Blubber auf dem Schiffsdeck

DIESES BUCH IST AUCH EIN WAL. Ich weiß alles über Wale. Vor allem, wie man sie tötet und zerlegt; weiß von der Bedeutung des sperm, eimerweise, kübelweise sperm (ob es dampfte?), nun auch, dass man auf Deutsch Walrat dazu sagt, was mir bedeutend schlechter gefällt. Ich weiß, unmittelbar und zur selben Zeit, dass ich nichts über Wale weiß, die übertriebene Glitschigkeit der Walzeichen und -bilder, von Namen ganz zu schweigen. Hunderte Seiten und keiner ist zu trauen: Ist er ein Fisch oder doch nur ein Gott? Hunderte Seiten einer aussichtslosen Taxonomie. Die Wissenschaften waren mir noch nie geheuer.
„In every way, to read Moby-Dick is to reread it“, schreibt Greil Marcus. Wie Blubber auf dem Schiffsdeck hat sich dieser Roman über alles gelegt, ist in jede Spalte gesickert, schon rutsche ich aus, halte mich an Ishmael fest, Call me Herman, an der riesigen Geschichte über einen riesigen Wal, den der etwas lädierte Kapitän Ahab um die ganze Welt jagt, an aufregenden Briefchen, die Melville an Hawthorne schickt (and they were shipmates), an Themen und Tropen, wahlweise: 1. der Moderne; 2. dem Kapitalismus; 3. der Natur; 4. der Unzulänglichkeit aller Sprache, die keinen Fisch fangen kann, nicht auf siebenhundert Seiten, nicht bis ans Ende aller Tage; …aber lieber blättere ich zurück zu sperm.
Bis zu den Schultern stecken Ishmael und seine Kameraden darin fest, eine unachtsame Berührung, ein squeeze, und sie sind verbunden in diesem freakig weichen Stoff, für den irgendwelche Investoren sie bis an den Rand der Welt geschickt haben. Meine tapferen Matrosen halten sich an den Händen. Für ihre Freundschaft ist Moby-Dick zu kurz. Wo ist Ishmaels Trauer um Queequeg, der einfach verschwindet, der unserem Erzähler gleich zweimal das Leben rettet? Wo ist die große Reunion, der Grog am weißen Strand? Vielleicht in Träumen jenseits des Buchdeckels.
Dieses Buch ist auch eine Freundschaft. Darin liegt mein Trost. Dass ich mir Land und Meer mit Moby-Dick teilen darf, dass ich von nun an und wenigstens für ein paar Jahre wieder abtauchen kann in diese schmutzige Gischt. Und vielleicht eine Hand berühre, irgendwo dort unten. Ich nagle das Buch an meinen Nachttisch. Ich stelle es nie wieder zurück.


