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Der Red Apple
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Es ist die Woche vor der Bürgermeisterwahl in New York City und die Stimmung ist geradezu mit Händen zu greifen. In einem Café in der Upper West Side beobachte ich eine Frau mit einem „New York Jews for Zohran“-T-Shirt, wie sie eine Bestellung an einer koscheren Bagel-Theke aufgibt. In Brooklyn stolperte man alle paar Meter über Wahlhelfer:innen, die Passanten ansprachen. In der U-Bahn-Linie Q in Richtung Innenstadt hörte ich das Gespräch zweier Männer Anfang 20 mit, die ganz im Ernst über die wirtschaftlichen Vorzüge des demokratischen Sozialismus diskutierten. Vielleicht ist die Lage doch gar nicht so schlecht, wie man immer sagt.
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Zwölf Jahre lang habe ich in New York gelebt. Ich erinnere mich an die Welle der Hoffnung, die die Menschen in der Nacht von Obamas Sieg 2008 auf die Straße trieb, und auch an die anschließende Ernüchterung. An die schockierte Verzweiflung, die nach der Wahl 2016 in der Luft lag. Diese Jahre scheinen jetzt weit entfernt zu sein. Sie gehören zu einer Zeit, die im Rückblick naiv erscheint. In vielerlei Hinsicht sind es die Erinnerung an diese Momente und den darauffolgenden Zynismus, die dem jetzt überall herrschenden Optimismus nach dem Sieg von Zohran Mamdani am Dienstag noch größere Tiefe geben.
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Hoffnung ist heutzutage ein unangenehmes und fremdes Gefühl, dem wir aus gutem Grund misstrauen. Man muss kein:e Historiker:in sein, um zu wissen, dass die Grenze zwischen Hoffnung und Enttäuschung fließend ist. Jede:r, der:die die letzten Jahren über auch nur ein wenig die Augen offen gehalten hat, hätte genug Argumente beisammen, die jeden Pessimismus rechtfertigen würden. Und doch ist Hoffnung mehr als nur “nice to have“. Hoffnung ist unverzichtbar, selbst wenn sie bis zur Unkenntlichkeit mit Vorbehalten versehen ist. Wir brauchen ein gewisses Maß an Freude, um uns daran zu erinnern, dass Hoffnung möglich ist.
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Die Wahl sollte nicht das Ende des organisierten und kritischen Engagements bedeuten, sondern vielmehr ein Ausgangspunkt für Neues sein. Wir wissen nicht, was als Nächstes kommt, aber Prognosen über einige einige der Reaktionen in Öffentlichkeit und Diskurs fallen nicht schwer. Der Wunsch, einerseits die Bedeutung des Wahlsieges kleinzureden und ihn andererseits für lokale Zwecke und individuelle Anliegen zu nutzen, wird einige Anstrengung kosten. Die Linke bereitet sich bereits auf Enttäuschungen vor, das liberale Establishment macht sich bereit, die falschen Lehren daraus zu ziehen, und die Rechten sind kampfbereit. Was Deutschland aus diesem Sieg mitnehmen kann und sollte, das bleibt abzuwarten. Aber lassen Sie uns vorerst diese kleine Freude als das akzeptieren, was sie ist: eine gute Nachricht.
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In diesem Sinne erinnern wir diese Woche an Lukas Hermsmeiers Analyse von Mamdanis Wahlkampf, die nach seinem Sieg in der Vorwahl zum Bürgermeister im Juni veröffentlicht wurde, präsentieren die deutsche Übersetzung eines Essays von Ismail Ibrahim, über seine Zeit als Fact-Checker einer renommierten New Yorker Zeitschrift sowie eine neue Seifenblase – von unserem Redaktionsleiter Schayan Riaz – über die Fernsehsendung „Pluribus“. Außerdem stellen wir ein Gespräch zwischen Ben Mauk und der Aktivistin Sarah Schulman vor, das zum Zeitpunkt unseres Launchs veröffentlicht wurde und in dem beide zeigen, was Organisator:innen unterschiedlichster Bewegungen noch lernen können.
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— Julia Bosson, Chefredakteurin
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Lukas Hermsmeier
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Zohran Mamdani bei der Resist Fascism Rally im Bryant Park am 27. Oktober 2024 via Wikimedia Commons.
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Mamdanis Erfolg wurde von vielen Medien und politischen Kräften als ein New Yorker Phänomen eingeordnet: spezifischer Kandidat, spezifische Umstände, nice for them. Ganz falsch ist das nicht. In den Vororten von Houston oder auf dem Land in Montana lässt sich ein muslimischer Sozialist als gewählter Volksvertreter tatsächlich schwer vorstellen. Mamdani hat jedoch gerade durch die Artikulierung einer universellen Vision überzeugt: ökonomische Gerechtigkeit und gleiche Rechte für alle. Lernen lässt sich genau das. Weil dem Faschismus nicht mit zentristischen Ideen begegnet werden kann, muss plausibel gemacht werden, dass es in der Bevölkerung viel mehr Gemeinsamkeiten gibt als die meisten Menschen denken. Hohe Lebenskosten, niedrige Löhne und kaputte Infrastrukturen sind nicht durch Migration, trans Menschen oder Wokeness verursacht. Und das gilt für Metropolen wie New York und Berlin genauso wie für suburbane und ländliche Regionen. Überzeugend ist Mamdanis Klassenpolitik auch deshalb, weil er trotz Fokus auf explizit ökonomische Themen die anderen Fragen nicht beiseite wischt. Deutlich wird das besonders in seinem Einsatz gegen den Genozid in Gaza. Wer Prinzipien hat, verliert oben vielleicht Freunde, gewinnt unten aber Glaubwürdigkeit.
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Ismail Ibrahim
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Übersetzt von Schayan Riaz
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“The Arab Sage”, Künstler unbekannt
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ICH HATTE ALS FACT-CHECKER bei einem Magazin angefangen, und meine Eltern hielten mich endlich nicht mehr für einen Versager. Nicht, weil sie das Heft lasen oder bewunderten, sondern weil der Name des Magazins, wenn sie ihn Freunden oder Verwandten nannten, auf ihren Zungen glitzerte. Ich war zwar immer noch kein Arzt oder Ingenieur, aber die Zeitschrift warf ein schmeichelhaftes Licht auf sie: weltoffen genug, um mir zu gestatten, einen unkonventionellen Weg einzuschlagen – und zugleich streng genug, mich in erhabenste Sphären zu treiben.
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Ich selbst ließ den Namen des Magazins auch gern fallen, besonders wenn ich jemandem zum ersten Mal begegnete, aber ich achtete immer darauf, ihn erst dann zu erwähnen, wenn man mich fragte. Fast zwei Jahre lang lief alles glatt. Ich hatte eine Krankenversicherung und verdiente mehr Geld als je zuvor. Im Büro prüfte ich viele der kleineren Texte am Ende des Hefts, was oft bedeutete, während der Arbeitszeit ins Kino zu gehen oder Romane zu lesen.
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Ben Mauk
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Übersetzt von Hanno Hauenstein
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ACT UP, 1990 Gay Pride Parade. Bild: © Tracey Litt
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Ben Mauk: Es ist unmöglich, einen Film wie „United in Anger“ zu sehen, ohne eine Verbindung zwischen der ACT UP-Bewegung und der Palästina-Solidaritätsbewegung herzustellen. Bei ACT UP ging es um eine Bevölkerungsgruppe, die Sie als „verachtete Gruppe von Menschen ohne Rechte” beschreiben, die “sich zusammentaten und unser Land zwangen, sich gegen seinen Willen zu verändern“. Das hat laute Echos für den Kampf gegen die deutsche Haltung gegenüber Palästinenser:innen.
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Sarah Schulman: Ich werde mich nicht zu Deutschland äußern, ich bin da keine Expertin. Was ich sagen kann: Egal ob in der AIDS-Krise oder Palästina: wir können die Zustände nur gemeinsam ändern.
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Schayan Riaz
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Übersetzt von Ron Mieczkowski
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Rhea Seehorn in Pluribus. Foto: Apple TV
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Eine Science-Fiction-Serie ist nur so gut wie ihre Grundidee. Je höher die Schublade, aus der das Konzept kommt, desto besser die Story. Mit Pluribus hat Vince Gilligan (der Macher von Breaking Bad) aus dem Stand einen Klassiker geschaffen: Während die gesamte Weltbevölkerung von einem Glücklichkeits-Virus infiziert wird, entdeckt die gefeierte Romance-Autorin Carol Sturka (gespielt von Rhea Seehorn), dass sie aus unerfindlichen Gründen immun dagegen ist. Das Virus macht alle „glücklich“ – und die Anführungszeichen sind hier absolut notwendig, denn die Serie strapaziert die Bedeutung des Wortes. Wie glücklich kann man eigentlich sein, wenn man nur noch Anweisungen befolgt? „Glücklich” darüber, anderen gute Laune zu bereiten – in diesem Fall Carol.
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Als ihre Stadt von der Epidemie heimgesucht wird, landet unsere Heldin in einer Welt, in der alle um sie herum strahlen, helfen wollen, auf ihre Gesundheit achten, ihr Essen oder sonstige Dinge schicken, die sie brauchen könnte. Niemand kann Nein zu ihr sagen. Auch wenn sie sich eine Handgranate, eine Bazooka oder einen Panzer wünscht — wonach sie auch fragt, sie wird es bekommen
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