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Trauma Erlebnispark

Interview mit Ben Ratskoff

Am 7. Oktober wurde im ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin die Nova-Ausstellung eröffnet. In den folgenden sechs Wochen können Besucher:innen ein immersives Mahnmal betreten, das den 378 Opfern gewidmet ist, die bei den Angriffen der Hamas auf das Nova-Musikfestival am 7. Oktober ermordet wurden. „Die Ereignisse an jenem schwarzen Samstag“, heißt es auf der Website der Ausstellung, „werden als schockierender Kontrast zwischen Licht und Dunkelheit, Gut und Böse dargestellt – der für die ganze Welt von Bedeutung ist.“

Um die Ausstellung – und einige der Fragen, die ihr Gastspiel in Deutschland aufwirft – besser einordnen zu können, spreche ich mit Ben Ratskoff, Assistenzprofessor im Bereich Kritische Theorie und Soziale Gerechtigkeit am Occidental College in Los Angeles und Mitglied des redaktionellen Beirats von the Diasporist. Im September veröffentlichte Ratskoff den Aufsatz „Prosthetic Trauma at the Nova Exhibition: Holocaust Memory, Reenactment, and the Affective Reproduction of Genocidal Nightmares“ im Journal of Genocide Research.

– Julia Bosson, Chefredakteurin
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Julia Bosson: Wenn man darüber nachdenkt, was es bedeutet, dass die Ausstellung nun in Deutschland gastiert, liegt es nahe, sie in einen größeren Trend einzuordnen – nämlich in die Tendenz einer übermäßigen Identifikation mit den Opfern des Nationalsozialismus, die oft aus einem fehlgeleiteten Verantwortungsgefühl oder einer pervertierten Form von Staatsräson entsteht. Wir hören immer wieder Deutsche, die persönliche Schmerzbekundungen über Antisemitismus äußern – selbst dann, wenn es sich bei dem angeblichen Antisemitismus nur um eine friedliche pro-palästinensische Demonstration handelt.

Ben Ratskoff: Wenn Jüdinnen und Juden in den USA die Erfahrung von Opfersein, die die „Nova Exhibition“ vermittelt, für sich selbst übernehmen, dann liegt darin bereits ein Problem – eine Aufhebung der realen Distanz zwischen ihrem eigenen Leben und dem Schicksal derer, die am 7. Oktober tatsächlich betroffen waren. In Deutschland allerdings bekommt diese Aneignung eine tiefere, ethisch sehr heikle Dimension: Hier sind es nichtjüdische Deutsche, also die Erb:innen des Nationalsozialismus und Holocaust, die sich über die Ausstellung in die Rolle jüdischer Opfer hineinversetzen können. Auf diese Weise gelingt es ihnen, die Bürde der historischen Täterverantwortung abzustreifen und stattdessen die moralischen Privilegien von Opfersein für sich zu beanspruchen, ohne je selbst Leid oder Gewalt erfahren zu haben. Indem sie sich symbolisch in die Position jüdischer Opfer begeben, also durch das, was Adam Sutcliffe treffend als „communing with Jewish suffering“ bezeichnet hat, können sie anderen Antisemitismus vorwerfen – und zwar aus einer Position moralischer Unantastbarkeit heraus.

In dieser Konstellation fügt sich die Ausstellung geradezu perfekt in bestimmte gesellschaftliche Diskurse in Deutschland: Für manche Teile der deutschen Öffentlichkeit sind die neuen „Nazis“ eben keine Deutschen, sondern palästinensische Muslime. Trotz all der aufgeregten Debatten über „Holocaustrelativierung“ in Deutschland scheint es völlig akzeptabel, in der Erinnerung an den Nationalsozialismus palästinensische Migranten in den Blick zu nehmen – weil das nahtlos in ein ohnehin weit verbreitetes Klima von Fremdenfeindlichkeit und migrationsfeindlicher Politik passt. Weiße Deutsche können so eine exklusive, nationalistische Identität wiederbeleben, während sie sich gleichzeitig auf die Seite jüdischer Opfer schlagen. Das ist – man kann es nicht anders sagen – ein bemerkenswertes, wenn auch groteskes Manöver. Als ich im Mai 2024 in Berlin war, sah ich ein Plakat für eine Party und Benefizveranstaltung im Club About:Blank, das das Nova-Logo zeigte und folgenden Slogan trug: „We Will Dance Again.“ Wer ist dieses „Wir“ in Deutschland? Es ist eine imaginierte Gemeinschaft, die sich als bedroht durch „antisemitische Barbaren“ inszeniert. Und erstaunlicherweise zählt man das deutsche Publikum zu diesem „Wir“.

Im selben Monat der Benefizveranstaltung wurde am Bebelplatz in Berlin der sogenannte Platz der Hamas-Geiseln errichtet – mit einer Rekonstruktion eines angeblichen „Hamas-Tunnels“, durch den Besucher:inner gehen konnten, um das Leiden israelischer Geiseln „nachzuempfinden“. Natürlich erlebten sie dort nichts, was dem tatsächlichen Leiden dieser Menschen auch nur annähernd gleichkäme – aber sie sollten glauben, es zu tun. Ich hörte, dass insbesondere Schüler:innen jüdischer Schulen zur Besichtigung eingeladen wurden. Was bedeutet es, wenn nichtjüdische Deutsche jüdische Kinder in eine Simulation dessen einladen, was sie selbst als antisemitischen Terror begreifen? Das ist mehr als bloßer Voyeurismus – da schwingt ein beunruhigender Zug von Sadismus mit.
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