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Gültige Dinge auf einer halben Seite
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Photo: © Los Angeles County Museum of Art
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Im Jahre 1919 wird Joseph Roth Zeuge einer Wiener Straßenszene: „Ich habe Kinder gesehen, die Seifenblasen aufsteigen ließen“, schreibt er. „Nicht im Jahre neunzehnhundertunddreizehn, sondern gestern. … Ein Fläschchen voll Seifenschaum, ein Strohhalm, zwei Kinder und eine stille Gasse im Sonnenglanze eines Sommervormittags. Die Seifenblasen waren große, wunderschöne, regenbogenfarbige Kugeln und schwammen leicht und sanft durch die blaue Luft.“ Auf die Seifenblase, eines seiner liebsten Bilder, griff Roth häufig zurück, wenn es ihm darum ging, eine Beschreibung für seine Schreiben zu finden. Seifenblasen waren für ihn etwas unbedingt Authentisches, eine Art des Weltumgangs jenseits politisierter Moral oder eines abstrakten Intellektualismus, sie standen für die Schönheit des Spezifischen. „Ein Wahlredner darf ungestraft drei Stunden Unsinn und Zusammenhangloses in schlechter Sprache reden“, schrieb er einige Jahre später in Berlin. „Ein Feuilletonist, der über zehn Zeilen Seifenblasen sitzt, ist ein Luder.“
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Ganz in diesem Sinne sind auch die Seifenblasen, denen the Diasporist in diesem Frühling den Auftakt gegeben hat, auf Kürze angelegt: In ihnen schreiben Diasporist-Redakteur:innen und -Autor:innen in knappster Form über Filme, Bücher, Ausstellungen und Perfomances. Sie sind manchmal von brennender Aktualität, oft impressionistisch, manchmal frivol, doch immer leicht. Nichts, was über, wie Roth sagt, „gültige Dinge“ auf einer „halben Seite einer Zeitung“ hinausgehen würde.
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Hier sind unsere neuesten Seifenblasen. In den nächsten Wochen werden wir einige mehr von ihnen aufsteigen lassen.
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Fabian Wolff
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„Er erzählt Dicks Geschichte als die eines ganzen Mannes, der sich mit, aber nicht in Amerika unwohl fühlt. Er hat Ehen, Affären und Kinder, und er schreibt viel: gute Sätze und schlechte voller scharfsichtiger Ideen und Metaphern. Dann wird er im Frühling ‘74 von Prophetie befallen und ringt bis zu seinem Tod mit Visionen – oder kleinen Schlaganfällen durch Amphetaminkonsum.“
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Julia Bosson
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„Wenn ich die Arbeit an diesem Text unterbreche und zu meinem Telefon greife, was ich schon ein gutes Dutzend Mal getan habe, sowohl absichtsvoll und nicht nur, gebe ich ein Stück meiner Privatsphäre auf – nicht nur die Informationen, die mein Telefon über mich sammelt, seien es die Sekunden, die mein Finger über einem Katzenvideo auf Instagram schwebt oder welche Nachrichtenmedien ich am liebsten besuche, sondern: die Privatsphäre der Einsamkeit. Ein gefavter Post, eine gelesene Nachricht ein „Zuletzt gesehen“-Status erfordern eine Aufmerksamkeit, eine Form der Öffentlichkeit, die dem Zustand des Vergessens im Wege steht.“
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Ron Mieczkowski
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„Der Roman schenkt uns eine Auftaktszene, die man nie wieder vergisst – sie schöpft aus den psychologischen Untiefen der Kindheit, des Begehrens und der verdrängten Begierden: Der junge Noboru, der ohne Vater aufwächst, hat es sich zur Gewohnheit gemacht, seine Mutter abends durch ein Guckloch in dem Wandschrank zwischen ihren Zimmern zu beobachten. Als sie einen neuen Freund, einen Seefahrer, mit nach Hause bringt, wird der Junge Zeuge derselben Szene, die auch uns Lesern nie wieder aus dem Sinn geht. Im Schein des Abendlichts entkleiden sich die beiden Erwachsenen, stehen nackt voreinander, als „plötzlich…das tiefe Dröhnen eines Schiffshorns durch das offene Fenster“ dringt, der Seemann sich mit einem Ruck“ zum Fenster dreht und aufs Meer hinausblickt.“
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Julia Bosson
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„Eine Menge geschieht in der Zeit, die es braucht, einen Roman dieser Länge zu lesen. Regierungen werden gebildet und wieder aufgelöst, Pläne werden gemacht, ausgeführt und wieder vergessen, Enttäuschungen entstehen, erledigen sich von selbst, und entstehen wieder. Menschen haben ihr Leben verloren, und die Zeit ging weiter ihren Gang. Ich hatte gehofft, dass dieser Roman mich verändern würde, aber stattdessen hat sich alles um mich herum verändert. Ein nur schwacher Trost.“
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