Glücklich sind die Hastigen

Note: “Ich könnte jetzt wunderbare bunte Seifenblasen schreiben; wahre Regenbogenblasen,” schrieb Joseph Roth in 1925. “Denn man darf doch auch auf einer halben Seite einer Zeitung gültige Dinge sagen?” Nach diesem Vorbild stellt the Diasporist eine neue Reihe mit dem Titel Seifenblasen vor, in der Redakteure und Autoren Bücher, Filme, Veranstaltungen, Ausstellungen und Ideen in sehr kurzer Form diskutieren.
Eine Einladung: Sehen Sie diesen Film, ganz unbedingt. Gehen Sie in Ihr liebstes Kino, staunen Sie, was Ihnen von der Leinwand entgegenleuchtet. Freuen Sie sich daran, wie Adrian Brody leidet und liebt, wie sein László Toth an der amerikanischen Gesellschaft (und an sich) zerbricht – alles an seinem Schauspiel ist herrlich. Blinzeln Sie allenfalls kurz, wenn Ihnen die (innen)architektonischen Entwürfe allzu künstlich-intelligent sind. Sie werden Ihnen die Kinofreude nicht verkleinern.
Sobald aber das Pausenstandbild des über dreieinhalb Stunden langen Films mit dem Schriftzug »Intermission« eingeblendet wird und Sie einfach nur einen guten Film gesehen haben wollen – gehen Sie. Gehen Sie an die Kinobar, nehmen Sie sich ein Getränk für den Heimweg mit, und kehren Sie nicht in den Saal zurück. Sie werden sich für immer an einen Film erinnern, der den Migranten und Flüchtlingen nicht nur des 20. Jahrhunderts ein Denkmal gesetzt hat.
Sollten Sie zu den leiderprobten Angehörigen jener Berufe gehören, die kritisieren, redigieren oder lektorieren, oder aber ein Dramaturgieseminar leiten – gehen Sie zurück. In der zweiten Hälfte des Films finden Sie ein Schulbeispiel dafür, wie ein Regisseur ohne jede Not seinen eigenen Film verunglücken lässt. Auf dieses Beispiel werden Sie Ihre Autor:innen etc. noch lange hinweisen können.
Es gibt dort in der zweiten Hälfte eine Szene, die nicht nur metaphorisch überladen ist (ja, es ist die Vergewaltigung!). Als Metapher ließe sich diese Szene wohlwollend übersehen. Weil die letzten Minuten der Erzählung jedoch auf diese Szene zurückkommen, sie zum dramaturgischen Element ausbauen, wird aus einer vielgliedrigen Geschichte von Emigration, Armut, Abhängigkeit und Tod – die Familientragödie der Nebenfiguren. Wir sehen das Ende eines gewiss guten, doch eines völlig anderen Films. Vielleicht wurden die Rollen während der »Intermission« vertauscht?
Glücklich sind die Hastigen, glücklich sind die, die sich nach knappen zwei Stunden der Kamerawunder sattgesehen haben, die noch eine Verabredung haben oder morgen früh raus müssen – ihrem Beispiel sollten wir öfter folgen. Und gehen, wenn es am Schönsten ist.