Berlin Dispatch: Stille

Alexander Schnickmann

Zur Großstadt gehört die Reizüberflutung. Unser Autor weiß, wo sie trotzdem ganz still ist.

Head (before 1921), Gustaw Gwozdecki

Es ist Sommer – wisst ihr noch, Sommer? – wir sitzen draußen und trinken Bier. Wir haben uns ziemlich lange nicht gesehen und stecken mitten in diesem Catching-up-Ritual, wo warst du, was hast du so gemacht und mit wem. „Ach, übrigens, ich hab jetzt natürlich auch ADHS“, sage ich, als mir nichts mehr einfällt, natürlich, weil das ja alle jetzt haben, und es ist ja auch alles ein bisschen unernst. Jetzt, schon als Erwachsener, praktisch am Ende des Lebens, die alles erschließende Diagnose zu bekommen, damit geht auch ein grandioser Wunsch in Erfüllung: Ich hatte recht, etwas stimmt nicht mit mir, und diese kleinen Kapseln machen alles wieder gut.

„In einer besseren Welt bräuchtest du vielleicht gar kein Ritalin.“ Seinen Satz habe ich nicht mehr vergessen. Aber die Welt ist doch schon perfekt, will ich antworten. Der Abend hat noch nicht einmal angefangen, die Sonne scheint mir ins Gesicht, die beste aller möglichen Welten, gleich hier an der Hermannstraße. Dann kommt mir der Verdacht, dass er recht hat.

Wie soll ich erklären, dass an manchen Tagen einfach alles stresst; dass Atemzüge unerträglich sein können, das Tippen von Schuhspitzen auf dem Pflaster, trommelnde Finger auf der Tischplatte.

Die meisten Dinge an ADHS verstehe ich nicht, und eigentlich interessieren sie mich auch nicht. Etwa, warum ein tief verborgener Teil von mir denkt, von Säbelzahntigern verfolgt zu werden, von einer Horde Mammuts oder von prähistorischen Aliens – nur weil ein paar Leute im Kino Popcorn essen oder es etwas zu warm und voll an der Supermarktkasse ist. Wie soll ich erklären, dass an manchen Tagen einfach alles stresst; dass Atemzüge unerträglich sein können, das Tippen von Schuhspitzen auf dem Pflaster, trommelnde Finger auf der Tischplatte. „Overstimulated“ sagen die Leute auf Tiktok dazu, und ich vergesse jedes Mal, meine Psychiaterin zu fragen, ob es das eigentlich wirklich gibt. Ich würde einfach sagen, es passiert sehr viel. Ich verstehe, dass es besser ist, wenn weniger passiert, und ich verstehe, dass Stille gut ist.

Vor ein paar Jahren gab es den Versuch, einige U-Bahnhöfe mit klassischer Musik zu beschallen, zur Beruhigung der Fahrgäste. Ein teuflischer Vorschlag, denn natürlich ging es dabei nicht um Beruhigung, sondern darum, den Alltag von Menschen, die keine Wohnung haben, noch etwas unangenehmer zu machen. Wahrscheinlich ist es am Ende die Relaxing-Mozart-Playlist geworden. Aber ich stelle mir vor, die Wahl wäre etwas aufrichtiger ausgefallen. Auf dem Heimweg von der Arbeit stehe ich am Gleis, kann mich kaum mehr auf den Beinen halten, meine Bahn fällt aus, die nächste auch, und plötzlich donnert irgendeine fürchterliche Arie aus dem Freischütz über den Bahnsteig – „nein, länger trag‘ ich nicht die Qualen!“ Sofort fühle ich mich beruhigt. Und wünsche denjenigen, die sich das ausgedacht haben, genau das gleiche.

Scheinbar darf es keine Orte geben, an denen nichts passiert. Autos hupen, was haben die nur immer zu hupen, Hunde bellen, irgendwer brüllt über die Straße, eine Bierflasche rutscht aus der Hand und zerspringt auf dem Boden. Wo Stille droht, werden Lautsprecher und Bildschirme aufgehängt. Dann laufen in der U-Bahn pausenlos Werbung und Springer-News, und im Supermarkt schreit mich das Supermarktradio an, doch noch eine Packung Butter extra einzupacken. Kann ich mir nicht leisten, schreie ich zurück, und überhaupt soll endlich Stille sein.

Plötzlich kommt mir das alles sehr ältlich vor. Ist es ein boomer take, dass es Berlin an Stille fehlt? Bin ich der wütende Rentner im Ruheabteil, bin ich das Arschloch, weil ich manchmal niemanden hören will? Vielleicht, aber für den Moment ist mir das egal. Es stimmt, Stille hat zuweilen einen schlechten Ruf. Es gibt diese autoritäre Einsamkeit. Der Wunsch nach Stille wird zu einem Argument gegen Kinder, gegen Freude, gegen alles, was nicht Arbeit ist.

Von diesem Ort träume ich. Manche Abende in der Staatsbibliothek, wenn die meisten Leute schon verschwunden sind, und die Stille so erhaben über dem Lesesaal schwebt, dass man sich kaum zu atmen traut.

Aber es gibt auch eine andere Stille. Es gibt eine Stille, die nicht einsam, sondern gemeinschaftlich ist. Stille, in der man sich begegnen kann. Von diesem Ort träume ich. Manche Abende in der Staatsbibliothek, wenn die meisten Leute schon verschwunden sind, und die Stille so erhaben über dem Lesesaal schwebt, dass man sich kaum zu atmen traut. Der Augenblick nach einem Konzert, nur diese eine Sekunde, als sich noch niemand zu applaudieren traut und wir alle gemeinsam mit der letzten Note verklingen. Manche Nächte im Park – aber das ist eine andere Geschichte.

Jetzt, an einem Februarmorgen, ist die Stille unendlich weich. Über Nacht ist Schnee gefallen, und ich stehe staunend vor der geöffneten Balkontür. Ich weiß, dass jetzt weniger Autos fahren, und es ist noch sehr früh; ich weiß, dass sich die Schallwellen an den Eiskristallen brechen, weil ihre Oberfläche sehr groß ist. Wie ein gigantischer flauschiger Teppichboden, der über Charlottenburg ausgerollt wurde, verschluckt der Schnee alle Schritte und Stimmen und Bierflaschen, die aus irgendwelchen Händen rutschen. Wie nett von ihm. Ich bedanke mich beim Schnee, schweigend, und vergesse an diesem Morgen fast, mein Ritalin einzupacken.

Alexander Schnickmann ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Er schreibt Lyrik, Prosa und Essays. An dieser Stelle schickt er von nun an Feuilletons aus Berlin: “Berlin Dispatch.”

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