Helden und Schurken

© Warner. Bros Germany
Es gibt einen Tweet von vor zehn Jahren, an den ich oft denken muss: „Ist (Popstar) eine Feministin? Ist MasterCard ein Verbündeter der Queer-Community? Ist diese Fernsehsendung mein Freund?“ Der Tweet spricht eine Wahrheit über Kulturkritik und Medienkonsum im Allgemeinen aus: Das Hinterfragen der politischen Dimension von Dingen hat oft Vorrang vor dem eigentlichen Inhalt. Der Witz liegt in der Absurdität der Frage. Ist Jurassic World: Die Wiedergeburt impfkritisch? Ist The Fantastic Four: First Steps gegen Abtreibung? Und dann gibt es noch eine echte Frage, die seit der Veröffentlichung des neuesten Reboots in den sozialen Medien und anderswo kursiert: Ist der neue Superman pro-palästinensisch?

Nein, natürlich ist James Gunns Superman, in dem der Titelheld einen geopolitischen Konflikt verhindert und zur Zielscheibe eines Tech-Milliardärs wird, an sich kein pro-palästinensischer Film. Aber es können mehrere Dinge gleichzeitig wahr sein. Im wirklichen Leben kümmern sich politische Akteur:innen nicht mehr um ihre Wähler:innen, die Medien erfüllen ihren Auftrag auch nicht mehr so richtig und überall haben Bösewichte das Sagen. Zuschauer interpretieren Geschichten also gerne neu um, damit sie etwas Trost finden in einer Zeit, in der dringend Maßnahmen erforderlich sind, um das Leiden von Millionen unschuldiger Menschen zu beenden.

Während Gaza von Israel systematisch ausgehungert wird, wäre es nicht ganz abwegig anzunehmen, dass Superman, in dem ein fiktiver Staat von einem viel stärkeren fiktiven Staat angegriffen wird, reale Ereignisse kommentiert. Das hat jedoch mehr mit Wunschdenken seitens der Zuschauer:innen zu tun als damit, dass Hollywood plötzlich ein Gewissen entwickelt hätte. Ja, oberflächlich betrachtet handelt Superman von Antiimperialismus und ethnischer Säuberung, aber der Film ist nicht mit Absicht gegen Israel. Genauso wenig wie er gegen Russland ist oder von einem Regimewechsel in Afghanistan oder Syrien handelt. Dass israelische Unterstützer trotzdem zu einem Boykott aufrufen, obwohl Israel im Film kein einziges Mal erwähnt wird, bestätigt nur die Interpretation, die sie eigentlich diskreditieren wollen. Das spricht Bände.

Es gibt auch einen neuen Marvel-Film, The Fantastic Four: First Steps, in dem eine kosmische Gestalt ungestraft ganze Planeten verschlingt und als nächstes die Erde im Visier hat. Nebenbei geht es darum, ein Kind zu töten, um die gesamte Menschheit zu retten. Angesichts der aktuellen Weltlage wäre es nicht völlig abwegig, Vergleiche zu einem bestimmten Land zu ziehen, das im Laufe der Jahre fast alle seine Nachbarn bombardiert und dabei Tausende von Menschen getötet hat. Aber unabhängig davon, ob die Filmemacher etwas zu aktuellen Ereignissen sagen wollten oder nicht: Wir sollten unseren Fokus vielleicht auf Strategien zur Bekämpfung realer Bösewichte richten, anstatt von Superhelden(filmen) zu verlangen, dass sie das Unaussprechliche für uns aussprechen.
© Fadi Al-Hawari bei Instagram (@imhawari)
Diese Woche präsentieren wir neben einer Seifenblase von Mitch Speed ein paar Geschichten aus unserem Archiv über Helden, Schurken und Figuren dazwischen.

Schayan Riaz
Redaktionsleiter

Die große Täuschung

Mitch Speed

Wenn Kulturorte in Berlin keine Inhalte zulassen würde, die sich mit Gaza befassen, würde sie stattdessen ein Bild des Mannes zeigen, der in den Augen vieler Menschen wesentlich verantwortlich ist für die Taktik, solche Inhalte in deutschen Institutionen zu verbieten.

Von Auschwitz zu Wolkenkratzern

Guli Dolev-Hashiloni

„Diese Gruppe polnischer Holocaust-Überlebender hatte durch zwielichtige Geschäfte ein enormes Vermögen angehäuft, manche deutsche Journalist:innen bezeichneten sie als Mafia. Das tatsächliche Ausmaß der illegalen Aktivitäten der Ganoven entzieht sich meiner Kenntnis, ihren Einfluss aber kann ich bezeugen: Schwer fassbar und doch allgegenwärtig, stecken die paar Dutzend Ganoven hinter fast jedem wichtigen jüdischen Moment in der Geschichte der Bundesrepublik.

Vater und Sohn

Mitch Speed

Es mag abgeschmackt klingen, dass der österreichisch-jüdische Dichter Erich Fried (1921 – 1988) mit dem Neonazi Michael Kühnen befreundet war. Und doch erinnert ihre Korrespondenz in Friendly Fire, einem neuen Dokumentarfilm von Frieds Sohn Klaus, an das, was man klassisch als Brieffreundschaft bezeichnet. Demzufolge stellt der Film ein paar unbequeme Fragen: Wann wird politische Überzeugung zu Naivität? Und kann ein großer Dichter zu selbstüberzeugt von sich und seiner eigenen Macht sein?
Spenden Sie, um unsere Arbeit zu unterstützen.

Spenden

Folgen Sie uns in den sozialen Medien,
um über unsere Pläne auf dem Laufenden zu bleiben.

Instagram X (Twitter)

Diaspora Alliance Inc,
77 Sands St, Brooklyn, NY 11201 US
Copyright ©2024, All Rights Reserved