Fishing Blues

In Panait Istratis “Disteln des Bărăgan”, einem der Klassiker der rumänischen Zwischenkriegsliteratur und auf Französisch geschrieben, stirbt ein Bauernmütterlein in der rumänischen Steppe, nachdem sie sich den Finger an einer Gräte sticht. In András Viskys “Aussiedlung” verliert ein in die gleiche Steppe verbannter Sohn einer liebenden Mutter bei einem Angelunfall das Augenlicht.
Aber eine Verbindung zwischen beiden Unglücken scheint sich zu verbieten. Nicht nur, weil Viskys Figuren im Bărăgan als Ungarn eingesperrt sind und er den Roman auf Ungarisch, nicht entgegen, aber außerhalb der rumänischen Literatur geschrieben hat. Sondern vor allem, weil sie mehr als nur Figuren sind; weil der blinde Junge Viskys eigener Bruder ist. Alles nur wilde Geschichten, bis sie dir selbst passieren.
Die Deportationen in den Bărăgan wurden in Bukarest geplant und begannen an Pfingsten im Jahr 1951. Kulaken, Deutsche, angebliche Tito-Spione und andere Volksfeinde wurden aus dem Banat ans andere Ende von Rumänien gebracht, verurteilt zu Zwangsarbeit in harten Wintern.
Ob als Ausweitung des Gulag oder späte Fußnote zur Vertreibung in Osteuropa: 1956 war das Kapitel Bărăgan offiziell beendet. Und trotzdem erwischt es in jenem Jahr Viskys Familie, weil sie religiöse Ungarn sind und sogar Familienverbindungen ins aufständische Budapest haben. Viskys Vater, ein Priester, kommt ins Gefängnis, seine Mutter und seine sechs Geschwister leben in Baracken in der Steppe, inmitten anderer politisch Unzuverlässiger und den Gespenstern vergangener Deportationen.
Diese vier Jahre, zwei Monate und achtzehn Tage, Visky kann hier aus Akten zitieren, haben ihn auch als Bühnenautor und Regisseur geprägt. Er verfolgt eine “Barackendramaturgie”, die Bühne ist ihm Freiheit und Gefangenschaft, weil er immer noch der kleine Junge ist, der vor Dankbarkeit den Boden des Bărăgan küsst, als er ihn endlich verlassen darf.
In seinem Monolog “Julia oder Gespräche über die Liebe” erzählt er das Innenleben seiner Mutter, die auf ihren Ehemann wartet, der Kompass zu seinem Panorama “Die Aussiedlung”. Seine 822 Absätze sind manchmal nur einen Satz lang, manchmal fast eine ganze Seite, und sie fließen zwischen Stimmen und Zeiten, Verzweiflung und Widerständigkeit, bis fast jedes Wort ein Brunnen ist, dankenswerterweise auch in der Übersetzung von Timea Tankó.
Die flusshaften Sätze erinnern an Leonid Zypkin, und das ganze Unterfangen steht bei Norman Manea in der Schuld, wie in den Zersetzungen der Bürokratensprache und den Betrachtungen der rumänischen Splitter, die sich die Kinder aneignen.
Zypkin schrieb für die Schublade, Manea in Rumänien irgendwann nur noch für den Zensor. Ihr Schreiben war dazu gezwungen, ein politischer Akt zu sein, und das auch, weil sie vor ihrem Sowjetleben die Gewalt der Nazis überlebt hatten.
Visky hingegen erlebte zwar Jahre in grausamer Entbehrung, aber nicht in der Hölle. Er hat die Möglichkeit, bestimmten politischen Fragen aus dem Weg zu gehen, was immer auf Abwege führt. Aber er kehrt letztlich immer zur Dankbarkeit zurück, nach einem Leben des Erinnerns und des Dialogs, zwischen und in den Sprachen. Visky schreibt so innig und wohltemperiert, dass es Seiten gibt, bei denen schon der Blick auf die Anordnung der Absätze das Herz brechen kann.


