Der Geruch der Trümmer

Jara Nassar

Eine Künstlerin in Berlin ringt mit einem weiteren Krieg im Libanon

Melons, by Daoud Corm (1899). Mathaf: Arab Museum of Modern Art. Image courtesy of Wikimedia Commons.

Zerbombte Häuser stinken. Es ist ein scharfer Geruch, einer, der sich in die Nasenlöcher frisst und in den Augen brennt, ein Geruch nach Ammonium, Stein und Gewalt. Mischt man ihn mit dem fauligen Gestank von Müll, den niemand abgeholt hat, dann entsteht der Geruch eines zerstörten Hauses oder eben dessen, was nun davon übrig geblieben ist: Trümmer.

In meiner Berliner Wohnung liegt ein Stück davon. Ich habe es bei einer Aufführung in Beirut von einem libanesischen Theatermacher geschenkt bekommen. Das Publikum saß in einem dunklen Raum im Kreis um die Spielfläche, zwischen uns schwebte ein gewaltiger Trümmerbrocken, so groß, dass es zwei Menschen gebraucht hätte, ihn zu umfassen, während der Spieler über die Bombardierung seines Dorfes im Süden sprach. Am Ende löste er wie in Trance langsam faustgroße Stücke, die an unsichtbaren Fäden hingen wie Satelliten um ihre Sonne, und reichte sie ins Publikum. Meines liegt jetzt auf meiner Fensterbank – eine Erinnerung an das, was verloren ging.

Ich hätte am 9. März in den Libanon reisen sollen, in die Heimat meines Vaters. Am 1. März, einem Sonntag, saß ich noch mit Freunden zusammen, die mich besuchen wollten, und wir überlegten, wohin wir fahren würden: Ich will die UNESCO-Stätten in Sour sehen! Und Baalbek! Durch Beirut schlendern! Ihr müsst die Berge sehen! Einer fragte vorsichtig nach der Lage. Wir wissen nicht, wie sie sich entwickeln wird, sagte ich. Wenn man immer wartet, bis die Krise vorbei ist, wird man den Libanon nie besuchen.

Wie falsch ich lag.

Der Montagmorgen brachte die Nachricht vom nächsten Krieg. Ich schaue mir Videos an von Bomben, die auf den Libanon niederregnen und fühle mich wie gelähmt in meinem sicheren europäischen Zuhause. In einem Wimpernschlag war es wieder September 2024.

Den Sommer 2024 verbrachte ich in Palästina, wo ich mit Al Haq und dem Ashtar-Theater in Ramallah arbeitete, und im Libanon, wo ich einen Monat in Beirut bei einem sozialen Zirkus mitarbeitete und meine Familie besuchte. In dieser Zeit schrieb ich ein Stück über ein queeres Paar am Anfang seiner Liebesgeschichte, das für ein Wochenende aus Beirut in die Berge flieht – im drohenden Schatten weiterer Gewalt. Die Figuren waren plötzlich da, fast fertig geformt, mit demselben Wissen, das wir damals auch hatten: dass ein erneuter Krieg keine Frage des Ob, sondern des Wann ist.

Wieder eine andere sagt mir, wie wichtig mein Stück sei – gerade jetzt. Ich frage mich: Zählten unsere Leben gestern nichts?

Als der Krieg ausbrach, konnte ich das Stück nicht fertigstellen. Im November 2024 arbeitete ich kurz daran weiter, als der sogenannte Waffenstillstand verkündet wurde und die Menschen im Libanon – wenn auch nur ein kleines bisschen – wieder Luft holen konnten. Aber ich konnte es nicht zu Ende schreiben. Es war wie eine offene Wunde, die Blut und Trümmer auf meinen Schreibtisch tropfen ließ. Erst im Sommer 2025, ein Jahr nach dem ersten Entwurf, konnte ich weitermachen. Im April und Mai wird es nun auf zwei großen Festivals in Deutschland gelesen.

Die kognitive Dissonanz ist extrem: Ich stolpere durch Vorbereitungsgespräche mit künstlerischen Leitungen, Autor:innen, Dramaturg:innen. Eine sagt, sie würde Libanon gern als Gastland einladen, aber sie könnten niemanden hinschicken, um Theater zu sichten – wir sind schließlich nur Zivilisten. Ein anderer fragt unverblümt nach der Palästina-Kette auf meinem Autorenfoto, ohne zu wissen, dass es auf den Trümmern eines im libanesischen Bürgerkrieg zerstörten Hauses aufgenommen wurde, sein Interesse eher an deutschen Befindlichkeiten als an arabischem Tod. Wieder eine andere sagt mir, wie wichtig mein Stück sei – gerade jetzt. Ich frage mich: Zählten unsere Leben gestern nichts?

Ich habe das Stück auf Englisch geschrieben, weil ich es Deutschland nicht geben wollte. Jetzt habe ich es doch getan. Ist der Fluch der Kunstschaffenden der törichte Glaube, dass unsere Arbeit eines Tages etwas verändern kann? Um es mit Mohammed El-Kurds Worten zu sagen: Was ist ein Wort gegen eine Zwei-Tonnen-Bombe?

Intellektuelle Aasgeier jubeln über den Krieg gegen Iran und rechtfertigen ihn damit, dass Iraner:innen froh seien, ihren autoritären Anführer los zu sein. Sie begreifen nicht, dass Teile einer Bevölkerung zugleich Erleichterung über den Tod eines Unterdrückers empfinden können und gleichzeitig unermessliche Angst vor der Gewalt und tiefe Trauer über Tod und Zerstörung, die der Westen über sie bringt. Das Ziel der US-israelischen Bomben war nie Befreiung, sondern immer Unterwerfung.

Hier geht das Leben weiter. Im deutschen Diskurs scheint das Leiden der libanesischen, der iranischen und natürlich der palästinensischen Bevölkerung wenig zu zählen. Dort ist doch immer Krieg, heißt es, warum sich also zu sehr kümmern?

In nur drei Wochen haben sich über eine Million Menschen innerhalb des Libanon als vertrieben registriert – in einem Land mit gerade einmal etwa sechs Millionen Einwohner:innen.

Gerade weil unser Leiden so lange andauert, nicht trotz dessen, verliert es an Bedeutung.

Meine Tante in den Bergen, leitende Krankenschwester für Krieg und Massenopferfälle – was für eine brutale Realität, Krieg als Teil der Berufsbezeichnung einer Krankenschwester – arbeitet Überstunden. Meine Familie im Süden verharrt in ihren Häusern. Es gibt keinen Ort, an den sie gehen könnten. In nur drei Wochen haben sich über eine Million Menschen innerhalb des Libanon als vertrieben registriert – in einem Land mit gerade einmal etwa sechs Millionen Einwohner:innen. 2024 dauerte es Monate, bis so viele Menschen vertrieben waren. Dieses Mal waren es Wochen.

Mindestens 1,5 Millionen Menschen in Libanon sind ohnehin bereits Geflüchtete – Palästinenser:innen, die während der Nakba nach Norden flohen und seit Jahrzehnten an der Rückkehr gehindert werden, und Syrer:innen, die vor dem brutalen 14-jährigen Bürgerkrieg flohen, dessen Länge nur vom eigenen verheerenden libanesischen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 übertroffen wird.

Die Häuser in Beirut tragen noch immer fünfzig Jahre alte Einschusslöcher – und werden nun erneut bombardiert.

Die meisten Geflüchteten stammen aus dem Süden des Landes oder aus dem Süden Beiruts, der sogenannten Dahiye. „Das ist der Süden von allem“, schreibt eine Freundin in ihrem Theaterstück über mit Sprengsätzen präparierte Spielzeugautos, die vom israelischen Militär hinterlassen wurden, damit libanesische Kinder sie finden, aufheben, und daran sterben. Am 4. März und erneut am 7. März erließ die israelische Armee Vertreibungsbefehle für das gesamte Gebiet südlich des Litani-Flusses – über 50 Orte – sowie für den Süden Beiruts. Am 12. März wurden diese Befehle bis zum Zahrani-Fluss ausgeweitet; sie betreffen nun 14 % der Landesfläche.

Zynisch werden diese Anordnungen „Evakuierungsaufforderungen“ genannt, als seien sie ein humanitärer Akt eines Regimes, das Bomben regnen lässt. Sie kommen über soziale Medien – von einer bekriegten Bevölkerung wird nun erwartet, dass sie die ganze Nacht den X-Feed des Feindes überwachen – oder in Form von Flugblättern, die über Zielgebieten abgeworfen werden. Auch über Beirut wurden sie wieder abgeworfen, mit Botschaften, die gezielt konfessionelle Spannungen schüren sollen; in einem Land, das ohnehin durch ein sektiererisches System politisch gelähmt ist.

Diese Flugblätter tauchen auch in meinem Stück auf – nach der Hälfte der Aufführung fallen sie auf das Publikum herab. Wie ich einer neugierigen Dramaturgin zu erklären versuchte, bedeuten sie im Kern: Ihr seid hier nicht sicher. Geht, bevor wir Schlimmeres tun.

Was heißt Sicherheit, wenn Krankenhäuser, Redaktionen, Schulen und Wohnhäuser zu Zielen geworden sind?

Israel beging zwischen dem Beginn des „Waffenstillstands“ im November 2024 und dem Ausbruch des erneuten Krieges mindestens 15.400 Verstöße. Über 300 Libanes:innen wurden getötet, unzählige verletzt, Tausende dauerhaft vertrieben und an der Rückkehr gehindert, fünf Dörfer besetzt, Hunderte Häuser zerstört, Land vergiftet, Journalist:innen beschossen.

Ich habe Angst, meinen Freunden zu schreiben. Wie fragt man jemanden, wie es ihm geht? Ob er sicher ist? Was heißt Sicherheit, wenn Krankenhäuser, Redaktionen, Schulen und Wohnhäuser zu Zielen geworden sind?

Ende September 2024 verließ ich den Libanon für ein Seminar in Rom, in dem Glauben, nach einer Woche zurückkehren zu können. Doch wenige Minuten nach dem Abflug begann Israel eine groß angelegte Bombardierung, die an einem einzigen Tag 558 Menschen tötete – 558 Menschen, die eine deutsche Fernsehmoderatorin widerspruchslos von einem ehemaligen israelischen Armeesprecher als „sogenannte Menschen“ bezeichnen ließ.

In Deutschland bin ich eine Künstlerin, die man auf Bühnen einlädt. In Libanon wäre ich ein „sogenannter Mensch“.

Sind wir dazu verdammt, diesen Kreislauf immer wieder zu durchlaufen, zu Staub zermahlen von der unfassbaren Gewalt, die die Mächtigen zur Normalität erklärt haben? Meine Freunde versichern mir, es gehe ihnen gut, es sei ihnen immer gut gegangen. Libanesische Männer machen Witze darüber, dass sie die „Raketen“ seien, auf die Israel es abgesehen habe; nach den Pager-Angriffen posteten manche Memes, in denen sie sich Wählscheibentelefone an den Gürtel schnallen. Doch ein scheinbar grenzenloser schwarzer Humor und tiefe Resilienz können kein Leben in Würde ersetzen, ohne die ständige Bedrohung durch Kampfjets über dem Kopf.

Diese Woche wird mein Stück in deutschen Theatern gelesen, vor einem Publikum, das sich mit der Nachricht eines weiteren Waffenstillstands zufriedengibt, ohne zu erkennen, dass Israel auch während dieses „Waffenstillstands“ weiter zerstört, annektiert, bombardiert und tötet, ohne Konsequenzen.

Das Stück endet, wie es beginnt: die Liebenden im Bett, winzige Riesen in einer Welt, die droht, sie zu verschlingen. Es gibt keine Antworten – denn ich glaube nicht, dass das die Aufgabe von Kunst sei. Dafür sind immer noch die Menschen selbst zuständig.

Jara Nassar ist deutsch-libanesische Dramatikerin, Performerin und Poetin. Ihre Arbeit interessiert sich für die Gewalt, die Menschen trennt, und die Kraft, die sie wieder zusammenbringt. Ihr Stück Hoch und Immer Höher ist für den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts und das Programm MEHR DRAMA! des Berliner Theatertreffens nominiert.

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