Texte fürs Wochenende

"Moonlight, Strandgade 30" by Vilhelm Hammershøi, 1900 - 1906. Courtsey of the Metropolitan Museum of Art.
„Unseren ganzen ersten Winter über hatte ich behauptet, mein einziger Wunsch sei es, nur einen einzigen ordentlichen und bedeutsamen Satz formulieren zu können, aber in Wahrheit wollte ich auch eine schöne Wohnung mit Aussicht auf einen Kanal, in die sich manchmal auch ein Sonnenstrahl verirrt.“

Danielle, die Erzählerin aus Tamar Raphaels Kurzgeschichte Westwärts, durch die Luft, äußert hier ein Gefühl, mit dem viele Berliner:innen vertraut sein dürften, insbesondere jene, die die Realität des Wohnungsmarkts bereits gut kennen. Danielle ist kürzlich von Tel Aviv nach Berlin gezogen, sie ist eine von vielen linken Israelis, die in der Hauptstadt Zuflucht gefunden haben. Ihre Zeit verbringt sie damit, Deutsch zu lernen und Hebräisch zu unterrichten. In Raphaels Kurzgeschichte bewegen sich die Figuren im Spannungsfeld zwischen Ironie und Überzeugung, zwischen bürgerlichen Wünschen und politischen Tatsachen, zwischen Selbstbefangenheit und dem Wunsch nach Verbindung.

Raphaels erster Roman, There Were Two With Nothing To Do, erschien 2024 auf Hebräisch. Die heute im the Diasporist veröffentlichte Kurzgeschichte Westwärts, durch die Luft ist Raphaels erste Erscheinung sowohl auf Englisch (in einer eigenen Übersetzung von ihr) als auch auf Deutsch (übersetzt von Lucia Engelbrecht).

Literarisch geht es munter weiter bei the Diasporist: Anlässlich der diesjährigen Nobelpreisverleihung präsentieren wir eine neue Seifenblase von Alexander Wells, der einen Blick auf den diesjährigen Preisträger für Literatur, László Krasznahorkai, wirft und darauf, wie der ungarische Schriftsteller mit seinen Kritiker:innen umgeht.

Und falls Sie es verpasst haben sollten, dann können Sie nachträglich noch diesen Essay von Marcel Krueger lesen. Der Autor reflektiert darin die Zwangsvertreibung seiner Familie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und widerspricht der Aneignung des Exilnarrativs durch rechtsextreme Nationalisten.

Nächste Woche werden wir eine Spendenkampagne anlässlich unseres einjährigen Jubiläums starten. Aber es ist nie zu früh, etwas Gutes zu tun. Mit einer Spende zum Jahresende an the Diasporist könnten Sie uns entscheidend unterstützen, damit wir unser Projekt fortsetzen können.

Aber für den Moment: Viel Freude beim Lesen!

— Julia Bosson, Chefredakteurin

Westwärts, durch die Luft

von Tamar Raphael

Übersetzt von Lucia Engelbrecht
"Die Wohnung im Zentrum Tel Avivs, die wir verließen, war ein blasser Abklatsch der Wohnung, die wir ein Jahr zuvor in Jaffa hatten verlassen müssen, und die Wohnung, die wir in Berlin gefunden hatten, war eine Bruchbude, und trotzdem schätzten wir uns glücklich, denn schließlich hatten wir eine Wohnung in Berlin gefunden. Sehr gut, sagte ich nach den katastrophalen Ergebnissen der November-Wahlen, als mehr und mehr Leute davon sprachen, das Land zu verlassen, wir müssen jedenfalls nicht am Flughafen Schlange stehen."

Lebenslänglich

Alexander Wells über László Krasznahorkai

"...die Welt Krasznahorkais ist eine Welt im Widerspruch zu den Zynikern, im Widerspruch zu den Gewinnern, den Drahtziehern und Grenzbeamten, eine Welt, die stets auf der Seite der zudringlichen Irren steht, weil das Wolkenschloss dieser Irren – das, was sie gesehen haben, was ihnen Hoffnung, gar so dumme Hoffnung schenkt – das Einzige ist, was uns noch menschlich machen kann..."

Ostpreußen ist tot

von Marcel Kreuger

"Ostpreußen ist tot, und das ist gut so. Es war die Heimat von Cilly, aber wie die anderen ehemaligen deutschen Provinzen war es keine Utopie, kein Ort einer idealen Zivilisation, die für immer verloren gegangen ist. Nach dem Ersten Weltkrieg war es ein zutiefst konservativer Ort mit großer Armut und großen Vorurteilen, an dem die Nazis schon vor 1933 die Kommunalwahlen gewannen. Meine polnischen Verwandten, die vor 1945 hier lebten, wurden verfolgt und getötet. Ich kann keine Trauer darüber empfinden, dass Ostpreußen für immer verschwunden ist."

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