ELNET: AIPAC auf Europatour
Übersetzt von der Redaktion

Im Oktober 2015 schickte Steve Rosen – der einer der prominentesten Israel-Lobbyisten Washingtons war – eine knappe E-Mail an Ron Prosor, Israels früheren Botschafter bei den Vereinten Nationen. Die Nachricht kam nur wenige Tage, nachdem Prosors Amtszeit zu Ende gegangen war. Rosens Anliegen war unmissverständlich: „Ron, ich versuche dich dringend zu erreichen, um dir 10.000 Dollar plus alle Spesen anzubieten, damit du nach Los Angeles kommst (…) und bei zwei Fundraising-Veranstaltungen für ELNET sprichst. Wie du vielleicht weißt, ELNET ist die Organisation, die Beziehungen zwischen wichtigen europäischen Ländern und Israel aufbaut.“
Prosor sagte nicht sofort zu. Rosen versuchte es erneut und erhöhte das Angebot: „Ich konnte meine Leute dazu bringen, auf 15.000 Dollar zu erhöhen. Bitte sag ja.“ Prosor lehnte schließlich mit Verweis auf seinen vollen Terminkalender ab.
Der Austausch mit Prosor – der heute Israels Botschafter in Deutschland ist – taucht in einem Leak von Zehntausenden Dokumenten aus seinem privaten E-Mail-Konto auf. Die Veröffentlichung war Teil eines größeren Datenlecks sensibler Materialien aus den Postfächern hochrangiger israelischer Politiker, das 2024 von einer selbsternannten pro-palästinensischen Hackergruppe namens Handala veröffentlicht und Journalist:innen über die gemeinnützige Whistleblower-Plattform DDoSecrets zugänglich gemacht wurde. Die E-Mails zwischen Prosor und Rosen zeigen, wie amerikanisches Geld und politische Strategien mit israelischen Politikern und Diplomaten zusammenkamen, um heimlich die einflussreichste pro-israelische Lobbyorganisation Europas aufzubauen.
Rosen, der vor zwei Jahren starb, schrieb die E-Mail im Namen des European Leadership Network (ELNET). Zum Zeitpunkt der Nachricht Ende 2015 wuchs die generisch benannte Organisation – 2007 wurde sie erstmals in Europa registriert, Ende 2010 in Israel und 2012 in den USA als „Friends of ELNET“ – rasant. ELNET verfolgte ein ehrgeiziges Projekt: die Israel-Lobbyarbeit in ganz Europa zu koordinieren – „sehr ähnlich dem, was AIPAC in den USA so erfolgreich erreicht hat“, wie ein ELNET-Vertreter in einer anderen geleakten E-Mail formulierte. Die beiden Hauptziele waren, wie aus einer weiteren Nachricht aus Prosors Postfach hervorgeht, die Anerkennung eines palästinensischen Staates zu verhindern und europäische Staaten zu einem repressiveren Umgang mit der Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung (BDS) zu bewegen. Heute ist deutlich, wie erfolgreich diese Bemühungen waren.
Wie Raanan Eliaz, einer der Mitbegründer von ELNET, 2008 in einem Interview sagte: „Wenn Gruppen wie unsere in Europa zehn Prozent des Budgets hätten, das pro-israelische Lobbyarbeit in den USA zur Verfügung hat, könnten wir damit die Welt verändern.“
Rosen, der beim Aufbau von ELNET auf beiden Seiten des Atlantiks half, war vor allem für seine Arbeit bei AIPAC bekannt – der führenden pro-israelischen Lobbyorganisation in Washington. Ihm wurde weithin zugeschrieben, die Gruppe zu jener kaum zu überwindenden politischen Kraft gemacht zu haben, die sie seit den 1980er-Jahren ist. AIPAC erreichte dies, indem sie umfangreiche Spenden an politische Kandidat:innen koordinierte und aggressive Medienkampagnen organisierte – eine Strategie, die Unterstützung für Israel politisch lohnend und Widerstand dagegen kostspielig machte. Gleichzeitig pflegte die Organisation laut der New York Times und der Washington Post „enge, informelle Beziehungen zu Regierungsvertreter:innen“, eine Form des „Lobbyings innerhalb der Exekutive“, deren Pionierarbeit Rosen maßgeblich vorantrieb.
Diese Erfolgsgeschichte des Lobbyings sollte mit ELNET in Europa wiederholt werden. Das Problem: Europa war auf diese spezifische Art der politischen Einflussnahme kaum vorbereitet. Die jüdische Gemeinschaft ist deutlich kleiner, und das Wahlsystem macht Politiker:innen weit weniger abhängig von direkten Spenden als ihre amerikanischen Kolleg:innen. Um diese Hürden zu überwinden, suchte die Organisation gezielt wohlhabende, Israel wohlgesonnene Europäer:innen, und ermutigte sie, sich an politischen Finanzierungskampagnen nach dem Vorbild von AIPAC zu beteiligen. Zugleich setzte man verstärkt auf andere Formen der Einflussnahme, etwa auf vollständig finanzierte Reisen für gewählte Amtsträger:innen nach Israel. Wie Raanan Eliaz, einer der Mitbegründer von ELNET, 2008 in einem Interview sagte: „Wenn Gruppen wie unsere in Europa zehn Prozent des Budgets hätten, das pro-israelische Lobbyarbeit in den USA zur Verfügung hat, könnten wir damit die Welt verändern.“
Wichtiger denn je
Heute unterhält ELNET sechs europäische Büros (in Paris, Berlin, Brüssel, London, Warschau und Rom) sowie Büros in Tel Aviv und New York. Obwohl jedes Büro offiziell unabhängig ist, sitzt ein kleiner Kreis amerikanischer und israelischer Verbündeter in fast allen Vorständen, während die US-amerikanische Unterorganisation „Friends of ELNET“ den Großteil der Finanzierung stellt – was den Einfluss der Dachorganisation sichert. Das selbsternannte europäische Netzwerk beschäftigt Dutzende Mitarbeiter:innen und verfügt über ein Jahresbudget von bis zu 20 Millionen Dollar. Ein großer Teil stammt von US-Spendern, die eine steuerliche Ausnahmeregelung nutzen: Sie dürften Lobbyarbeit in den USA damit nicht finanzieren, wohl aber im Ausland. Wie ein jüngster Bericht von The Intercept zeigt, unterstützen viele dieser Spender auch AIPAC; mehrere von ihnen haben außerdem Donald Trump und andere rechtsgerichtete politische Projekte finanziert.
ELNETs wichtigste Tätigkeit ist die Organisation von Delegationsreisen: Europäische Parlamentarier:innen, Militärangehörige, Journalist:innen und andere Entscheidungsträger:innen werden zu sorgfältig kuratierten Reisen nach Israel eingeladen. Parallel dazu organisiert die Organisation vertrauliche Informationsveranstaltungen und „strategische Dialoge“ mit israelischen Regierungsvertreter:innen. Seit 2010 spielte ELNET eine wichtige Rolle dabei, europäische Unterstützung für die Besatzung der palästinensischen Gebiete und die damit verbundenen Gewaltakte zu sichern – ebenso wie bei einigen der größten Waffenverkäufe in der Geschichte Israels. Im Gegensatz zu seinem bekannten amerikanischen Gegenstück AIPAC agierte ELNET jedoch lange nahezu im Verborgenen.
In den vergangenen Monaten hat jedoch ein internationales Team von Journalist:innen aus Israel, Frankreich, Deutschland, Griechenland und den USA begonnen, Licht in die Aktivitäten der Organisation zu bringen. Grundlage sind Dokumente aus dem Handala-Leak, öffentliche Register sowie Interviews mit Dutzenden Politiker:innen, ehemaligen Mitarbeiter:innen und Fachleuten.
Der Unternehmer Larry Hochberg, Mitgründer von ELNET und früherer Leiter der US-Organisation Friends of the IDF, traf Prosor im Dezember 2015 in Südafrika – etwa einen Monat nachdem Rosen ihn wegen der Fundraising-Veranstaltung in Los Angeles kontaktiert hatte. Die geleakten E-Mails deuten darauf hin, dass ELNET besonders darauf erpicht war, Prosor zu gewinnen – einen der schärfsten Falken unter Israels Diplomaten. In einer E-Mail zur Vorbereitung des Treffens beschrieb Hochberg die aus seiner Sicht dringende Notwendigkeit, die pro-israelische Lobbyarbeit in Europa auszubauen. Zu diesem Zeitpunkt näherte sich die Präsidentschaft von Barack Obama ihrem Ende. Obama äußerte zunehmend Frustration über Israels offizielle Positionen und über seine Unterstützer:innen in Washington. „Heute wissen wir, pro-israelische Lobbyarbeit ist in Europa wichtiger denn je“, schrieb Hochberg.
Rosen machte in einer Nachricht, die einen „vertraulichen Bericht nur für [Prosors] Augen“ enthielt, deutlich, was mit „zivilgesellschaftlichem Engagement“ in der Praxis gemeint war: wohlhabende, überwiegend jüdische Unterstützer Israels mit quasi unbegrenzten Mitteln in privaten Treffen mit Politikern aus der ersten Reihe zusammenzubringen.
Nach einer weiteren Einladung, Anfang 2016 bei einer ELNET-Fundraising-Veranstaltung zu sprechen, verlangte Prosor 40.000 Dollar. ELNET stimmte zu – machte jedoch deutlich, was es im Gegenzug erwartete: Prosor sollte mindestens acht potenzielle Spender im Raum New York treffen.
Eine beigefügte Liste mit rund 20 Namen umfasste unter anderem den Milliardär und ehemaligen Bürgermeister Michael Bloomberg, den Modedesigner Ralph Lauren, den Schauspieler Ron Perlman sowie Mitglieder der Familie Tisch. (Der E-Mail-Leak enthält keine Bestätigung, dass diese Treffen tatsächlich stattfanden.) Weder Prosor noch ELNET reagierten auf Anfrage von the Diasporist.
Wie Rosen Anfang 2016 an Prosor schrieb, seien ELNETs Versuche, „zivilgesellschaftliches Engagement im demokratischen Prozess anzuregen“, auf „erhebliche kulturelle Hürden“ gestoßen.
Zu diesem Zeitpunkt konzentrierte sich ELNET vor allem auf Frankreich, die Heimat der größten jüdischen Gemeinschaft Europas. Rosen machte in einer Nachricht, die einen „vertraulichen Bericht nur für [Prosors] Augen“ enthielt, deutlich, was mit „zivilgesellschaftlichem Engagement“ in der Praxis gemeint war: wohlhabende, überwiegend jüdische Unterstützer Israels mit quasi unbegrenzten Mitteln in privaten Treffen mit Politikern aus der ersten Reihe zusammenzubringen. Wie Rosen formulierte: „Die Formen der Beteiligung, die für Unterstützer Israels in den Vereinigten Staaten vertraut und selbstverständlich sind, wirken im französischen Umfeld mitunter unheimlich und befremdlich.“
Doch in dem vertraulichen Bericht – den Rosen zufolge nicht von ELNETs Anwälten freigegeben worden war – behauptete er, die Organisation habe bereits begonnen, daran zu arbeiten. Zu den von Rosen berichteten Aktivitäten von ELNET in Frankreich gehörte ein „Community Meeting“ mit dem ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy Anfang 2016. Gastgeber war der ELNET-Spender Sydney Ohana, der „Kosmetische Chirurg der Stars“ und persönlicher Freund von Carla Bruni, Sarkozys Partnerin. Zu dieser Zeit galt Sarkozy als Favorit im Rennen um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat der konservativen Partei , und er hatte sich während seiner früheren Amtszeit als entschiedener Unterstützer Israels profiliert. Eine weitere ELNET-Veranstaltung mit dem ehemaligen französischen Premierminister und damaligen Bürgermeister von Bordeaux, Alain Juppé – Sarkozys wichtigstem Rivalen im konservativen Lager – fand im Haus des Unternehmers Michel Ohayon statt, „angeblich die 82. reichste Person Frankreichs“, wie Rosen schrieb. Nach beiden Veranstaltungen hätten die Gastgeber die Teilnehmer ermutigt, ihren bevorzugten Politiker „politisch zu unterstützen und finanziell zu fördern“.
E-Mails an Gabi Ashkenazi, den ehemaligen Generalstabschef der israelischen Armee, zeigen, dass sich die Bemühungen von ELNET nicht nur auf eine Seite des französischen politischen Spektrums beschränkten. Im Jahr 2012 schrieb Larry Hochberg an den pensionierten General: „Wir machen gute Fortschritte mit François Hollande und das ist größtenteils der Arbeit französischer Juden zu verdanken, die enge Beziehungen zu ihm aufgebaut haben.“
Es ist schwer zu beurteilen, inwieweit sich der Einfluss von ELNET tatsächlich in politischer Praxis niederschlug. Dennoch weigerte sich die französische Regierung unter den Präsidenten Nicolas Sarkozy, François Hollande und anschließend Emmanuel Macron bis Ende 2025, einen palästinensischen Staat anzuerkennen, und setzte öffentlich Antizionismus mit Antisemitismus gleich. Ein Bericht von Mediapart aus dem Jahr 2024 stellte außerdem fest, dass rund 100 Mitglieder des französischen Parlaments an von ELNET gesponserten Reisen nach Israel teilnahmen – damit war die Organisation mit deutlichem Abstand der größte ausländische Anbieter organisierter Reisen für französische Politiker:innen.
Das deutsche Büro
Am 8. Mai 2014 kamen in einem Büro unweit des Bundestags in Berlin sieben Männer zusammen – drei Amerikaner, drei Deutsche und ein Israeli –, um die deutsche Sektion von ELNET als gemeinnützigen Verein zu gründen. Unter ihnen war Raanan Eliaz, ein rothaariger, jungenhaft wirkender Amateurdichter, der in einer der ersten Siedlungen im Westjordanland aufgewachsen war. Vor der Gründung von ELNET hatte er unter anderem für AIPAC und im Büro des israelischen Premierministers gearbeitet.
Die amerikanische Seite wurde bei dem Treffen von Larry Hochberg sowie dessen Sohn Andrew vertreten. Dem Protokoll zufolge erläuterte Eliaz die Notwendigkeit einer Organisation wie ELNET und betonte, dass es im Umfeld der deutsch-israelischen Freundschaft bislang keine Einrichtung gebe, die „sich speziell an Entscheidungsträger:innen wendet“. Zugleich verwies er insbesondere auf „die positiven Effekte eines international vernetzten Systems von Vereinen mit gleichartiger Zielsetzung“.
Heute gilt Deutschland als Israels engster Verbündeter innerhalb der EU. Doch als ELNET Anfang der 2010er-Jahre dort seine Arbeit aufnahm, war das keineswegs selbstverständlich. Deutsche Politiker:innen fühlten sich aus historischen Gründen zwar stets in besonderer Weise mit Israel verbunden. Gleichzeitig blieb jedoch Raum für Differenzierungen. Das Bekenntnis der Bundesrepublik zum internationalen Völkerrecht brachte sie immer wieder in Konflikt mit der israelischen Besatzungspolitik. So sprach etwa Sigmar Gabriel, damals Vorsitzender der SPD, nach einem Besuch in der palästinensischen Stadt Hebron im Jahr 2012 von einem Apartheidregime in Israel. Trotz der heftigen Kritik, die daraufhin einsetzte, nahm Gabriel seine Aussage nicht zurück. Zwei Jahre später plädierte Volker Beck von den Grünen – damals Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe – dafür, militärische Unterstützung für Israel an einen Baustopp in den Siedlungen zu knüpfen.
Nur wenige Jahre später waren solche Positionen politisch kaum noch zu halten. Sechs Jahre nach seinem Besuch in Hebron sah sich Gabriel, inzwischen nicht mehr im Amt und kurz davor, den Vorsitz der Lobbyorganisation Atlantik-Brücke zu übernehmen, zu einer Entschuldigung für die Verwendung des Wortes Apartheid gezwungen. Kurz darauf übernahm er die Schirmherrschaft über ein Fellowship-Programm, das unter anderem von ELNET mitorganisiert wurde und das deutsche Journalist:innen nach Israel brachte. Beck wiederum entwickelte sich zu einem der engagiertesten Unterstützer Israels. Er nahm an mehreren ELNET-Veranstaltungen teil und erhielt 2019 sogar das Angebot, die Leitung des deutschen ELNET-Büros zu übernehmen, wie mehrere Quelle gegenüber the Diasporist bestätigt haben.
Seit Beginn seiner Tätigkeit in Deutschland präsentiert sich ELNET als parteiunabhängiger Thinktank, der Kontakte zu allen politischen Parteien pflegt – mit Ausnahme der AfD.
Der außenpolitische Kurswechsel Deutschlands im Laufe der 2010er-Jahre lässt sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Doch die Verfestigung der sogenannten deutschen Staatsräson in Bezug auf Israel und die zunehmende Verengung des politischen Raums für Kritik an der israelischen Politik – die 2019 in der stark umstrittenen Anti-BDS-Resolution des Bundestages gipfelte – fielen zeitlich mit dem Aufstieg mehrerer neuer Lobbyorganisationen in Berlin zusammen. Die wichtigste unter ihnen war ELNET.
Schon der Kreis der Gründer unterstrich die Ambitionen der Organisation. Unter den Anwesenden bei der Gründung befand sich Karl-Theodor zu Guttenberg, der frühere deutsche Verteidigungsminister, der 2011 wegen einer Plagiatsaffäre zurückgetreten war und sich anschließend als Lobbyist für internationale Konzerne neu positionierte. Ebenfalls dabei war Ulf Gartzke, ehemaliger Leiter der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung in Washington sowie Fellow des neokonservativen Hudson Institute. Beide sollten später ihre Kontakte zu ELNET nutzen, um das Finanzunternehmen Wirecard zu fördern, das 2020 insolvent wurde, nachdem sich herausgestellt hatte, dass rund zwei Milliarden Dollar an angeblichen Guthaben schlicht erfunden waren.
Seit Beginn seiner Tätigkeit in Deutschland präsentiert sich ELNET als parteiunabhängiger Thinktank, der Kontakte zu allen politischen Parteien pflegt – mit Ausnahme der AfD. Erster Büroleiter in Deutschland wurde Andreas Büttner, ein gescheiterter Lokalpolitiker der FDP, der später zu den Linken wechselte und dort bis vor Kurzem zu den entschiedensten pro-israelischen Stimmen gehörte. Auf Büttner folgte der professionelle Lobbyist Daniele Nati als Geschäftsführer. Nati war zuvor mehrere Jahre für den Tabakkonzern Reemtsma tätig gewesen.
Wie in anderen Ländern gehörte auch in Deutschland die Organisation parlamentarischer Delegationsreisen zu den zentralen Aktivitäten der Organisation. In den ersten vier Jahren seit seiner Gründung flog ELNET mindestens 36 Bundestagsabgeordnete zu vollständig finanzierten Reisen nach Israel. Zu den Teilnehmer:innen gehörten 2015 aufstrebende konservative Politiker:innen wie Gitta Connemann und Andrea Lindholz ebenso wie prominente Vertreter:innen der Parteien links der Mitte, darunter Volker Beck und Gregor Gysi, damals Fraktionsvorsitzender der Linken. Parallel dazu organisierte ELNET weiterhin geschlossene Konferenzen unter dem Titel „Germany-Israel Strategic Dialogue“, häufig in Zusammenarbeit mit der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, einer Einrichtung des Bundesverteidigungsministeriums.
Einem auf Eliaz’ persönlicher Website veröffentlichten Lebenslauf zufolge führte dessen „kontinuierliche Tätigkeit in den höchsten politischen Kreisen Deutschlands“ während seiner Zeit bei ELNET dazu, dass eine „harte Politik gegen BDS“ beschlossen wurde. „Selbst die linksextreme Partei, Die Linke, wurde nach Besuchen … in den Jahren 2011 und 2015 erstmals dazu bewegt, sich öffentlich gegen BDS zu positionieren“, behauptete er.
Im Rampenlicht
Einen deutlichen Ausbau seiner Aktivitäten erlebte ELNET Deutschland, als 2019 Carsten Ovens an die Spitze der Organisation berufen wurde. Ovens, ein junger CDUler aus Hamburg, war 2015 in die Hamburger Bürgerschaft gewählt worden. 2017 brachte er gemeinsam mit der heutigen Bildungsministerin und ELNET-Beirätin Karin Prien erstmals eine Anti-BDS-Resolution in ein deutsches Parlament ein. Ende 2018 gründete Ovens außerdem den Freundeskreis Israel innerhalb der CDU und trat neben Volker Beck als einer von nur zwei deutschen Rednern bei einer ELNET-Konferenz in Paris auf. Ein Jahr lang war Ovens zugleich Geschäftsführer von ELNET Deutschland und Mitglied der Hamburger Bürgerschaft – eine Konstellation, die aufgrund der vergleichsweise laxen deutschen Lobbyregeln möglich ist.
Ovens hatte eine klare Strategie, wie sich ELNET und seine pro-israelische Agenda in deutschen Parlamenten vermarkten ließen. Wie öffentliche Dokumente zeigen und Personen aus dem Umfeld der Organisation berichten, konzentrierte sich Ovens auf leicht vermittelbare Themen – etwa technologische Kooperationen in den Bereichen Hightech oder Gesundheitswesen – und schuf dafür entsprechende Foren, die teilweise mit Hunderttausenden Euro aus deutschen Ministerien finanziert wurden.
Während seiner Amtszeit stieg die Zahl der von ELNET organisierten Delegationsreisen deutlich an. Die Programme wurden häufig speziell auf die Zuständigkeiten einzelner Bundestagsausschüsse zugeschnitten – etwa Gesundheit, Klimapolitik oder Smart-City-Planung – oder richteten sich an neu gewählte Abgeordnete im Rahmen des Programms „Young Leaders“. Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels haben ca. 160 deutsche Parlamentarier:innen an ELNET-Delegationen teilgenommen – überwiegend Bundestagsabgeordnete, aber auch Abgeordnete von Landtagen und des Europäischen Parlaments. Damit ist ELNET der größte private Anbieter von Auslandsreisen für Parlamentarier in der Geschichte Deutschlands.
Diese Strategie ermöglicht es der Organisation, sich als zivilgesellschaftlicher Akteur darzustellen – obwohl sie Teil eines internationalen Lobby-Netzwerks ist, das stark von ausländischen Partnern geprägt und überwiegend von US-Spendern finanziert wird.
Gleichzeitig startete die Organisation öffentlichkeitswirksame Kampagnen gegen Antisemitismus und für interreligiösen Dialog. Ein Beispiel ist die von Kommunen und Landesregierungen in ganz Deutschland mitfinanzierte Kampagne „Fragemauer“. Hunderte Plakate stellten scheinbar harmlose Fragen wie: „Essen Juden Cheeseburger?“ oder „Ist Harry Potter Jude?“ Auf der zugehörigen Website finden sich jedoch auch deutlich politischere Fragen wie: „Ist Israel ein Apartheidstaat?“ oder „Begeht Israel Völkermord an den Palästinensern?“ – jeweils beantwortet mit einem entschiedenen „Nein“. Seit 2021 vergibt ELNET zudem jährlich den ELNET Award für besonderes Engagement für deutsch-israelische Beziehungen und jüdisches Leben in Deutschland. Bei der Preisverleihung 2025 hielten unter anderem der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck sowie die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner Reden.
Statt im Hintergrund zu bleiben, baute Ovens nach und nach ein öffentliches Bild von ELNET als unabhängigem Thinktank auf. Im Austausch mit deutschen Politikern betont ELNET regelmäßig, dass es Fördermittel deutscher Ministerien erhält und eng mit staatlichen Institutionen zusammenarbeitet. Dadurch entsteht ein Eindruck institutioneller Legitimität, während Fragen nach Finanzierung, Führung und politischer Steuerung in den Hintergrund treten. Diese Strategie ermöglicht es der Organisation, sich als zivilgesellschaftlicher Akteur darzustellen – obwohl sie Teil eines internationalen Lobby-Netzwerks ist, das stark von ausländischen Partnern geprägt und überwiegend von US-Spendern finanziert wird.
Politiker:innen, die an von ELNET organisierten Veranstaltungen teilgenommen haben, berichten, die Organisation habe nichts mit den aggressiven Strategien von AIPAC gemeinsam. In privaten Gesprächen soll Ovens – ein begabter Geschäftsmann – versichert haben, er unterstütze eine Zwei-Staaten-Lösung und hege auch kritische Ansichten gegenüber Netanjahu.
Bis 2021 gehörten zu den Delegationsreisen nach Israel zudem kurze Besuche in Ramallah, bei denen Treffen mit Vertretern der Palästinensischen Autonomiebehörde auf dem Programm standen.
Doch während sich ELNET in Deutschland als Unterstützer eines offenen Dialogs präsentierte, rückte die Organisation insgesamt zunehmend nach rechts.
Der Rechtsruck
Obwohl ELNET von Anfang an enge Beziehungen zur politischen Rechten unterhielt, suchte die Führung der Organisation in Israel und den USA zunächst auch aktiv den Kontakt zu Politiker:innen aus dem Spektrum zwischen Zentrum und Mitte-Links. Nachdem Raanan Eliaz 2016 wegen eines „schweren Vertrauensbruchs“, wie es in internen Dokumenten heißt, aus seiner Führungsposition entfernt wurde, begann sich dieser Ansatz zu verändern. Der Wandel fiel zeitlich mit einer generellen Rechtsverschiebung innerhalb der Israel-Lobby nach der Wahl Donald Trumps zusammen.
Mit dem fortschreitenden Alter von Steve Rosen und Larry Hochberg gewann das israelische Büro von ELNET zunehmend an Einfluss – und bewegte sich politisch weiter nach rechts. David Siegel, der ELNET von 2016 bis 2020 in Israel leitete, war mit der rechtsgerichteten Partei Israel Beitenu verbunden. Sein Nachfolger Shai Bazak, der die Organisation zwischen 2020 und 2022 führte, war zuvor Sprecher sowohl des extrem rechten Siedlungsrates gewesen als auch von Benjamin Netanjahus während dessen erster Amtszeit.
Danach übernahm Emmanuel Navon die Leitung des israelischen ELNET-Büros (2023–2025). Navon, 1971 in Frankreich geboren, wanderte in seinen frühen Zwanzigern nach Israel aus. Der Politikwissenschaftler lebt in der Siedlung Efrat im Westjordanland und kandidierte 2012 bei den Vorwahlen der Likud-Partei Netanjahus. Navon war außerdem Senior Fellow beim rechtsgerichteten Thinktank Kohelet, das weithin als ideologischer Architekt der umstrittenen Justizreform von 2023 gilt. Öffentlich sprach sich Navon für die Annexion des Westjordanlands sowie für die Ausweisung afrikanischer Geflüchtete aus Israel aus. Als ELNET-Direktor erklärte er zudem, man müsse „den Stolz der Jugend auf die westliche Zivilisation gegen das ‚Opium‘ des Wokeismus wiederaufbauen“. Seine Forderung nach engerer Zusammenarbeit mit rechten politischen Kräften in Europa spiegelt sich zunehmend in ELNET-Aktivitäten auf dem gesamten Kontinent wider. Navon sollte zuletzt für ELNET Frankreich einen neuen Thinktank aufzubauen, das sich einer „Außenpolitischen Strategie für Israel nach dem 7. Oktober“ widmen soll – mit dem erklärten Ziel, „die Werte der westlichen Zivilisation zu verteidigen“. Im März 2026 wurde bekanntgegeben, dass er zum Botschafter Israels in Japan ernannt wurde.
2025 führte ELNET erstmals öffentlich eine Delegation zu Besuchen in israelischen Siedlungen im Westjordanland sowie zu deren politischen Vertretern.
Navons Leitung des israelischen ELNET-Büros fiel mit der zunehmenden politischen Polarisierung zwischen Unterstützer:innen und Gegner:innen Netanjahus zusammen. In den ersten neun Monaten des Jahres 2023 trieb Netanjahus Regierung ihre Justizreform voran, weitete gleichzeitig das Siedlungsprojekt aus und rückte ausdrücklich vom Ziel der Zwei-Staaten-Lösung ab. Während liberale Zionisten Europa und die USA dazu aufriefen, gegen das vorzugehen, was sie als Aushöhlung der israelischen Demokratie durch jüdische Suprematisten betrachteten, wurde die Angleichung der breiteren Israel-Lobby an Netanjahus Siedleragenda immer deutlicher.
Diese Rechtsverschiebung spiegelte sich auch in ELNETs zunehmend einseitig gestalteten Israel-Reisen wider: Besuche in Ramallah verschwanden allmählich aus den Programmen, Treffen mit Knesset-Abgeordneten von Labor oder Meretz wurden selten, während verstärkt rechtsgerichtete Akteure als Gesprächspartner eingeladen wurden. Häufig war der einzige palästinensische Vertreter, den die Teilnehmer:innen trafen, ein Journalist mit Verbindungen zum rechtsextremen Gatestone Institute.
2025 führte ELNET erstmals öffentlich eine Delegation zu Besuchen in israelischen Siedlungen im Westjordanland sowie zu deren politischen Vertretern.
Parallel dazu vertiefte ELNET seine Zusammenarbeit mit der israelischen Rüstungsindustrie und nutzte rasch den militärischen Aufrüstungsschub in Europa nach Russlands Invasion in die Ukraine im Jahr 2022. Obwohl Israel sich weigerte, sich internationalen Sanktionen gegen Russland anzuschließen oder direkt Waffen an Kiew zu liefern, präsentierte ELNET das Land als unverzichtbaren Verbündeten Europas in der Krise.
ELNET schrieb sich selbst eine wichtige Rolle beim größten Rüstungsgeschäft in der Geschichte Israels zu – einem Verkauf von Verteidigungssystemen im Wert von fast 3,5 Milliarden Euro –, der auf einen Besuch von Mitgliedern des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages im März 2022 folgte.
Lügen und Bomben
Während die israelische Bevölkerung noch versuchte, das Ausmaß der Verluste nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 zu begreifen, reagierte ELNETs über Jahre aufgebautes Netzwerk schneller als viele staatliche Institutionen. Bereits am 9. Oktober gegen Mittag hatte ELNET den französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy nach Sderot gebracht, einen der Orte der blutigsten Angriffe.
In den folgenden Wochen und Monaten organisierte die Organisation eine Reihe sogenannter „Notfall-Solidaritätsmissionen“: Besuche zerstörter Kibbuzim und der Schauplätze des Nova-Massakers nahe dem Gazastreifen. Die Teilnehmer:innen trugen Schutzkleidung und wurden von bewaffneten ELNET-Mitarbeiter:innen begleitet. Mehrere Teilnehmer:innen berichteten später, man habe sie in das Militärlager Shura und in Leichenhallen geführt, um nicht-identifizierte Leichen zu sehen – mutmaßlich israelische Opfer des 7. Oktober. In einem von ELNET veröffentlichten Video erklärt ein israelischer Oberst europäischen Parlamentarier:innen, palästinensische Angreifer hätten Babys enthauptet – eine Behauptung, die später mehrfach als falsch widerlegt wurde.
In den Wochen und Monaten nach dem 7. Oktober sprach die Regierung Netanjahu teilweise offen davon, die internationale Öffentlichkeit auf das vorzubereiten, was folgen würde. ELNET stand dabei – gemeinsam mit AIPAC – an vorderster Front. Je länger der Krieg dauerte und je stärker die Zerstörung in Gaza wurde, desto wichtiger wurde der Einfluss auf politische Entscheidungsträger:innen, während weltweit Proteste zunahmen und die Unterstützung für Israel rapide sank. Ein Delegationskoordinator formulierte es 2024 in einem Werbevideo so: „Wenn man vier oder fünf intensive Tage mit einer Delegation verbringt, entsteht eine besondere Atmosphäre in der Gruppe – und genau diese besondere Bindung ermöglicht es uns, wirklich Wirkung zu entfalten.”
Die Unterstützung westlicher Staaten war für Israels Politik in den Jahren 2024 und 2025 von zentraler Bedeutung. Netanjahu setzte – entgegen der öffentlichen Meinung in Israel, wo Massenproteste für die Freilassung der Geiseln und eine politische Lösung stattfanden – die Zerstörung Gazas fort und sabotierte wiederholt die Aussicht auf einen dauerhaften Waffenstillstand. Lobbyorganisationen auf beiden Seiten des Atlantiks gerieten zunehmend unter Druck, weil sie durch ihre Arbeit dazu beitrugen, einen Krieg zu verlängern, den selbst eine Mehrheit der israelischen Bevölkerung nicht unterstützte.
Während führende Demokraten in den USA begonnen haben, sich gegen AIPAC und dessen politischen Einfluss zu stellen, konnte ELNET bislang ein vergleichsweise sauberes Image bewahren.
Obwohl sich die öffentliche Meinung in vielen europäischen Ländern zunehmend kritisch gegenüber Israels militärischem Vorgehen im Gazastreifen und anderswo entwickelt hat – jüngste Umfragen zeigen, dass rund 80 Prozent der Deutschen Sanktionen gegen das Land unterstützen –, nehmen progressive Politiker:innen weiterhin an ELNET-Veranstaltungen teil und reisen auf Einladung einer Organisation, die von Trump-Unterstützern finanziert und von Siedlern geführt wird.
Das erklärte Ziel von ELNET, die deutsch-israelischen Beziehungen „auf der Grundlage demokratischer Werte“ zu stärken, wirkt vor diesem Hintergrund zunehmend überholt. Im Laufe der Zeit hat die Organisation mehrfach gezeigt, dass es ihr vor allem um politischen Einfluss geht – und dass sie keine Skrupel hat, mit rechtsextremen Regierungen zusammenzuarbeiten oder Positionen zu vertreten, die der Mehrheitsmeinung in beiden Gesellschaften widersprechen.
Die nächste große ELNET-Konferenz ist bereits geplant. Sie soll im April in Dubai stattfinden, und zwar mit dem Ziel, die Beziehungen Israels zu den autoritär regierten Vereinigten Arabischen Emiraten weiter zu vertiefen. Ob sie noch stattfinden wird, ist ungewiss. Denn der illegale US-amerikanische und israelische Angriff auf Iran, den ELNET öffentlich unterstützte, hat die gesamte Region seitdem in einen neuen Krieg gestürzt.
Dieser Bericht wurde durch eine Förderung von IJ4EU unterstützt. Unter Mitarbeit von Guli Dolev-Hashiloni.

