Der koloniale Kreis schließt sich

Sima Luipert

Die selektive Erinnerungspolitik Deutschlands und die anhaltenden Gewaltstrukturen in Namibia

Deutsch-Süd-Westafrika, Warmbad, Kaserne © Bundesarchiv

Anmerkung der Redaktion: Der folgende Beitrag wurde ursprünglich auf der Veranstaltung „Der grosse Kanton: Rise & Fall of the BRD“, die am 5.–6. Dezember in Zürich stattfand, im Rahmen des Panels BILLIARD UM HALB ZEHN, ODER: THE ‘GERMAN ISSUE’, ARCHÄOLOGIE DER NACHKRIEGSZEIT präsentiert.

DIE DEUTSCHE KOLONIALZEIT in (ehemals Deutsch-) Südwestafrika gilt als kurze Randepisode. Viele Deutsche würden vielleicht mit einem erleichterten Seufzer sagen, dass Deutschland doch nur ein Nachzügler in diesem rassistischen Kolonialprojekt gewesen sei, ohne zu bedenken, wie barbarisch diese kurze Zeit war und wie sie die heutige Landschaft Namibias prägt – sowohl die natürliche als auch die politische. Das offizielle Narrativ in Namibia hat auch die lange Zeit der Unterdrückung während der Apartheid genutzt, um die Erinnerung an die deutsche Kolonialgewalt in den Hintergrund zu schieben. Dabei war es Deutschland, das den Grundstein für rassistische Unterdrückung und institutionelle Enteignung gelegt hatte.

Während der gesamten deutschen Kolonialzeit, die von 1884 bis 1915 dauerte, wurde der Massenmord an Afrikaner:innen als Selbstverteidigung gegen rebellische Einheimische gerechtfertigt. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs veröffentlichte die Union of South Africa, die 1915 die deutsche Kolonialherrschaft ablöste, einen „Bericht über die Eingeborenen Südwestafrikas und ihre Behandlung durch Deutschland“ (1918), besser bekannt als „Bluebook“. 1925, als der deutsche Nationalismus wieder im Erstarken begriffen war, wurde die ausschließlich aus weißen Personen bestehende gesetzgebende Versammlung Südwestafrikas von deutschen Siedler:innen, Bauern und Wirtschaftsinteressen dazu gedrängt, das „Bluebook“ zu verbieten und zu vernichten. Die Versammlung war der Ansicht, dass es im Interesse der weißen Herrschaft über die Afrikaner:innen liege, den Völkermord an den Herero und Nama zu vergessen. Diese rassistische westliche Interpretation formt bis heute die Grundlage des deutschen kollektiven Bewusstseins. Warum eigentlich? 

1998 sprach der ehemalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog von einer „Auseinandersetzung zwischen der deutschen Kolonialverwaltung und den Hereros“, die „nicht in Ordnung“ gewesen sei. 2004 sprach Heidemarie Wieczorek-Zeul von Gräueltaten, bei denen es sich möglicherweise um einen Völkermord handelte. 2018 rechtfertigte ein Anwalt, der Deutschland vor einem New Yorker Gericht vertrat, die kolonialen Verbrechen damit, dass es zur damaligen Zeit kein Gesetz zum Schutz von „Wilden“ gegeben habe. Seit das Auswärtige Amt im Jahr 2021 eine moralische, jedoch keine rechtliche Verantwortung anerkannt hat, hat sich diese Position bis heute nicht geändert.

Heute ist die Rede von Anerkennung, Verantwortung und einer Entschuldigung, einem Durchbruch der deutschen Erinnerungspolitik. Doch wem und wofür gilt dieser Durchbruch?

Heute ist die Rede von Anerkennung, Verantwortung und einer Entschuldigung, einem Durchbruch der deutschen Erinnerungspolitik. Ein regelrechter Halleluja-Chor. Doch wem und wofür gilt dieser Durchbruch? Ich spüre in deutschen Kreisen den verzweifelten Versuch, Deutschland durch diesen „beispiellosen Schritt in die richtige Richtung“ moralisch zu rehabilitieren. Dieselbe Verzweiflung zeigt sich auch im übermäßigen Gebrauch von akademischem und diplomatischem Jargon, der so weit entfernt ist von dem Nama-Kind, das heute in dem Reservat, zu dem Deutschland es für immer verdammt hat, seinen Lebensunterhalt bestreiten muss. Sinngemäß lautet die Botschaft:

„Ja, es ist furchtbar, dass deine Familie getötet, vergewaltigt, enteignet wurde, dass man sie zwang, Leichen zu enthaupten, Augen, Zungen und Ohren zu entfernen und Schädel auszukochen, um sie für rassistische Experimente in Deutschland vorzubereiten. Es ist so falsch, dass dein Urgroßonkel Jakobus Jod im Berliner Kolonialzoo ausgestellt wurde, um die angeblich unzivilisierte Natur der Afrikaner:innen zu präsentieren. Es ist so falsch, dass Menschen ausgehungert wurden, sich zu Tode arbeiten mussten und in flachen Gräbern verscharrt wurden, um Hyänen und Haien als Futter zu dienen. Es ist so schrecklich und es tut uns so leid, aber das Gesetz erlaubte uns, so zu handeln.“

Im Jahr 2026 wird sowas ein „Völkermord aus heutiger Sicht“ genannt. Und gleichzeitig ein Fortschritt? Ernsthaft? Jetzt müssten wir doch erst Recht in der Lage sein, alle davon zu überzeugen, dass ein Völkermord ein Völkermord ist, unabhängig vom Zeitpunkt. Dass Leben Leben ist, unabhängig davon, wessen Leben es ist. Doch ich muss erklären, warum mein schwarzes Leben oder ein palästinensisches Leben tatsächlich als Leben zählt. Gewalt bleibt Gewalt. Wenn der entscheidende Moment des Völkermords erst ab 1948 gilt, was bedeutet es dann für den Holocaust, der selbst vor 1948 stattfand? Können nicht-weiße Menschen als menschlich genug gelten? Als würdig genug für Gerechtigkeit, für Schutz, für die Luft, die wir alle atmen?

Die Strukturen, die durch den Kolonialismus geschaffen wurden, werden durch die Sicherung der eurozentrischen Vorherrschaft verstärkt. Mord wird beschönigt, Aufarbeitung nur simuliert, während wir nichts dafür tun, die anhaltende Gewalt zu stoppen.

Wir sind wieder dort angekommen, wo uns der Zweck, für den das Kolonialprojekt gegründet wurde, direkt ins Gesicht schlägt. Die Strukturen, die durch den Kolonialismus geschaffen wurden, werden durch die Sicherung der eurozentrischen Vorherrschaft verstärkt. Mord wird beschönigt, Aufarbeitung nur simuliert, während wir nichts dafür tun, die anhaltende Gewalt zu stoppen. Der inflationäre Einsatz von Fachsprache durch diejenigen, die als eine Art Vordenker gelten wollen, ohne tatsächlich etwas Sinnvolles beizutragen, findet einfach keinen Anklang bei denen, die die tief verwurzelte Realität deutscher Gewalt erleben. Ich spüre sehr stark, wie wir Sprache routinemäßig dazu nutzen, weiße Menschen zu begünstigen und gleichzeitig den weißen Blick zu reproduzieren. Das führt uns nicht zu einem Prozess der Dekonstruktion kolonialer Ideologien hinsichtlich der Überlegenheit und Privilegien westlicher Denkweisen und Ansätze.

Warum sage ich das? Was geschieht derzeit in Namibia unter der Schirmherrschaft Deutschlands? Beginnen wir mit dem, was Herr Habeck vor zwei Jahren gesagt hatte. Namibia biete ideale Voraussetzungen, um Energie für Deutschland zu produzieren. Für uns schwingt darin derselbe Rassismus mit wie bei Friedrich Ratzel und seiner Idee vom „Lebensraum“: offene Räume, die zur Verfügung stehen, weil die Existenz schwarzer Seelen in diesen offenen Räumen irrelevant ist.

Das riesige Gebiet der Nama im heutigen Namibia wird von mehreren rohstoffintensiven Projekten beeinträchtigt. Zwei davon stehen exemplarisch für die Fortsetzung kolonialer Logiken: der Ausbau des Roberthafens von Lüderitz, direkt neben Shark Island, einem ehemaligen Konzentrationslager, und das grüne Wasserstoffprojekt von Hyphen (getragen von deutschen und britischen Investoren). Der Hafenausbau bedroht das Erbe, die Integrität und das historische Gedächtnis, das mit dem deutschen Völkermord verbunden ist. Darüber hinaus soll das Wasserstoffprojekt in der weltweit einzigen Trockenregion auf dem Gebiet der Nama gebaut werden, das während der deutschen Kolonialherrschaft enteignet und zum Sperrgebiet erklärt wurde, um deutschen Unternehmen Konzessionen für die Ausbeutung der Diamantenminen zu sichern. Während der Apartheid blieb dieses Land unzugänglich und privilegierte Konzessionen wurden an ausländische Unternehmen vergeben. Es blieb unter unabhängiger Herrschaft privilegiertes Staatsland, das nun wieder von mächtigen ausländischen Unternehmen, darunter auch deutschen Unternehmen, genutzt werden kann, die von deutschen strategischen Interessen unterstützt werden, unmittelbar nachdem in Deutschland die Halleluja-Lieder über die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Schlagzeilen gemacht hatten. In meiner Realität geht Deutschland den Kolonialismus jetzt im „full-circle mode“ – der Kreis ist geschlossen.

Für den Westen läuft es gut, denn der Westen wurde seit jeher auf dem Leid der Versklavten und Entmenschlichten aufgebaut. Die westliche Welt ist weiterhin entschlossen, darauf aufzubauen.

Was könnte uns daran schockieren? Für den Westen läuft es gut, denn der Westen wurde seit jeher auf dem Leid der Versklavten und Entmenschlichten aufgebaut. Die westliche Welt ist weiterhin entschlossen, darauf aufzubauen. Den Unterdrückten wird heute abverlangt, dankbar zu sein, überhaupt noch Leben zu dürfen und Zugang zu den Räumen zu haben, in denen sie den angeblich Zivilisierten erklären dürfen, was Zivilisation tatsächlich bedeutet. Gaza ist nicht weit von hier.

Nun, ich bin keine Vordenkerin und werde nie behaupten, eine zu sein. Aber ich habe gesunden Menschenverstand. Und dieser sagt mir: Wir müssen unsere Komfortzone verlassen und denjenigen zuhören, die am stärksten von Gewalt und Ungerechtigkeit betroffen sind.

Sima Luipert ist Expertin für regionale und ländliche Entwicklung sowie Aktivistin für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit. Derzeit ist sie technische Beraterin der Nama Traditional Leaders Association. Außerdem ist sie Mitglied des Internationalen Rates der Minority Rights Group International, einer internationalen Nichtregierungsorganisation, die sich weltweit mit fast 300 Partner*innen in 60 Ländern dafür einsetzt, dass benachteiligte Minderheiten und indigene Völker sich Gehör verschaffen können. Luipert lebt und arbeitet als Direktorin für Entwicklungsplanung im Hardap Regional Council im Süden Namibias.

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