Gegenwärtig

Einer der ersten Texte, die auf the Diasporist erschienen sind, war Millay Hyatts “Diese Welt ist nicht meine Heimat”, in dem sie von ihrem Aufwachsen zwischen den Sprachen, Ländern und Religionen erzählt – als Kind amerikanischer Missionare in Deutschland. “Ich habe diesen Glauben und sein ganzes kulturelles Zubehör als junge Erwachsene abgelehnt. Der Prozess, ihn aus meinem Denken und meinem Körper auszumerzen, wird mich wohl noch bis an mein Lebensende begleiten,” schreibt sie. “Wenn ich eine Heimat habe, dann diese Religion, der ich bewusst und aktiv den Rücken zugekehrt habe und kehre.”
Über diesen Text haben wir in der Redaktion lange diskutiert. In Deutschland nimmt das Christentum eine anhaltend große Rolle in Öffentlichkeit und Politik ein. Und doch verschwindet das persönliche religiöse Erleben innerhalb dieses kollektiven beinahe. Hyatts Essay zeigte eine Seite dieses Erlebens, aber wie funktioniert Glauben als persönliche Erfahrung statt als sozialer?
In ihrem Text “Gegenwärtig” beantwortet die Theologin Julia Koll diese Frage auf poetische Weise. Sie beschreibt das Gebet als eine praktische Verkörperung des Glaubens, das weit entlegene Zeiten miteinander verbindet – und sich dabei paradoxerweise doch ganz auf das Jetzt konzentriert. Das ist nicht die Form “kulturellen Christentums”, das die deutsche Gesellschaft oder eine “wertegeleitete” Politik bestimmt, sondern eine persönliches, diszipliniertes Ritual, für das der politische Diskurs weitgehend keinen Begriff hat.
Julia Kolls Essay gibt Zeugnis von einer religiösen Praxis, hinter der keine Identitätsfrage oder ein Argument steht, sondern eine Haltung zur Welt.
Zur Webart meiner Religion gehört, dass sie an Gegenwarten glaubt, nicht an Lehrsätze. Sie verknüpft Texte, und ich bin auch ein Faden. Ich lese. Ich atme. Zeiten legen sich übereinander, vermeintlich vergangene wirken fort. Gegenüber werden lebendig. Mitzuschwingen in diesem Ineinander, setzt Heil frei. Daran glaube ich.
Eine Zeit: Mülheim an der Ruhr, 1728, früh morgens. Ein schmaler junger Mann sitzt vor seiner Hütte. Er hält die Lider geschlossen und reckt sein Gesicht gen Himmel, so wie ich gerade hier. Es ist noch still um diese Zeit, auch in ihm. Das war nicht immer so. Gerhard Tersteegen, aus gutem, gemauertem Hause, hätte Kaufmann werden sollen, wie sein Vater. Doch das Packen, das Geld, der Lärm der Märkte waren zu laut für ihn. Stattdessen ist er Seidenbandweber geworden. Da blieb ihm mehr Zeit zum Beten und Lesen. Am Ende hat er auch den Webstuhl verkauft und ist seinem Herzen gefolgt, diesem Drängen, das nicht aufhören wollte. Er ist erweckt worden. Nun ist er Dichter, Wanderprediger und sogar als Heiler bekannt. Er trocknet Kräuter und mischt Arzneien zusammen. Sein Rücken ist krumm, schon mit einunddreißig. Er lebt von fast gar nichts, er hat sich Jesus verschrieben. Als er aufsteht und über die Schwelle seiner Hütte tritt, kommt ihm ein neuer Vers in den Sinn. Rasch schreibt er ihn nieder: Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige. Und sich innigst vor ihm neige.
Noch eine Gegenwart: Irgendwo in Mazedonien, vielleicht in Philippi oder Thessaloniki, um 55 nach Christi Geburt. Paulus, von Haus aus Zeltmacher, nun jedoch bereits seit Jahrzehnten hauptberuflich mit der Verbreitung und Verteidigung des Christusglaubens befasst, schreibt einen Brief an verschiedene Gemeinden in Kleinasien. Zu diesem Zeitpunkt ist es über zwanzig Jahre her, dass sich sein eigenes Leben grundstürzend verändert hat. Das hat er anderswo ausführlich beschrieben. Hier nur die short version, das Extrakt aus allem: Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Als Paulus damals in die Knie sank, vor den Toren von Damaskus, weil er geblendet wurde von einem gleißend hellen Licht. Und als er eine Stimme hörte, vom Himmel, so erschütternd, dass er drei Tage nichts essen und trinken konnte. Als ihm klar wurde, dass all sein Hetzen gegen die Christen ein schwerer Fehler gewesen war. Und als er in eben diesen Tagen und Nächten ein neuer Mensch wurde, hat er das als einen Herrschaftswechsel empfunden. Was ihn zuvor beherrscht hat – sein Eifer, seine Selbstgewissheit, sein Zorn – ist gestorben in ihm und hat Platz gemacht. Nun erfüllt ihn Christus, der hat ihn heil gemacht.
Ich sehe brennende Wälder vor mir, zerschossene Häuser, Eilmeldungen, höre das Lamentieren. Ich denke: Wir müssen endlich einen Gaskocher anschaffen und Konservendosen, für den Ernstfall.
Und meine Gegenwart. Zum Beispiel letztes Jahr im August, im Kloster Bursfelde an der Weser. Die Sonne knallt vom Himmel. Ich bin fünf Tage lang zu sogenannten Kontemplativen Exerzitien angemeldet. Das Programm ist schlicht: Wir schweigen und wir sitzen, und sitzen heißt: Wir knien auf Kissen oder Bänkchen, in einem großen Kreis. Wir atmen ein und aus, jede für sich, und sitzen da, ohne irgendetwas anderes zu tun, ohne Anregung, ohne Musik. Eine halbe Stunde lang und dann noch eine und manchmal sogar noch eine. Wieso mache ich das bloß? Es ist drückend heiß, draußen wie drinnen. Mein unterer Rücken schmerzt, manchmal auch der Nacken. Und doch: Es gibt keinen ergiebigeren Weg, um herauszufinden, was alles in mir ist. Ich sorge mich, um mich selbst, um die Freundin und ihre Ehe. Ich sehe brennende Wälder vor mir, zerschossene Häuser, Eilmeldungen, höre das Lamentieren. Ich denke: Wir müssen endlich einen Gaskocher anschaffen und Konservendosen, für den Ernstfall. Erinnerungen steigen auf. Tränen über alte Verletzungen, von denen nicht ahnte, dass sie immer noch in mir wuchern. Flüchtige Gedanken. Müdigkeit. Hartherziges. Stumpfes. Heißhunger auf Wassermelone und Salamibrötchen. Nach ein paar Tagen aber auch Langeweile, Leere. Es wird leiser in mir.
In der Mittagspause sitze ich am Karpfenteich. Den Karpfen ist genauso heiß wie mir. Sie schwimmen dicht an der Oberfläche und schnappen nach Sauerstoff. Ich sitze im Schatten und schaue ihnen zu. Im Laub neben der Bank ruht sich eine kleine Bachstelze aus. Ich lehne mich an den Pappelstamm und atme: Jesus. Christus. Ich weiß nicht mehr, was in mir ist, ich habe vor lauter Schweigen den Überblick verloren. Ich bin einfach nur so da. Ich bete: Jesus. Christus. Es füllt mich aus, für den Moment. Als die Rückenschmerzen wiederkehren, versuche ich, durch sie hindurchzutönen. Ein Ausatmen: Jesus. Das nächste: Christus. Und wieder von vorne. Nach einer Weile durchdringen diese Worte alles und verbinden Klosterkirche, Sitzkissen und Karpfenteich.
Das ist das Herzensgebet, auch als Jesusgebet bekannt. Eine Praxis, anderthalb Jahrtausende alt, vielleicht noch älter. Verwurzelt in den mönchischen Traditionen der Ostkirche, auf dem Berg Athos und anderswo. Wiederentdeckt und populär geworden in Russland, Ende des 19. Jahrhundert. Ursprünglich mit einem deutlich längeren Mantra verknüpft: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“ und von Könnern sogar mit dem Herzschlag.
Ich weiß mich nicht mehr genau, wann und wo ich dieses Gebet kennengelernt habe. Jedenfalls ist es immer wieder zu mir zurückgekehrt. Jesus. Christus. Bis heute, täglich. Als evangelische Christin fühle ich mich auch in religiösen Dingen frei, mich überall umzuschauen und Passendes und Bewährtes zu sammeln. Doch Christus ist mein Senkblei, die Ikone, die mich anschaut, sein Name mehr als eine liebe Gewohnheit. Indem ich ihn benenne, rufe ich augenblicklich alles auf, was ich jemals über ihn gehört habe, von Betlehem bis Golgatha und was danach geschehen ist, die Heilungen und Wunder, die Worte und Erscheinungen, frühe und späte Theologien. In der Zärtlichkeit, die mir ums Sonnengeflecht brummt, wenn ich Jesus. Christus atme, steckt mein Bekenntnis: Ich trage diese Geschichte treu in mir, ich bin hineingewoben. Auch wenn Name und Gestalt im Letzten ein Geheimnis bleiben. Das Ich bin. Etwas Unfassbares. Das Heil der Welt. Das Leben. Ein fremdsprachiger Platzhalter.
Ich habe dieses Gebet schon auf OP-Tischen gesprochen, in Turbulenzen auf transatlantischen Flügen, in Augenblicken der Trauer, in tiefem Schmerz. Doch nun nicht ich. Wenn ich nicht weiterweiß, atme ich und summe Jesus dazu, und atme wieder, Christus. Wenn ich Nachrichten höre und die Fassung zu verlieren drohe, stöhne ich kurz auf und atme. Christus lebt in mir. Ist das eine Anrufung oder eher eine Beschwörung? Ein Abwehrzauber? Ich lasse die eine Gegenwart in die andere strömen. Ich atme Jesus Christus in mich, in diese Gegenwart hinein, die Heilsgeschichte in den Schrecken. Nicht ich, sondern was mich atmen macht. Das ist die kleinstmögliche Praxis der Nachfolge. Es ist nicht alles, was zu tun ist, aber es ist der Untergrund.
Noch einmal Mülheim, jene Hütte am Fluss. Heute bleibt der Himmel bewölkt. Es ist ein ganz normaler Arbeitstag, Gerhard ist müde. Nächste Woche soll er das Büchlein mit den Liedern abgeben, so ist es mit dem Verleger verabredet, und ein Titel steht auch schon fest: „Geistliches Blumengärtlein inniger Seelen“. Er braucht das Geld. Das Dach ist undicht, und der ewige Haferbrei trübt seine Laune ein. Sowie er seinen Lohn erhalten hat, wird er sich ein Salamibrötchen gönnen und seine Nachbarn einladen auf ein Glas Wein. Dieses eine Lied, das braucht noch einen Schluss. Er schaut aus dem Fenster, ins trübe Licht, und ehe er sich versieht, ist die Strophe geschrieben: „Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben. Meer ohne Grund und Ende, Wunder aller Wunder, ich senk mich in dich hinunter. Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur sehn und finden.“
Hier und jetzt: kein Herrschaftswechsel, keine Aussteigergeschichte. Ich bin kein Apostel, keine Bandweberin, höchstens eine müde, kleine Epigonin. Ich lese nur und atme.
