Nicht bereit für das Licht
Übersetzt von Schayan Riaz

Immer bevor er verwundet wurde, hatte er denselben Traum. In der Nacht, bevor die 152-Millimeter-Granate seine Stellung traf, träumte R ihn wieder:
Er ist wieder im Sommergarten seiner Großmutter, jenem Ort kindlicher Sicherheit, von Fliederbüschen und verrosteten Schaukeln. Dort steht ein Wächterzwerg, eine jener kleinen bemalten Figuren, die gewöhnlich gar nichts bewachen.
Im Traum beginnt der Zwerg mit ihm zu sprechen und deutet auf ein frisch ausgehobenes Grab. Als R näher hinsieht, hat es keinen Boden, es öffnet sich in ein schwarzes Loch. Der Zwerg fordert ihn auf hineinzuspringen. R weigert sich. „Nicht heute“, sagt er. „Ich habe noch Dinge zu erledigen. Du kannst warten.“
Am nächsten Morgen traf die Granate den Bunker direkt. Die Explosion ließ das Dach einstürzen und begrub ihn lebendig unter Stämmen und Erde. Sein Kamerad schaffte es, ihn einer ganz unwahrscheinlichen Intuition folgend auszugraben, bevor er erstickte. Die Wirbelsäule zerquetscht, den Körper von den Splittern eines Holzbalkens übersät.
Das Unbewusste, unfähig, die heranfliegende Granate zu verhindern, versucht stattdessen, sie darzustellen, versucht zu fassen, was sich nicht fassen lässt.
Er wurde in ein Feldlazarett evakuiert, dann in ein Krankenhaus. Morphin gelangte in sein Blut, zunächst als Medizin, dann als Versprechen. Wie in Marianne Faithfulls Lied „Sister Morphine“ verschwamm die Grenze zwischen Heilung und Verschwinden.
Als er mir später diesen Traum erzählte, hörte ich ihn nicht als Prophezeiung, sondern als eine Übung der Psyche, eine Vorbereitung auf die eigene Vernichtung. Solche Träume suchen viele Soldaten heim: Phantasien, die den Tod im Raum des Schlafs vorwegnehmen, damit der wache Körper weitergehen kann. Das Unbewusste, unfähig, die heranfliegende Granate zu verhindern, versucht stattdessen, sie darzustellen, versucht zu fassen, was sich nicht fassen lässt.
In psychoanalytischer Sprache sind Schlafen und Träumen zwei unterschiedliche Prozesse. Schlaf ist die nächtliche Arbeit, die Psyche intakt zu halten und den Körper wieder aufzuladen. Träumen hingegen ist, wie Freud es beschreibt, eine psychische Funktion, die den Schlaf vor Wünschen und Ängsten schützt, die keine Ruhe kennen, die uns wachhalten und den Aufladeprozess unterbrechen wollen. So findet die Psyche eine Lösung in der Traumarbeit, der fortwährenden Symbolisierung des Rohmaterials des Unbewussten in Bilder, Geschichten, Sinnfragmente. Der Zwerg übernimmt also die Rolle eines Psychopompos, einer Übergangsfigur, und markiert jenen Moment, in dem die Traumarbeit die Schlafarbeit schützt, indem sie den Schrecken verstoffwechselt, wenn der Körper nicht ruhen kann.
Der oben geschilderte Traum wurde mir von einem Klienten erzählt, einem Soldaten der ukrainischen Streitkräfte, mit dem ich Anfang 2023 eine psychoanalytische Psychotherapie begann.
Anderthalb Jahre nach Beginn unserer Arbeit brachte R einen weiteren Traum mit.
Er sitzt zwischen den Ruinen eines Mikrorajon, eines jener sowjetischen Wohnviertel aus identischen Plattenbauten, die um einen kleinen Gemeinschaftshof angeordnet sind. In der Mitte befindet sich ein Kinderspielplatz: ein Sandkasten, eine verbogene Rutsche, das Skelett einer Schaukel. Irgendwo im Osten der Ukraine, eine jener Städte, von denen man nur in den Nachrichten hört, nahe der Frontlinie.
Dort hatte eine Generation, aufgewachsen unter einem als Kommunismus verkleideten Imperium, erstmals gelernt, was „wir“ bedeutet. Dieses „Wir“ ist nun aufgespalten in die, die noch dort sind, und die, die gegangen sind.
In seinem Traum sitzt R auf einer Bank des Spielplatzes, umgeben von halb zerstörten Wohnblocks. Alles ist schwarz-weiß, still, leblos.
Plötzlich verspürt er das Bedürfnis, mich anzurufen. Er greift in die rechte Hosentasche, nach seinem Telefon. Doch als er es herausziehen will, merkt er, dass alle fünf Finger seiner Hand gebrochen sind. Sie sind da, aber sie reagieren nicht, als gehorchten sie ihm nicht mehr. Die Dunkelheit um ihn herum verdichtet sich, während er verzweifelt versucht, meine Nummer zu wählen.
Dann erscheint plötzlich eine dünne Linie aus Licht, eine klare, horizontale Öffnung. Er fühlt sich gezwungen, sie zu überschreiten. Auf der anderen Seite liegt die Chreschtschatyk-Straße im Zentrum Kyjiws, überflutet von Sonne und Farbe, ein Tag des Feierns: Familien spazieren, Frauen tragen Blumen, Kinder lachen.
Als er dort steht, blickt er an sich hinab und sieht seine Kleidung, schmutzig, steif vom Blut und von der Erde der Schützengräben. Der Geruch von Rauch und Verfall haftet an ihm. Das Licht um ihn ist blendend, beinahe anklagend. Er verstand, dass er nicht zu dieser Helligkeit gehört; sie entblößt ihn, statt ihn willkommen zu heißen. Dann spürt er es, die Schwerkraft des Dunklen, Vertrauten, Schweren, die ihn zurückzog.
Er traf seine Wahl und tritt wieder ins Dunkel, findet sich erneut auf dem zerstörten Spielplatz und versucht noch einmal, mit seinen gebrochenen Fingern meine Nummer zu wählen.
In diesem Moment wacht er auf.
Die Psyche zieht sich vor dem Ausgesetztsein zurück, wie sich eine Wunde gegen die Luft schließt, die vorübergehende Dunkelheit ist notwendig, damit Heilung möglich bleibt.
Als R mir diesen Traum erzählt, kehrte ich immer wieder zu diesem Ort zurück. Der Spielplatz im Zentrum eines Mikrorajon, umgeben von gleichförmigen sowjetischen Plattenbauten, war einst Teil einer Architektur der Zugehörigkeit, ein Bild, das Generationen verband.
Nun erscheint dieser Raum in seinem Traum in Monochromie: kein Licht, keine Farbe, nur Abstufungen von Asche. Der kollektive Raum hat überlebt, aber nur als fotografisches Negativ seiner selbst, verblieben in der Dunkelkammer der Psyche, noch feucht, noch zitternd, noch nicht bereit, entwickelt zu werden. Noch nicht bereit für das Licht.
Für mich ist diese Zurückweisung des Lichts keine negative Regression, sondern Bewahrung. Die Psyche zieht sich vor dem Ausgesetztsein zurück, wie sich eine Wunde gegen die Luft schließt, die vorübergehende Dunkelheit ist notwendig, damit Heilung möglich bleibt.
Das sehe ich immer wieder bei jenen, die nicht schlafen können, die nicht vollständig erwachen oder die gegangen sind, keine Vermeidung des Lebens, sondern eine seltsame Form der Loyalität ihm gegenüber. Ein Teil des Organismus weiß, dass er sich zurückziehen muss, bevor er weitergehen kann.
In den 1970er-Jahren beschrieben zwei chilenische Biologen diese Bewegung mit einem eigenen Begriff: Autopoiesis, vom Griechischen auto, selbst, und poiein, machen. Ein lebendes System, schrieben sie, existiert nicht aufgrund der Materie, aus der es besteht, sondern durch die fortwährende Arbeit, mit der es sich selbst erhält und erneuert. Eine Zelle bleibt nur am Leben, indem sie ständig die Membran erneuert, die sie von dem trennt, was sie auflösen könnte.
Doch diese Logik des Sich-Selbst-Erzeugens ist nicht nur den Zellen eigen. Auch Flüsse folgen ihr. Sie ziehen sich von ihren Ufern zurück, erodieren sie, zeichnen sie neu und bringen immer wieder jene Form hervor, die sie am Leben hält. Wenn die Strömung zu stark wird, faltet sich der Fluss, zieht sich nach innen, gräbt einen neuen Weg durch Schlamm und Schatten. Er verlässt seinen Lauf nicht; er gestaltet ihn neu. Oft denke ich, dass die Psyche ähnlich arbeitet. Wenn die Umwelt toxisch wird, zieht sie sich gerade so weit zurück, dass ihr Fließen möglich bleibt.
Was ich in den Träumen von Soldaten sehe, ist keine Prophezeiung und keine Mystik, sondern eine verzweifelte Aufrechterhaltung des Seins, eine unsichtbare Reparatur im Dunkeln, wo die Psyche ihr eigenes Ende probt.
Sowohl Schlafen als auch Weggehen sind kleine und große Varianten derselben Bewegung, sie ermöglichen die Regeneration des Selbst, einen vorübergehenden Rückzug, der das Überleben sichert.
Wenn der Schlaf versagt, wie es im Krieg so oft geschieht, bleibt das mentale System offen für das Bombardement, das reale wie das psychische, bis es zu kollabieren beginnt. Was ich in den Träumen von Soldaten sehe, ist keine Prophezeiung und keine Mystik, sondern eine verzweifelte Aufrechterhaltung des Seins, eine unsichtbare Reparatur im Dunkeln, wo die Psyche ihr eigenes Ende probt.
Auch das Weggehen folgt dieser Logik, nur in einem anderen Maßstab. Es ist kein Exil im klassischen oder tragischen Sinn, kein „nostos“, keine Sehnsucht nach Heimkehr, sondern eher eine Art Makro-Schlaf. Es ist die Weise der Psyche, das Licht zu dimmen, wenn das der Realität Ausgesetztsein unerträglich wird. Wer die Ukraine oder einen anderen Ort der Katastrophe verlässt, entfernt sich nicht von Zugehörigkeit, sondern von physischer wie psychischer Vernichtung. Wegzugehen ist eine weitere Form, die Fähigkeit zu fühlen zu bewahren.
Schlaf, Weggehen, Schweigen, das sind die Pausen, durch die Wirklichkeit wieder denkbar wird. Es sind die langsamen Akte der Autopoiesis der Psyche, die Arbeit, eine Grenze neu zu ziehen und leise zu sagen: Ich bin noch hier, auch wenn ich vorerst im Dunkeln bleiben muss.
Gleichzeitig verlangt jedes Drohnenvideo, jede im Fernsehen gezeigte Frontlinie, jedes zerstörte Gebäude danach, gesehen zu werden. Doch das psychische Leben funktioniert anders; es kann nicht überleben, wenn es ständig exponiert ist. Es braucht Undurchsichtigkeit, Latenz und das Außerhalb des Bildrahmens. Was wie ein Zorn gegen das Licht erscheinen mag, wie eine Verneinung der Wahrheit, ist vielleicht eher ein Winterschlaf, die Bedingung dafür, dass Bedeutung zurückkehren kann. Selbst im Dunkeln entwickelt sich Erinnerung weiter. Man muss nur einen Weg finden zu erwachen, zu träumen, weiter eine Nummer zu wählen.
Dieser Text ist ein Auszug aus Notes on Living: Reflections on Ukraine Today, herausgegeben von Max Eulitz und 2026 bei Spector Books veröffentlicht.

