Die Beweislast meiner Erinnerungen

Es ist schon Abend, als meine Mutter einen schwarzen Bilderrahmen auf ihrem Schoß hält, neben ihr eine einzelne rote Rose. Ein Kopf mit ebenfalls roten Haaren blickt aus dem Foto. Meine Mutter nimmt die Rose, legt sie probeweise an den Rand des Rahmens, hebt sie wieder weg. Legt sie an eine andere Seite. Immer wieder verschiebt sie sie, dreht sie leicht, hält inne, betrachtet das Bild aus der Ferne und zieht es wieder näher zu sich heran. Irgendetwas passt nicht. Die Rottöne scheinen sich zu beißen. Schließlich wandert die Rose einmal um das ganze Bild herum. Nur die rechte obere Ecke lässt sie aus. Dort ist ein schwarzer Streifen befestigt, der mit den Seiten des Rahmens ein kleines Dreieck formt.
Das Foto zeigt den besten Freund meines Vaters. Er heißt wie er: Halil. Es ist April 1999. Seit Wochen läuft die NATO-Intervention in Kosova. Tagsüber streiten im Fernsehen Politiker über den Einsatz, über Strategien und Mandate, während in Shkozë e Molliqit ein Leben zu Ende geht. Anfang des Monats hat Halil Deutschland verlassen, um sich der albanischen Befreiungsarmee anzuschließen. Er weiß da noch nicht, dass nur elf Tage zwischen seinem Aufbruch und seinem Tod liegen werden. Er wird einer von über 10.000 Menschen, die während des Krieges in Kosova getötet werden.
Ich kenne Halil nicht aus eigener Erinnerung. Ich kenne ihn nur aus Videoaufnahmen, auf denen er mich als Baby im Arm hält. An den Druck seiner Arme erinnere ich mich nicht. Ich kenne seine Geschichten und weiß, wann er Geburtstag hat. Ich kenne die letzten Wege seines Lebens, kenne seinen Namen und die Namen und Daten vieler Menschen, die nie von mir wissen werden. Ich kenne sie nur, weil es die Menschen, zu denen sie gehören, heute nicht mehr gibt. Und ich kenne Kosova, auch wenn es für mich lange nur ein Gefühl war, eines, das dieses Wohnzimmer in Augsburg-Oberhausen im Jahr 1999 vollständig erfüllt.
Ich trug ein ganzes Land aus Geschichten, Gerüchen und den Erinnerungen anderer Menschen mit mir herum, während es draußen oft nicht mehr war als ein Wort, das man falsch betonte.
Ich weiß um Kosovas Existenz, obwohl seine Buchstaben auf vielen Landkarten fehlen und noch Jahre vergehen, bis ich selbst zum ersten Mal dort sein werde. Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, dass Kosova nichts ist, das einfach da ist, so wie auch Freiheit nichts ist, das einfach bleibt. Das Gefühl von Kosova in diesem Wohnzimmer ist ein Vermächtnis der Generationen vor mir, sagte mein Vater. Eine Praxis, die wir weiterführen müssen, ergänzte er immer. Auch wenn das für mich nur bedeuten würde, die Linien in den Schulbüchern mit blauem Kugelschreiber nachzuziehen, an der Stelle, wo eigentlich Kosovas Grenzen stehen sollten.
Außerhalb dieses Wohnzimmers war Kosova lange etwas anderes. Kein Gefühl, sondern eine Frage. Manchmal ein Streit, oft eine Leerstelle. In der Schule tauchte es höchstens am Rand auf, als Fußnote im Atlas, als schwer aussprechbarer Name in Nachrichten, die niemand lange verfolgte. Während für uns Namen Gesichter hatten, blieben sie für andere Zahlen. Und während für uns ein Land fehlte, fehlte für andere nur ein Thema. Ich trug ein ganzes Land aus Geschichten, Gerüchen und den Erinnerungen anderer Menschen mit mir herum, während es draußen oft nicht mehr war als ein Wort, das man falsch betonte. Ich verstand nicht, wie diese Gegensätze in dieselbe Realität passen konnten. Aber vielleicht hatte mich gerade diese Leerstelle gelehrt, auf das zu achten, was im Blickfeld vieler Menschen fehlt.
Unsere Wahrheiten setzen sich nicht durch, nur weil sie wahr sind.
Denn es ging nie nur um den Eintrag im Erdkunde-Atlas oder den Geschichtsunterricht, sondern um die Selbstverständlichkeit unserer Existenz. Ich lernte früh, dass es nicht genügt, unsere Geschichte erlebt zu haben. Unsere Wahrheiten setzen sich nicht durch, nur weil sie wahr sind. Also benennen wir unseren Schmerz, legen ihn offen. Wir erklären, wo wir liegen und warum wir heute hier sind. Den Krieg, die Flucht. Seit wann wir unabhängig sind. Wer uns anerkennt. Wer nicht. Wir belegen uns mit den Sätzen, die wir sprechen, wenn wir über uns sprechen, als müssten wir unsere Existenz erst plausibel machen, bevor sie einfach gelten kann.
Achtzehn Jahre nach der Unabhängigkeit tippe ich so die Frage „Wie viele Staaten erkennen Kosova an?“ noch immer in die Suchmaschine. Ich sehe immer wieder nach, ob die Zahl gestiegen ist, als müsste ich mir ihre Geltung selbst immer wieder bestätigen. 121. Zuletzt anerkannt von den Bahamas. Einer mehr als das letzte Mal. Für einen Moment freue ich mich. Und doch denke ich im selben Atemzug an die andere Zahl, an jene, für die Kosova dann doch nicht gilt, obwohl es wählt, und regiert. Obwohl es lebt.
Kosovas Existenz bleibt an diese Zahl gebunden. Sie bewegt sich innerhalb dieser Logik, zwischen Anerkennung und Zurückweisung, vermerkt in Listen, geprüft in Beschlüssen, bestätigt, vertagt, blockiert durch das Vetorecht mächtiger Staaten und ihre politischen Interessen. Vor den Augen der Welt wird ein Anfang Kosovas an Anerkennung gebunden. Ein Anfang auf Widerruf.
Und doch beginnt Kosova für mich mit einem Gesicht. Mit einem Bilderrahmen auf dem Schoß meiner Mutter, der Rose ohne Platz, den Farben, die sich beißen. Halil. Meine erste Erinnerung an die Welt ist dieses Papier, auf dem seine roten Haare gedruckt waren, eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Zwischen dem, was für mich Wirklichkeit ist, und dem, was anderswo erst anerkannt werden muss, liegt ein Abstand, den ich nicht messen oder verstehen kann. In diesem Abstand habe ich zählen gelernt. Ich habe gelernt, die Beweislast unserer Existenz zu tragen und Dinge zu erklären, die eigentlich nie eine Erklärung gebraucht hätten.

