Eine neue Plattform

Szene aus The Encampments
Martin Scorsese, der Lieblingsregisseur von jedermann (und jetzt auch Star der TikTok-Videos seiner Tochter Francesca), geht nicht mehr ins Kino. Wie der Guardian berichtet, sagte der legendäre Regisseur dem Filmkritiker Peter Travers kürzlich, er sei „entsetzt über das Verhalten seiner Mitmenschen im Kino“. Das sind Menschen, die sich unterhalten, ständig mit ihren Handys spielen und während des Films aufstehen, um sich Snacks zu holen. Und das sind nur einige der Gründe, warum Scorsese sich nicht mehr ins Kino locken lässt.

Ich bin etwas gespalten über diese Nachricht. Einerseits liebe ich es, ins Kino zu gehen. Ich glaube nicht, dass ich jemals ganz darauf verzichten könnte. Gleichzeitig verstehe ich, wie sich der große Mann fühlt. Schlechtes Benehmen im Kino geht gar nicht. Als Journalist habe ich das Glück, zu Pressevorführungen eingeladen zu werden, bei denen sich die meisten meiner Kolleg:innen gut benehmen. Gelegentlich bekomme ich auch Online-Screener zugeschickt, was mir das Leben weiter erleichtert.

Ich weiß, es gibt wichtigere Probleme. Aber ist es wirklich so schwer, drei Stunden lang mal nicht die Instagram-Story des Crushs zu checken, während Tom Cruise buchstäblich sein Leben riskiert, um den Bösewicht zu stoppen und uns ein einzigartiges Erlebnis zu bieten? Falls du hier mitliest, Marty, sei dir bitte bewusst, dass ich auf deiner Seite stehe. Da du in nächster Zeit nicht ins Kino gehen wirst, habe ich einen Tipp für dich.

Heutzutage gibt es bekanntlich viel zu viele Streaming-Plattformen, aber diese neueste ist unsere Aufmerksamkeit wert: Watermelon+. Die Plattform wurde letzten Monat von der palästinensischen Produktionsfirma und dem Vertriebslabel Watermelon Pictures ins Leben gerufen. Es ist bislang die größte Sammlung palästinensischer Filme, die jemals online zusammengestellt wurde. Watermelon+ wird als „kulturelles Archiv, filmische Rebellion und Startrampe für die Zukunft“ beworben. Zum Angebot gehören Michael T Workmans und Kei Pritskers viel diskutierter Dokumentarfilm „The Encampments” über die Proteste an der Columbia University (mit Mahmoud Khalil als einem der Protagonisten) sowie „From Ground Zero”, eine Anthologie mit Kurzfilmen von 22 Filmemachern aus Gaza. Es gibt auch Klassiker (wie etwa von Elia Suleiman oder Annemarie Jacir) aber auch neuere Filme wie Farah Nabulsi's „The Teacher“.

Die Plattform konzentriert sich zwar auf palästinensisches Kino, soll aber bald um Geschichten aus anderen Ländern wie dem Sudan (mit dem Dokumentarfilm „Sudan, Remember Us“) und Pakistan (mit dem Animationsfilm „The Glassworker“) erweitert werden. Ich bin gespannt, wohin diese Reise führt und wie sich „Watermelon+“ mit seinem Katalog marginalisierter und unterrepräsentierter Geschichten aus aller Welt in der aktuell überfüllten Streaming-Landschaft behaupten wird.

Schayan Riaz
Redaktionsleiter, the Diasporist

Launch Party für the Diasporist

Wir feiern endlich unsere Launch-Party. Diese findet am 3. Juli im bUm in Berlin statt. Kommt und feiert mit uns!

Der Abend findet in Form einer Late-Night-Talkshow statt, moderiert von Emily Dische-Becker. Emilys Gäste werden unter anderem Achan Malonda, Alena Jabarine, Basma al-Sharif und Ben Miller sein. Sie diskutieren gemeinsam über die berühmt-berüchtigte negative Gastfreundschaft in Deutschland, über den scheinbaren Triumph autoritärer Kräfte in diesem Land, aber auch über Strategien, die dagegen halten sollen, über trotzige Freunde und Hoffnung.

Tickets sind ab sofort erhältlich und können hier erworben werden. Da es sich vorrangig um eine Spendenveranstaltung für the Diasporist handelt, empfehlen wir einen Mindestbetrag von 10 EUR.

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Julia Bosson

In seinem Buch The Right to Oblivion hält Lowry Pressly eine verblüffend geistreiche Verteidigungsrede für die Privatsphäre und ihre Bedeutung außerhalb eines rechtlich abgesteckten Rahmens. Privatsphäre schützt (und erzeugt) das, was Pressly den Zustand des „Vergessens“ nennt, oder „eine Form des Unwissens, die dem Ausdruck und der Entdeckung prinzipiell widersteht“. Mit anderen Worten, die unaussprechliche, widersprüchliche Vielheit, die jeder:m Einzelner:m von uns in sich birgt.

Wenn ich die Arbeit an diesem Text unterbreche und zu meinem Telefon greife, was ich schon ein gutes Dutzend Mal getan habe, sowohl absichtsvoll und nicht nur, gebe ich ein Stück meiner Privatsphäre auf – nicht nur die Informationen, die mein Telefon über mich sammelt, seien es die Sekunden, die mein Finger über einem Katzenvideo auf Instagram schwebt oder welche Nachrichtenmedien ich am liebsten besuche, sondern: die Privatsphäre der Einsamkeit. Ein gefavter Post, eine gelesene Nachricht ein „Zuletzt gesehen“-Status erfordern eine Aufmerksamkeit, eine Form der Öffentlichkeit, die dem Zustand des Vergessens im Wege steht.
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