Erziehung gegen Staatsräson

A. Dirk Moses

Widerstand gegen Autoritarismus im Zeitalter von „Nie wieder“

Félix Vallotton, La manifestation (1893). Image courtesy of Wikimedia Commons.

„Nie wieder ist jetzt“ – mit dieser Formel wird in Deutschland Unterstützung für Israels Vergeltungsschlag gegen den von der Hamas geführten Terrorangriff auf israelische Gemeinden vom 7. Oktober 2023 mobilisiert. Die Botschaft an die Deutschen lautet, dass sie angesichts ihrer Geschichte eine besondere Verantwortung tragen, einen weiteren Holocaust zu verhindern. In der Realität der deutschen Staatsräson bedeutet das vor allem, für die Sicherheit Israels einzutreten, wobei der Staat Israel mit Juden in Deutschland gleichgesetzt oder als deren Erweiterung verstanden wird. Diese Staatsideologie verlangt von der Bevölkerung zugleich, jederzeit wachsam gegenüber heutigen Erscheinungsformen des Nationalsozialismus zu sein. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung trug die Jungle World-Autorin Kathrin Witter im April zu diesem Imperativ bei, indem sie behauptete, die Hamas setze „das fort, was zwischen 1942 und 1945 in den Vernichtungslagern geschah“.

Ihr Artikel „Die Romantisierung der Reaktion“ reagiert auf mein im vergangenen Oktober in der Berlin Review veröffentlichtes Argument, wonach sich die Lehren aus Theodor W. Adornos berühmtem Essay „Erziehung nach Auschwitz“ von 1966 auf Israels Zerstörung Gazas anwenden ließen. Ich hatte argumentiert, dass wir heute eine „Erziehung nach Gaza“ brauchen, worunter ich unter anderem eine Pädagogik gegen das Autoritäre verstand. Eine richtige Lektüre Adornos, so Witter dagegen, stütze diese Behauptung nicht, weil Adorno ausschließlich am einzigartigen Phänomen des Antisemitismus interessiert gewesen sei und die Palästinenser „reaktionär“ seien – ähnlich wie rechtsextreme Antisemiten. Adorno sei, so impliziert sie, ein Philosoph der Staatsräson gewesen, und daraus folgert sie, dass er die Zerstörung Gazas unterstützen würde.

Statt darüber zu spekulieren, was Adorno heute sagen würde, erscheint es sinnvoller, zunächst zu untersuchen, was Deutsche tatsächlich über Staatsräson und Gaza sagen. Denn „Nie wieder ist jetzt“ hat letztlich dazu geführt, dass sie mit der Zerstörung Gazas in Verbindung gebracht werden – einer Zerstörung, die von vielen Völkerrechtlern und Menschenrechtsorganisationen als genozidal bezeichnet wird. Während das Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof hierzu noch aussteht, ist die Frage des „Nie wieder“ umstritten geworden, weil Umfragen zeigen, dass die große Mehrheit der Deutschen die Staatsräson und die durch sie legitimierten schweren Verbrechen ablehnt. Eine Umfrage Ende 2025 ergab, dass nur 10 % Angela Merkels Formulierung der Staatsräson für „voll und ganz richtig“ hielten, 69 % wollten, dass sich die deutsche Außenpolitik an Menschenrechten und Völkerrecht orientiert, und 66 % befürworteten einen Stopp der Waffenlieferungen an Israel. Auf Grundlage dieser Umfrage kam ich in einem Artikel für The Diasporist im Dezember 2025 zu dem Schluss, dass die Vereinnahmung der deutschen Erinnerungskultur durch die Staatsräson zur Unterstützung von Israels zerstörerischem Vorgehen deren öffentliche Wirksamkeit zerstöre. Deshalb, so meine These, sei „die Holocaust-Erinnerung vorbei“.

Die Kampagne „Nie wieder ist jetzt“ scheint Adornos Vermächtnis für Israels Zerstörung Gazas in Dienst zu nehmen. Doch entspricht diese Verwendung seiner Ideen tatsächlich seinem Denken?

Diese Kluft zwischen der deutschen Öffentlichkeit einerseits und Medien sowie politischer Klasse andererseits hinsichtlich Israels Vorgehen in Gaza – zusammen mit Deutschlands sinkendem Ansehen als Verfechter des Völkerrechts – stellt somit eine Krise des vermeintlichen Konsenses über die Bedeutung der NS-Vergangenheit für die deutsche öffentliche Moral dar. Eine dringliche Aufgabe besteht daher darin, die Ursprünge des ständig wiederholten „Nie wieder“ zu untersuchen.

Eine wichtige Quelle ist tatsächlich Adornos „Erziehung nach Auschwitz“, in dem er bekanntlich erklärte, die zentrale Forderung an jede Erziehung sei, „daß Auschwitz nicht noch einmal sei“. Die Kampagne „Nie wieder ist jetzt“ scheint Adornos Vermächtnis für Israels Zerstörung Gazas in Dienst zu nehmen. Doch entspricht diese Verwendung seiner Ideen tatsächlich seinem Denken? Lässt er sich wirklich zum Hofphilosophen des deutschen Staates machen?

Wie zu erwarten, sind Adornos Gedanken komplexer als die aus ihnen abgeleiteten Schlagworte. Für Adorno war Auschwitz ein Rückfall in die „Barbarei“, ein altmodischer Begriff, den er durchgehend verwendete. Die Barbarei der Dialektik der Aufklärung manifestiere sich auf unterschiedliche Weise, meinte er – vom Genozid, wobei in „Erziehung nach Auschwitz“ ausdrücklich der armenische Fall erwähnt wird, bis hin zu Hiroshima: “Man wird weiter die Erwägung nicht von sich abweisen können, dass die Erfindung der Atombombe, die buchstäblich mit einem Schlag Hunderttausende auslöschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hineingehört wie der Völkermord” In seinen damaligen Vorlesungen ordnete Adorno auch den Vietnamkrieg demselben „geschichtlichen Zusammenhang“ zu. Auschwitz, die Atombombe, eingesetzt in Hiroshima und Nagasaki und Vietnam bildeten gemeinsam das, was er eine höllenhafte Einheit“ nannte.

Es scheint also klar, dass Adorno mit der Forderung, „daß Auschwitz nicht noch einmal sei“, die Verhinderung jenes Rückfalls in die Barbarei meinte, der sich auf unterschiedliche Weise äußern kann – jeweils verschieden, aber allesamt Produkte eines katastrophalen historischen Prozesses. Die Umfragedaten deuten darauf hin, dass die Mehrheit der Deutschen Israels Zerstörung Gazas als barbarisch betrachtet. Dasselbe gilt ihrer Ansicht nach für den Angriff der Hamas.

Das bedeutet nicht, Israels Zerstörung Gazas und nun auch des Südlibanon mit dem Holocaust gleichzusetzen – jener gefürchtete „Gleichsetzungs“-Vorwurf, mit dem Debatten und Denken unterbunden werden. Es bedeutet vielmehr, dass viele Deutsche, wie Adorno selbst, zu komplexerem Denken fähig sind als ihre Politiker und Journalisten: nämlich dazu, verschiedene barbarische Erscheinungsformen der Moderne miteinander in Beziehung zu setzen, ohne sie gleichzusetzen.

Das sind jene Deutschen, die aus der NS-Vergangenheit universalistische Lehren gezogen haben: nie wieder Genozid und Menschenrechtsverletzungen – für alle. Andere hingegen, darunter eine wachsende Zahl von AfD-Wählern, haben sich wahrscheinlich nie ernsthaft zu irgendwelchen Lehren aus der NS-Vergangenheit bekannt. Auch hinsichtlich der staatlichen Reaktion auf die Antikriegsproteste ist die deutsche Öffentlichkeit gespalten. Die Linke lehnt das harte Vorgehen zunehmend ab, einschließlich der Polizeigewalt und der zahllosen Ausladungen von Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern, weil sie versteht, dass Staatsräson „eine Unterordnung des Individuums unter Staatslogik und Zwang“ bedeutet – wie Kathrin Witter zutreffend formuliert. Die große Mehrheit der Deutschen scheint dagegen apathisch zu sein, während AfD-Wähler ihre Ressentiments gegen Migranten ausleben, indem sie die autoritären Maßnahmen von Polizei und Staat unterstützen. Witter und große Teile der deutschen Presse scheinen diese Haltung zu teilen. Sie sehen keine Krise der Freiheit, die viele Beobachter der deutschen politischen Kultur beunruhigt; sie sehen vielmehr eine Krise des „romantischen Antikapitalismus“, der angeblich die Republik bedrohe und mit voller Staatsgewalt zerschlagen werden müsse.

Adorno hatte hierzu klare Ansichten. Jede Erziehung nach Auschwitz bedeutet die Förderung dessen, was er „kritische Reflexion“ nannte – und dazu gehörte auch die Kritik an der (west-)deutschen Staatsräson. Warum? Weil, wie er schrieb, indem man das Recht des Staates über das seiner Angehörigen stellt, ist das Grauen potentiell schon gesetzt”. „Grauen“ war sein bevorzugter Begriff zur Beschreibung von Barbarei. Er zieht sich durch seine Essays und Vorlesungen. Erziehung nach Auschwitz bedeutete, wie wir wissen, Erziehung gegen die Barbarei – und das hieß, Widerstand gegen den „sadistisch-autoritären Grauens“ zu leisten, wie er das faschistische Potential bezeichnete, das er in der westdeutschen Gesellschaft am Werk sah. Heute umfasst dieses Potential auch das Programm der AfD, die insbesondere in Ostdeutschland immer mehr Zustimmung gewinnt. Gleichzeitig stimmen Kathrin Witter und ihre mitte-rechten Mitstreiter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in die Rhetorik der AfD ein, indem sie Migranten herausgreifen.

Adorno und seine Kollegen waren weit weniger praxisfern, als antideutsche Kritiker wie Witter ihnen oft unterstellen.

Von solchen Verfechtern der Staatsräson wird Adornos Ablehnung des Vietnamkriegs ebenso konsequent ignoriert wie die Herbert Marcuses, eines weiteren bedeutenden Kritischen Theoretikers, der in diesen Debatten bequemerweise übergangen wird. Ihre Verurteilung der massenhaften Tötung vietnamesischer Bauern hat eine offensichtliche Entsprechung in der massenhaften Tötung palästinensischer Zivilisten. Zwar war Adorno gewiss nicht „anti-israelisch“ und hätte die Hamas verurteilt; dennoch ist kaum vorstellbar, dass er – und noch weniger Marcuse – die Zerstörung Gazas als notwendig oder akzeptabel begrüßt oder hingenommen hätte, geschweige denn als legitimen Ausdruck von „Nie wieder“. Wahrscheinlicher ist das Gegenteil.

Adorno und seine Kollegen waren weit weniger praxisfern, als antideutsche Kritiker wie Witter ihnen oft unterstellen. Die Frankfurter Schule interessierte sich aktiv für die demokratischen Perspektiven der Bundesrepublik. Ihre Mitglieder demonstrierten in den 1960er Jahren gegen die Notstandsgesetze und leisteten Pionierarbeit bei Studien zur autoritären Persönlichkeit und zum Antisemitismus. Solange die objektiven Bedingungen der kapitalistischen Moderne fortbestünden, würde Antisemitismus als Form projektiven Hasses ein stets vorhandenes Potential bleiben. Die Aufgabe von Intellektuellen sei es, dieses Potential zu analysieren und gegen seine Erscheinungsformen zu protestieren.

Dieses Potential könne sich selbstverständlich auch in anderen Vorurteilen äußern. Kein gesellschaftliches Phänomen – auch nicht der Antisemitismus – ist absolut „einzigartig“ oder zeitlos eingefroren, wie Witter behauptet. Tatsächlich spiegeln „Rassen“-Kategorien gesellschaftliche Verhältnisse wider, und die Position der Subalternen und Rassifizierten ist kein fixer ahistorischer Ort, sondern abhängig von Machtkonstellationen, herrschenden Ideologien und Bedrohungswahrnehmungen. „Der Jude“ der 1930er und 1940er Jahre ist nicht „der Jude“ der 2020er Jahre.

Wer nimmt heute jenen sozialen und kulturellen Raum ein, den einst „der Jude“ innehatte – und in rechtsextremen und antideutschen Kreisen weiterhin innehat? Welche Prozesse von Ein- und Ausschluss im deutschen Nationalstaat führen zu Diskursen über Abschiebung und Verfolgung? Wer sind heute jene, die von staatlichen und para-staatlichen Akteuren als innerer Feind markiert und dämonisiert werden, deren Körper als nicht assimilierbar und sogar als Bedrohung für den politischen Körper gelten? In Deutschlands neuer Demographie richtet sich der Mechanismus projektiven Hasses gegen Migranten, insbesondere gegen Palästinenser.

Adorno identifizierte die Persönlichkeitsstruktur jener Deutschen, die in den 1930er Jahren den Nationalsozialisten Beifall spendeten – ein Ensemble autoritärer, staatsfixierter Eigenschaften, das er auch in den Westdeutschen der 1960er Jahre wiedererkannte. Heute sehe ich beunruhigende Anzeichen ihrer Rückkehr. Sie kennzeichnen jene Deutschen, die, wie der Forscher Peter Ullrich formuliert, mittels eines „autoritären Antisemitismus gegen den Antisemitismus“ die Demokratie bedrohen und Palästinenser gedankenlos mit Nazis gleichsetzen – als neue Form des Hasses. Gemeinsam mit der AfD dämonisieren diese Deutschen Migranten zugleich als minderwertig und bedrohlich, in einer rassistischen Tradition, die bis in die Kolonialzeit zurückreicht und Vergangenheit und Gegenwart auf eine Weise verbindet, die einen daran zweifeln lässt, ob sie aus ihrer Geschichte überhaupt etwas gelernt haben.

A. Dirk Moses ist Anne- und Bernard-Spitzer-Professor für Internationale Beziehungen am CCNY, Herausgeber des Journal of Genocide Research und Autor des Buches The Problems of Genocide: Permanent Security and the Language of Transgression.

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