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Leyb Goldin
Übersetzt aus dem Jiddischen von Dr. Miriam Chorley-Schulz
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Anmerkung der Übersetzerin:
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Was geschieht mit einem, wenn man verhungert? Mit der Psyche, einzelnen Körperteilen, dem Körpergefühl, dem Gefühl für Zeit? Und was macht eine menschengemachte Hungerkatastrophe mit einer Gesellschaft – eingesperrt und einer Besatzungsmacht komplett ausgeliefert?
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Leyb Goldin, ein sozialistischer jiddischer Schriftsteller, Übersetzer und aktives Mitglied des Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes in Warschau, gibt Einblick in vierundzwanzig Stunden im verhungernden Warschauer Ghetto. Als damals 35-jähriges Mitglied der bundistischen Untergrundpresse verfasste er im Sommer 1941, als das von den Nationalsozialist:innen sorgfältig geplante und bürokratisch ausgeführte Aushungern des Warschauer Ghetto die meisten Opfer forderte, die Kurzgeschichte „Khronik fun a mes-les“ (Chronik eines Tages), deren vollständige deutsche Übersetzung the Diasporist hier zum ersten Mal veröffentlicht. Schätzungsweise 80.000 Juden starben im Warschauer Ghetto an Hunger. Im Sommer 1942 beschleunigten Massendeportationen in das Vernichtungslager Treblinka die Politik der Ausrottung. Leyb Goldin war eines von etwa 250.000 jüdischen Opfern aus dem Warschauer Ghetto, die dort ermordet wurden.
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Das gezielte Aushungern war eine der effektivsten Waffen des Massenmords, die die Nationalsozialist:innen während des Zweiten Weltkriegs einsetzten. Es stand im Zentrum nicht nur von Goldins Erfahrungen, sondern auch von Raphael Lemkins ursprünglicher Völkermord-Definition in Axis Rule in Occupied Europe (1944).
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Dieses Jahr erleben wir gleich vier von sogenannten Mehrfachkrisen und brutalen Bürgerkriegen verursachte Hungersnöte im Sudan und Südsudan, in Mali und Haiti. Aber keine von ihnen ist laut Adam Tooze mit der im abgeriegelten Gazastreifen vergleichbar. Nur hier handelt es sich um das bewusste Ergebnis der totalen Kontrolle und vollständigen Blockade durch eine Besatzungsmacht mit in/direkter Unterstützung durch ihre internationalen Komplizen: Israelische Streitkräfte zerstören systematisch landwirtschaftliche Flächen, vernichten die grundlegende Infrastruktur für sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen, blockieren Lieferungen von Hilfsgütern, verunmöglichen angemessene medizinische Versorgung und verwandeln Lebensmittelverteilungszentren in Todesfallen, während sie die Bevölkerung bombardieren. „Nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte“, so Michael Fakhri, UN-Sonderberichterstatter zum Recht auf Nahrung, „wurde eine Bevölkerung so schnell und so vollständig ausgehungert wie die 2,3 Millionen Palästinenser, die in Gaza leben.“
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Was ist der Nutzen von Literatur im Angesicht dieser Schrecken? Goldin hilft uns, die Gewaltstrukturen zu verstehen, mit denen wir es bei politischen Hungersnöten zu tun haben, um uns gegen sie aufzulehnen, ohne die Dimensionen der Katastrophe für die Opfer sowie deren Widerstand und Überlebenswillen aus dem Auge zu verlieren.
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- Dr. Miriam Chorley-Schulz
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Anders könnte mein Lied erklingen, Wenn ich alles könnte singen… – Y. L. Peretz, Monish
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MÜDE, BLASSE FINGER BEDIENEN irgendwo in Krakau eine Setzmaschine:
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––– Tick-tack-tack, tick-tack-tack-tack-tack: Rom. Der Duce hat erklärt… Tokio. Die Zeitung Asahi Shimbun… Tick-tack-tack-tick-tick-tick-tick-tick: Stockholm… Tick-tick: Washington: Minister Knox hat angekündigt… Tick-tick-tick-tack-tack-tack-tick-tick-tick-tick.
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