Niemand versteht die Geschichte
Übersetzt aus dem Arabischen von Sandra Hetzl

Der Luftstrom peitscht in schnellen, starken Böen durch den Hausflur. Er reißt die Glastür auf und schlägt sie wieder zu, bläst ein paar abgebrochene Zweige von draußen in den Flur, wirft ein Fahrrad um, das an einer Wand gelehnt hat, wirbelt Einwegbecher und Getränkedosen über den Boden und als er bei der Wohnungstür gegenüber des Eingangs angelangt ist, rüttelt er heftig daran.
Zwischen einer Böe und der nächsten wird es für einen Moment still, dann beginnt der Tumult von Neuem. Immer kippt etwas Anderes um, immer gerät etwas Neues ins Zittern. Durch jede Öffnung dringt der Wind ins Gebäude und dreht sich in seinem Inneren im Kreis, wie um das Zentrum eines Gravitationsfeldes. Fenster beben, Türen knallen, Gegenstände stieben in verschlossenen Räumen umher, Bewohner hasten von Türen zu Fenstern und verschließen alles fest.
Das Licht im Eingangsflur funktioniert über einen Bewegungsmelder, der schon die kleinste Regung registriert. Jetzt springt die Haustür mit jeder Böe kreischend auf und schlägt mit einem Knall wieder zu, die Türen der Wohnungen klappern dumpf grollend in ihren Rahmen und das Flurlicht, ausgelöst durch Tausend unsichtbare Bewegungen, flackert in einem fort.
Das Wohnhaus liegt im selben Viertel wie das Museum, das an eine über zwanzig Jahre zurückliegende Revolution erinnert, die nach dem Tod Tausender gescheitert ist.
In einem Hotelzimmer in derselben Stadt sitzt eine Frau und denkt an die Zukunft. Sie liest den Roman Die glückliche Moskwa. In dessen Vorwort erzählt der Übersetzer die Geschichte der Mutter des berühmten deutschen Historikers Wolfgang Leonhard, die mit ihrem Sohn im Jahr 1935 nach Moskau übergesiedelt ist. Um sich in der neuen Stadt zurechtzufinden, kaufte sie einen Stadtplan. Doch musste sie bald erstaunt feststellen, dass auf diesem etliche Gebäude gar nicht verzeichnet waren. Noch entsprachen die Straßennamen denen der tatsächlichen Straßen. Nach tagelangem Umherirren erfuhr die moskaubegeisterte Kommunistin, dass ihr Stadtplan aus dem Jahr 1924 bereits veraltet war. Allerdings sei gerade erst eine neue Ausgabe erschienen, die sie sich auch sofort besorgte. Nun wurde ihre Verwirrung dadurch aber nur noch größer. Denn diese Karte zeigte ein Moskau der Zukunft, nach der Fertigstellung eines gewaltigen Wiederaufbau- und Modernisierungsplans, der noch nicht einmal begonnen hatte. Da waren Abbildungen riesiger Fantasiebauten und Straßen, die nach Menschen benannt waren, die noch nicht einmal geboren waren. So irrten Mutter und Sohn noch einige Tage zwischen dem Stadtplan der Zukunft und dem der Vergangenheit durch die Stadt. Der Übersetzer beschließt sein Vorwort mit dem Gedanken, dass der Autor Andrej Platonow, der den Roman in den 1930er-Jahren verfasst hat, ebenso ratlos zwischen der dunklen Vergangenheit der bolschewistischen Revolution und ihrer unerreichbaren Zukunft stand, wie Mutter und Sohn zwischen dem Moskau der Vergangenheit und dem der Zukunft gefangen waren.
Vor dem Museum, das dem Gedenken an die gescheiterte Revolution gewidmet ist, steht der Wind und blickt auf die gegenüberliegende Straße. Um seinen Hals trägt er einen Luftschlauch. In ihn bläst er die Stimme der Geschichte, die hinter ihm steht. Er gibt sich alle Mühe, gegen den Straßenlärm anzukommen. Eigentlich, so meint er, müsste die Stimme der Geschichte doch klar und dröhnend zu hören sein. Doch kein Mensch nimmt von ihr Notiz. Er muss anscheinend noch kräftiger blasen. Also greift er nach dem Schlauch, pumpt alles, was ihn an Luft umgibt, in seine Brust und bläht seine Lungen auf, so sehr, dass sie fast zu platzen drohen unter all dem Druck. Schließlich stößt er mit aller Kraft seinen dröhnenden Atem in den Schlauch. In diesem Moment glaubt ein Passant, zu spüren, wie ihn etwas streift. Er meint, etwas gehört zu haben. Den Fetzen eines dumpfen Geräusches vielleicht, eine entstellte Stimme mit ausgefransten Enden. Etwas wie einen amputierten Schrei, ein Murmeln aus einer Kehle, die keinem Menschen gehört. Befremdet lauscht der Passant der Stimme. Die Botschaft, die von weither gekommen ist, hat unterwegs jegliche Trübung verloren. Sie ist jetzt keine Chiffre mehr, die man entschlüsseln kann. Sie ist ein Ruf in reiner Sprache. Einer Sprache, die niemand mehr versteht. Der Passant wendet die Botschaft hin und her, versucht, zu ihr durchzudringen. Als es ihm nicht gelingt, schiebt er sie beiseite und setzt seinen Weg fort.
Die Frau, die im Hotelzimmer sitzt, kann nicht mehr. Sie kann nicht länger durch die Stadt spazieren. Wo auch immer sie hingeht, begegnen ihr Gespenster einer Zukunft, die noch nicht begonnen hat. In jeder Stadt, die sie besucht, steht ein Museum. Überall schwebt die Erinnerung an eine niedergeschlagene Revolution, an eine Zukunft, die kurz aufgeblitzt und dann in weiter Ferne verschwunden ist – und mit ihr all die Wiederaufbaupläne, von denen so viele geträumt und um derentwillen so viele ihr Leben verloren haben. Überall hinterlassen diese vorbeizischenden Zukunftsblitze Denkmäler, überall fordern sie unermesslich hohe Zölle. Die Frau denkt darüber nach, hinunter auf die Straße zu gehen und ihre eigenen Misserfolge an die Misserfolge der Stadt weiterzugeben. Aber sie weiß nicht, wie. Also wendet sie sich wieder ihrem Buch zu. Dessen junge Heldin, die Moskwa genannt wird, liebt den Wind und hört ihm gerne zu. Deswegen schlägt ihr einer ihrer Liebhaber vor, doch Luftfahrt zu studieren, die Wissenschaft der Zukunft. Moskwa folgt seinem Rat und wird eine begnadete Fallschirmspringerin. Doch entlässt man sie schon bald aus dem Dienst, nachdem sie versucht, sich in der Luft eine Zigarette anzuzünden, was in den Augen ihrer Vorgesetzten einen Verstoß gegen die Arbeitsethik darstellte. Auf der ständigen Suche nach einem Kommunismus der Liebe, arbeitet Moskwa letztendlich in einem Bau- und Sanierungsunternehmen. Eines Tages rutscht sie auf dem Baugerüst aus, stürzt, fliegt durch die Luft und bricht sich einen Fuß.
Gerade ist im Museum eine große Kunstausstellung zu sehen. Der Bürgermeister hat sie mit einem Gefolge aus Botschaftern und Lokalprominenz eröffnet. Eines der Ausstellungsobjekte ist der originalgetreue Nachbau eines Buchladens, der in der Revolution eine bedeutende Rolle gespielt hat. Er beherbergte damals Versammlungen und Diskussionsrunden. Den hölzernen Nachbau zieren alte und neue Bücher, auch hier finden Diskussionsrunden statt. Kurz nach der Eröffnung sieht eine Gruppe von Diskussionstelnehmern verwundert dabei zu, wie dutzende Journalisten mit großen Kameras den Raum stürmen. Sie tun dies allerdings nicht, um das Gespräch zu filmen, sondern sie warten auf den Mann im Anzug mit den gefärbten Haaren, der kurz nach ihnen den Buchladen betritt. Er greift nach dem nächstbesten Buch, blättert ein wenig darin herum und nickt zerstreut zu den Erläuterungen seiner Begleiterin. Während er eine Runde durch den Laden dreht, wo sich jetzt noch mehr Journalisten tummeln, blickt er gereizt. Zwei Minuten später geht er wieder, gefolgt vom Journalistentross. Als die Diskutanten ihnen nachblicken, steht die Hektik noch im Raum, die der Funktionär verbreitet hat. Nun wendet er sich seiner nächsten Aufgabe zu. Er arbeitet für eine staatliche Stelle innerhalb der Regierung, die heute von der Tochter des Herrschers geführt wird, gegen den sich vor über zwanzig Jahren die Revolution gerichtet hatte.
Das Museum besteht aus zwei Gebäuden, zwischen denen sich ein Platz befindet. Die zwei Gebäudeflügel blockieren den Wind und komprimieren ihn in ihrer Mitte zu einem kräftigen Strom, der zu den umliegenden Wohngebäuden hin und wieder zurückfährt. Auf dem Platz ist eine Gruppe Arbeiter gerade damit beschäftigt, die Spuren des gestrigen Unwetters zu beseitigen. Sie räumen abgebrochene Äste beiseite und kehren die Scherben eines Fensters auf, das man vergessen hatte, zu schließen. Dann nehmen sie die Fahne, die der Wind zerfetzt hat, vom Mast und befestigen eine neue an der Fahnenschnur.
Der Arbeiter, der die Fahne auf den Mast zieht, ist noch in der Lage, den Wind zu hören. Die Stimme des Windes tönt jetzt schwach, wie ein langgezogener Seufzer, wie eine Verschmelzung der Buchstaben ر raa: und غ ghain. Das scheint aber ein magischer Mund zu sein, der diesen Wind ausbläst, denkt der Arbeiter. Ein Mund, der Zungenspitze und Rachen gleichzeitig benutzen kann. Das sanfte Gurgeln hallt in seiner Ohrmuschel wider, wie das Echo einer Leere in einer anderen, wie zwei Augenblicke in einer intimen Verschmelzung. Doch der Klang des Windes kommt nie allein. Der Wind ist eine Kraft, die alles, was vor ihr liegt, rüttelt und schüttelt. Seine Stimme ist tief und leise. Kurz wird sie lauter, dann geht sie wieder unter in den Geräuschen, die sein Rütteln erzeugt. Während der Arbeiter die Fahne hisst, hört er also das Gurgeln des Windes, vermischt mit dem Rauschen der umstehenden Bäume, dem Rascheln des trockenen Laubs, das über die Steinplatten wirbelt und dem Flattern der Museumsfahne, die jetzt neben der Fahne mit dem Stadtwappen und der Landesflagge hängt.
Es gibt eine Nase, die sehr gerne säuft. Man hat sie eingeladen, an der Ausstellung teilzunehmen und sie ist aus einem fernen Land angereist. Die Nase weiß nicht so recht, was sie tun soll. Sie beschließt, Urlaub zu machen. Während sie so durch die Straßen der Stadt spaziert, trifft sie den Hammer. Der Hammer fragt sie, ob sie nicht Lust auf einen Ausflug auf den Berg hätte. Die Nase willigt ein. Der Hammer bringt noch zwei Freund:innen mit, die zwei Dinge. Die zwei Dinge sind die ganze Strecke über damit beschäftigt, Sex zu haben. Immer, wenn die Gruppe beschließt, eine kurze Pause einzulegen, entdeckten die zwei Dinge neue Körperöffnungen aneinander, durch die sie dann, unter dem Gelächter der anderen, miteinander Sex haben. Unterwegs begegnen sie plötzlich dem Stein. Er fragt, ob er auch mitkommen darf. Alle sind einverstanden. Der Stein aber tut nichts. Er liegt einfach nur wortlos da, bis ihn schließlich jemand hochnimmt. Von Zeit zu Zeit spielen sie ein Spiel. Stellen sich im Kreis auf und reichen den Stein von Einem zum Anderen. Als sie eine Straße überqueren, wird der Hammer überfahren und stirbt. Das Gespenst des Hammers schwebt aber noch umher. Plötzlich landet es in einem Pulk weiterer Gespenster, die gerade vor Tränengas davonrennen. Patronen zischen durch die Gegend, Körper versprühen Blut, das Gespensterknäuel kämpft weiter. Die Nase nimmt einen Schluck aus ihrer Flasche. Sie kratzt sich am Kopf. Was sollen sie jetzt tun? In diesem Moment erscheint, direkt neben dem Leichnam des Hammers, der Wind. Sagt, er habe von einem verlorengegangenen Flugblatt gehört, von dem niemand etwas weiß. Der, der es gemacht hat, habe es nicht mehr drucken und verteilen können, da die Revolution bereits niedergeschlagen war. Der Berg hat das alles beobachtet und mischt sich ins Gespräch. Das Flugblatt befinde sich in der Stadt, er wisse auch wo. Er bietet ihnen an, mit ihnen hinzugehen. Alle sind einverstanden. Sie machen sich auf den Weg zurück in die Stadt, auf der Suche nach dem verlorenen Flugblatt.
