“Turner on the Pommel Horse” by Heinrich Hamann, c. 1902. Image courtesy of pdimagearchive.org.

Die verfolgte Unschuld

Eva Menasse

„was das deutsche Feuilleton nie verstehen wird: Es geht in der Debatte um Omri Boehm nicht um Meinungsfreiheit. Es geht nicht darum, ob man die israelische Regierung kritisieren darf (als gäbe es hier eine Leerstelle oder gar Tabu). Es geht um Israelhass pur, antiisraelische Auslöschungsphantasien, die unerträgliche politische Instrumentalisierung des Holocaust, BDS-Unterstützung – und all das bei der Gedenkrede in Buchenwald.“

Das ist ein — sehr typischer Post von Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, zu dessen Verteidigung fast das gesamte Feuilleton dieses Landes eine Woche lang empörungsschäumend auf selbsterrichteten Barrikaden stand. Ja, genau, dasselbe Feuilleton, das Engel im obenstehenden Post derart ins Gebet nimmt, ist gerade in Mannschaftsstärke zu seiner Ehrenrettung angetreten.

Es lohnt sich, Engels Post näher anzuschauen. Härter geht es in der (deutschen) Debatte ja eigentlich nicht: „Israelhass“, „Auslöschungsphantasien“, „unerträgliche Instrumentalisierung des Holocaust“. Die Frage bleibt, worauf sich diese Begriffe eigentlich beziehen. Allen Ernstes auf Omri Boehm, den international hoch angesehenen, israelisch-deutschen Philosophen, der in komplexen Texten große Fragen von Universalismus und Menschenrechten verhandelt?

Da nur Boehms Name in diesem Post genannt wird, rückt Engel ihn bewusst in die Nähe seiner dröhnenden Kampfbegriffe. Schließlich war es Boehm, der zum 80. Jahrestag der Befreiung die Gedenkrede in Buchenwald halten sollte, bis es der israelische Botschafter in Deutschland durch eine skandalöse, aber von kaum jemandem skandalisierte Intervention verhinderte. Rein sprachlich zielen Engels Begriffe also schwammig auf „die Debatte“, und bleiben doch infam an Boehm hängen.

So funktionierte bisher die schwarz-weiße Welt des Philipp Peyman Engel, der jetzt dagegen in Schutz genommen wurde, dass womöglich auch er Opfer von „Geraune im Netz“ werden könnte. Das ist wirklich putzig.

Quasi untergehakt mit dem israelischen Botschafter Ron Prosor, einem Social-Media-Warrior der undiplomatischen Extraklasse, ist Engel einer der lautesten digitalen Radaubrüder eines so eindimensionalen wie folgenreichen Narrativs, in dem die deutschen Feuilletons mehrheitlich seit Jahren festhängen. In diesem Narrativ ist praktisch jeder des Antisemitismus und/oder des Israelhasses verdächtig, und wer das anzweifelt, beweist es genau dadurch selbst.

Engel also: „Es gibt Äußerungen, die sind unverzeihlich“, „bei Menschenhass hört der Dialog auf“ (was „Menschenhass“ im Anlassfall ist, bestimmt selbstredend Engel selbst), „das ZDF trägt dazu bei, dass Judenhass hoffähig wird“ — überall, wohin er seinen grimmigen Röntgenblick richtet, findet er erwartungsgemäß „lupenreinen Antisemitismus“. Oft ist er in vorderster Linie dabei, Politiker — etwa die ehemalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth oder die ehemalige Vizepräsidentin des Bundestags, Aydan Özoguz — zum Rücktritt aufzufordern, und besonders ein Zitat von Engel wird seit Jahren immer wieder geteilt: „Es sind Islamisten, säkulare Muslime und Linksextreme, die uns das Leben zur Hölle machen“. Mit „uns“ sind die in Deutschland lebenden Juden gemeint, für die zu sprechen Engel sich qua Funktion anmaßt.

Philipp Peyman Engel hat die Jüdische Allgemeine, deren Chefredakteur er kurz vor dem 7. Oktober 2023 wurde, zu einer daueranklagenden, selbstgerechten Trompete gemacht, noch mehr, als sie es ohnehin schon war. Auf unverantwortliche Weise befeuert die JA die Ängste ihrer Leser, die sich von mordlustigen Israelfeinden und Antisemiten, seien es linke Künstler, seien es muslimische Nachbarn, geradezu umstellt fühlen müssen.

Vieles entbehrt der sachlichen Grundlage, ist aber so geschickt formuliert wie jener Tweet gegen Omri Boehm. Der erst vor kurzem verstorbene kanadisch-deutsche Soziologe Y. Michal Bodemann, der sich jahrzehntelang mit dem deutsch-jüdischen Verhältnis auseinandergesetzt und dafür den Begriff „Gedächtnistheater“ geprägt hat, widmete sich in seinem letzten veröffentlichten Text auch der von Engel verantworteten Publikation. Denn obwohl ihr Untertitel „Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben“ laute, merkte Bodemann spitz an, dass sie „eher an ein Reisemagazin für Israel-Tourismus erinnert, mit viel Archäologie, israelischer Küche, Militär und Hisbollah, doch kein Wort über Diskriminierung jüdischer und nichtjüdischer Minoritäten in Israel oder Korruption im Umkreis von Netanyahu und der Landnahme gewalttätiger Siedler in den besetzten Gebieten.“

Ein deutliches Urteil. Die Jüdische Allgemeine wird vom Zentralrat der Juden in Deutschland herausgegeben — einer „politischen, keiner moralischen Institution“, wie Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, einmal so treffend wie leider weithin unverstanden sagte. Und dieser Zentralrat, dessen journalistisches Organ die JA ist, war, gelinde gesagt, auch schon einmal liberaler und weniger identitär.

Die JA gibt sich heute nicht einmal mehr den Anschein, das breite deutsch-jüdische Meinungsspektrum abzubilden, das theoretisch von der ganz linken „Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ bis hin zu den „Juden in der AfD“ reicht. Vielleicht müsste auch öfter daran erinnert werden, dass Juden ganz normale Menschen sind, mit allen denkbaren vernünftigen und unvernünftigen Meinungen, Ängsten und Widersprüchen. Jüdische Intellektuelle von internationalem Rang machen einen großen Bogen um die JA und nennen sie „das deutsche Breitbart News“. Politisch verlässliche Nichtjuden hingegen wie etwa Stefan Laurin, Herausgeber des einflussreichen Diffamierungs-Blogs Ruhrbarone (Spezialgebiet: Durchforsten alter BDS-Unterschriftenlisten zur öffentlichen Skandalisierung von „linken“ Künstlern) sind dort gern gesehene Autoren. Das kann die JA natürlich so halten, für andersdenkende, liberal-progressive bis linke Juden gibt es zumindest international andere, intellektuell anspruchsvollere Publikationen. Und zur politischen Information genügt im Grunde, die englischsprachige Ha‘aretz zu lesen, in der etwa zum Gaza-Krieg täglich Dinge stehen, die Engel vermutlich stracks zu „Israelhass pur“ erklären würde, zumal er selbst ganz pauschal alle Menschen in Gaza als Angehörige der Hamas, also als Terroristen betrachtet.

Zum Problem wird die Blattlinie der Jüdischen Allgemeinen, weil ein Großteil der nicht-jüdischen deutschen Feuilletonjournalisten (die Auslandskorrespondenten und Kriegsberichterstatter vor Ort seien hier ausdrücklich ausgenommen) andere jüdischen Meinungen und Publikationen jenseits der JA weder kennt noch liest — und die Überzeugungen des Zentralrats und seiner Jüdischen Allgemeinen für „die jüdische Position“ hält, so in Stein gemeißelt und koscher gestempelt wie die Gesetze, mit denen Moses den Berg herabschritt. Und weil dadurch deren ziemlich extreme Blattlinie schleichend zur moralischen Richtschnur des deutschen Feuilletons geworden ist.
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