Sprache reden“, schrieb er einige Jahre später in Berlin. „Ein Feuilletonist, der über zehn Zeilen Seifenblasen sitzt, ist ein Luder.“

Ganz in diesem Sinne sind auch die Seifenblasen, denen the Diasporist in diesem Frühling den Auftakt gegeben hat, auf Kürze angelegt: In ihnen schreiben Diasporist-Redakteur:innen und -Autor:innen in knappster Form über Filme, Bücher, Ausstellungen und Perfomances. Sie sind manchmal von brennender Aktualität, oft impressionistisch, manchmal frivol, doch immer leicht. Nichts, was über, wie Roth sagt, „gültige Dinge“ auf einer „halben Seite einer Zeitung“ hinausgehen würde.

Related articles

Newsletter abonnieren

Melde dich für den Newsletter von the Diasporist an, um aktuelle Informationen aus dem Magazin und eine exklusive Vorschau auf unsere Inhalte zu erhalten.