|
|
|
|
|
|
|
|
Collage: Antideutsche Sticker
|
|
|
|
|
|
ENDE AUGUST 2019 BLIEB ICH in Leipzig vor einer blauen Mülltonne stehen. Genauer gesagt wegen eines Aufklebers auf der Tonne. Ich schaute über meine Schulter, holte mein Handy heraus, machte ein Foto, zog den Aufkleber ab und warf ihn in dieselbe Mülltonne, bevor ich weiterging. Der Aufkleber mit seiner ebenso bedrohlichen wie seltsamen Aufschrift war eine deutliche Erinnerung daran, wie die Menschen in meiner Wahlheimat zu dem Land stehen, in dem ich aufgewachsen bin: „Euch wird der Mossad holen“, stand dort neben dem Logo des israelischen Geheimdienstes. „Gegen jeden Antisemitismus“, hieß es weiter, und: „Am Yisrael Chai!“ – eine Transliteration des hebräischen Ausdrucks für „das Volk Israel lebt“ – traditionell bedeutet er so viel wie „lang lebe das jüdische Volk,“ heute ein Schlagwort israelischer Nationalist:innen.
|
|
|
|
|
|
„Euch wird der Mossad holen. Gegen jeden Antisemitismus. Am Yisrael Chai!” Das Logo des Mossad, des israelischen Geheimdienstes.
|
|
Einige Monate zuvor war ich nach sechs Jahren in Tel Aviv zum zweiten Mal nach Deutschland ausgewandert und wurde in einen kleinen Leipziger Gruppenchat linker Israelis aufgenommen. Ich schickte das Foto, das ich gerade gemacht hatte, in die Gruppe und schrieb so etwas wie: „Die Leute hier schieben harte Filme.“ Meine neuen Freunde waren verwirrt. Wer spricht in Deutschland Drohungen im Namen des israelischen Geheimdienstes aus? Ein Freund fragte sich, ob der Aufkleber von deutschen Juden stamme, die in einem feindseligen Umfeld Kraft aus dem „jüdischen Staat“ schöpfen – oder vielleicht von Neonazis, die den Deutschen Angst vor intriganten Juden einjagen wollten.
|
Obwohl man anhand eines Aufklebers selten Gewissheit haben kann, kann man davon ausgehen, dass er einen ganz anderen Ursprung hatte: Mit ziemlicher Sicherheit haben ihn deutsche Jugendliche ohne jüdischen Hintergrund angebracht, er war als Drohung gegen die Nazis gedacht, nicht als Propaganda für ihre Sache. Er weist alle Merkmale des deutschen sektiererischen Philosemitismus aus dem linken Lager auf – auch als Antideutsch bezeichnet.
|
Antideutsch nannte sich eine Strömung der radikalen Linken in Deutschland in den 1990er-Jahren, die sich im Zuge des Krieges gegen den Terror Anfang der 2000er-Jahre zu einer politischen Formation entwickelte, die außerhalb Mitteleuropas fast unvorstellbar ist: Antikapitalistische revolutionäre Linke, die sich aber für den Staat Israel einsetzen und amerikanische Interventionen im Nahen Osten bejubeln. In den letzten Jahren, da sich immer weniger deutsche Linke aktiv als antideutsch bezeichnen, verwenden Gegner dieser Strömung den Begriff weiterhin für alle, die sich zwar irgendwie links geben, aber lautstark den Staat Israel verteidigen – manchmal sogar für deutsche Unterstützer Israels im Allgemeinen. (Verblüffenderweise bevorzugen die Antideutschen heute die Selbstbezeichnung „ideologiekritisch“, was gegen jede Evidenz suggeriert, dass sie alle vorgefundenen Glaubenssysteme besser hinterfragen als alle anderen.)
|
Aus dieser Bewegung stammte höchstwahrscheinlich der vom Mossad inspirierte Aufkleber, den ich 2019 entdeckte, der israelische Symbole nicht verwendet, um sich substanziell mit Israel-Palästina auseinanderzusetzen, sondern um innerdeutsche politische Kämpfe auszutragen. Der bedrohliche, bombastische und doch etwas skurrile Stil des Aufklebers veranschaulicht die seltsame Ästhetik der schwindenden antideutschen Jugendszene der letzten Jahre, die ihre „Rebellion“ lange nach Merkels Erklärung, „die Sicherheit Israels“ gehöre zur „deutschen Staatsräson“, fortgesetzt hat.
|
|
Trotz aller kognitiven Dissonanzen im Zeitalter der Staatsräson ist dies ein wiederkehrendes Thema in den vielen Aufklebern, die mir im Laufe der Jahre zuerst in der Hochburg der Antideutschen Leipzig und dann in Berlin begegnet sind. In vielen dieser Aufkleber werden Figuren, die Gewalt und Macht repräsentieren, real oder imaginär, oft militärisch und meist männlich, immer aus dem Ausland (vor allem aus Israel) stammend, verwendet, um Antisemiten (oder auch „Antisemiten“) zu bedrohen und eine gewaltsame Opposition gegen den deutschen Status quo und das Nachleben des Nationalsozialismus zu imaginieren:
|
|
|
|
„Halt dein scheiß Antisemitenmaul, du Elendsgestalt, sonst park’ ich ‘nen Merkava in deiner räudigen Ottofresse!“ Der Merkava (wortwörtlich: Streitwagen) ist der Hauptkampfpanzer der israelischen Armee.
|
|
|
|
|
|
Spenden Sie, um unsere Arbeit zu unterstützen.
|
|
|
|
|
|
Folgen Sie uns in den sozialen Medien, um über unsere Pläne auf dem Laufenden zu bleiben.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|