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Zwischen Hoffnung und Unglück
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Still aus Satanstango von Béla Tarr, nach dem Roman von László Krasznahorkai
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Darf man es sagen? Es liegen anderthalb oder zwei zuversichtlich stimmende, geradezu hoffnungssatte Wochen hinter uns. Die Hoffnung kommt uns zu aus der denkbar unwichtigsten Richtung – aus der Literatur. Kein Buch noch hat je die Toten wieder lebendig gemacht, kein Text je einen Brand gelöscht. Die besten Bücher wissen, wie vergeblich sie sind. Und werden doch geschrieben.
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Von Verlorenheit und endzeitlicher, manchmal auch sehr gegenwärtiger Trostlosigkeit handeln die Romane und Drehbücher von László Krasznahorkai – und dass der Ungar mit dem diesjährigen Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird, ist der erste Grund für Zuversicht: Da schreibt einer von finsterster Gottverlassenheit – und schafft ein „compelling and visionary oeuvre that, in the midst of apocalyptic terror, reaffirms the power of art“.
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Um die eigene Vergeblichkeit weiß auch die diesjährige Buchpreisträgerin Dorothee Elmiger, deren Roman Die Holländerinnen mit leisen Tönen eine Gewaltgeschichte erzählt – hinter der die Gewalt der Geschichte per se durchscheint. Dass eine so suchende, zerbrechliche Literatur ausgezeichnet wird, ist der zweite Grund zur seit zwei Wochen andauernden Zuversicht. Der letzte Satz aus Elmigers großzügiger Dankesrede (ein Tocotronic-Zitat), der den Auftakt zur Frankfurter Buchmesse gab, wappnet uns: „Das Unglück muss überall zurückgeschlagen werden.“
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Diesem Spirit wollen auch wir uns verschreiben:
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Dagmar Herzog beschreibt das Unglück so präzise, dass wir wissen, was uns von allen Seiten droht. In Der neue faschistische Körper kommt sie dem Erfolgsprinzip rechtsradikaler Bewegungen analytisch so nahe wie in unseren Tagen kaum jemand – the Diasporist veröffentlicht einen Auszug.
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Manches Unglück hat einen Frontverlauf, und auch dort ist noch Platz für die Literatur. Wie sehr sie da auf verlorenem Posten steht, davon erzählt Fabian Wolff in der neuen Seifenblase über Szczepan Twardochs letztes Buch Nulllinie.
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Wie das Unglück aussieht, wissen wir mit jeder Woche besser. Es zurückschlagen, sollen auch unsere Texte helfen – jede Spende an the Diasporist macht die Schläge noch ein bisschen fester.
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- Ron Mieczkowski, Beitragender Redakteur
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Dagmar Herzog
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Übersetzt aus dem Englischen von Lisa Jay Jeschke
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Woran erkennt man einen Faschismus? In den letzten zwanzig Jahren hat sich ein Aufstieg rechtsextremer Bewegungen und Parteien vollzogen, die lange Zeit als überwunden galten – ein schmerzhaftes und schockierendes Phänomen für viele, jedoch beflügelnd und erfreulich für andere. Auf globaler wie lokaler Ebene leben wir nicht mehr „nach dem Faschismus“, sondern plötzlich wieder mittendrin. Erneut sehen wir, wie Rassismen unterschiedlicher Art manchen Menschen ein erhöhtes Selbstwertgefühl liefern, wie sexuelle Minderheiten herabgesetzt und lächerlich gemacht werden und wie das mühsam errungene Recht auf reproduktive Selbstbestimmung infrage gestellt wird.
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Fabian Wolff
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Soldatenliteratur kennt zwei Tonfälle: die der Heldenballade, kühn im Kampf gegen den Feind im Namen von Wasauchimmer, oder den Höllenreport voller zynischer Anti-Helden, die „willkommen im Dreck“ grummeln. Der Ukrainekämper Koń, die Hauptfigur aus Szczepan Twardochs Nulllinie, ist für Heldenmut zu klug und für Zynismus zu sehnsüchtig. Er will einfach nicht sterben.
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Der entfremdete Warschauer Intellektuelle ist nicht an die Front gegangen, weil sein Land das nächste Opfer Russlands sein könnte, sondern weil sein Großvater Ukrainer war, UPA und das ganze Programm, und weil er – entfremdeter Warschauer Intellektueller eben – sich eh schon tot fühlt.
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Twardoch selbst hatte schon lange über vergangene Kriege geschrieben, als in seinem Nachbarland einer ausbrach. Der Armee trat er nicht bei – er lebt ja auch nicht in Warschau, sondern in Pilchowice –, aber er ging trotzdem an die Front, als Autor.
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