The French Dispatch

Gerade war ich ein paar Wochen in Frankreich und konnte vorübergehend die Probleme des einen Ortes gegen die eines anderen tauschen (zumindest fahren in Frankreich die Züge pünktlich).

Eines Nachmittags bin ich an einem Pariser Kiosk am Canal St. Martin vorbeigelaufen, wo mir ein großes Plakat von Jean-Luc Mélenchon ins Auge fiel, dem Vorsitzenden der linken Partei Le France Insoumise (LFI).

Neben seinem Gesicht waren drei Häkchen zu sehen, mit den Worten „Islamismus“, „Antisemitismus“ und „Rassismus“. Darunter stand: „LFI: die Partei der Ausländer“.
Das Plakat warb für eine Ausgabe von Frontières, einer rechtsextremen Zeitschrift („die Zeitschrift, die sie verbieten wollen“, so die Eigenwerbung). Das weite Spektrum dieser Vorwürfe gegen Mélenchon zeigt deutlich, wie seltsam der politische Diskurs in Frankreich in den letzten Jahren geworden ist und wie die Rechte Antisemitismus zunehmend in ihren Attacken gegen die Linke und für eine antimuslimische und antimigrantische Stimmungsmache instrumentalisiert.

Letzten Monat veröffentlichte the Diasporist eine Reihe von Artikeln zu einem Antisemitismus-Skandal in Frankreich, in den LFI und Cyril Hanouna verwickelt waren. Hanouna, ein rechtsextremer Fernsehmoderator tunesisch-jüdischer Abstammung, ist für seine homophobe Rhetorik und Hetze gegen Migranten bekannt. Im März benutzte LFI ein Bild von Hanouna für eines ihrer Plakate, die zu einer antifaschistischen Demonstration aufriefen. Dieses KI-generierte Bild (erstellt mit Grok, der KI-Software von Elon Musk) wurde von vielen als antisemitisch empfunden und führte zu einem öffentlichen Rückzieher von LFI.

In „About a Poster“ bietet Tsedek!, ein dekoloniales jüdisches Kollektiv, eine Strategie an, wie man echtem und vermeintlichem Antisemitismus entgegentreten kann, ohne der extremen Rechten das Feld zu überlassen. In „Reclaiming Resistance“ von der Schriftstellerin und Aktivistin Olga Rozenblum und „Through a Mirror, Darkly“ von den Autorinnen und Wissenschaftlerinnen Marianne Dautrey und Aurelia Kalisky wird der Kontext des Plakatskandals beleuchtet und die Analyse von Tsedek! erweitert und hinterfragt (beide Texte auf Englisch). Diese Woche stellen wir diese drei Texte erneut vor, in der Hoffnung, dass sie als Werkzeug im Kampf gegen die Taktiken der extremen Rechten und als hilfreiche Mittel für eine Debatte dienen können.

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Julia Bosson, Chefredakteurin

Die Plakat Affäre

Tsedek!

"Die antisemitischen Produktionen der 1930er- und 1940er-Jahre unterstützten die Verfolgungspolitik gegen Jüd:innen, die als fremd und als Feinde von innen dargestellt wurden. Tatsächlich trägt diese Gleichstellung zu einer besonders verabscheuungswürdigen Relativierung des Nationalsozialismus bei. Denn — und das ist so offensichtlich, dass wir eigentlich nicht daran erinnern müssen — Darstellungen wie „Der ewige Jude führten nicht zu einem antifaschistischen Marsch, sondern es folgte die Vernichtung der Juden Europas. Antisemitismus ist eben nicht nur eine Frage von Bleistiftstrichen, sondern in erster Linie das Ergebnis konkreter Politik und von Diskursen sowie der Auswirkungen dieser Diskurse auf das gesellschaftliche Gefüge."

Reclaiming Resistance

Olga Sara Rozenblum

​​"The Hanouna visual is an opportunity to rethink the necessary work of questioning our own tools of resistance, in the face of the pitfalls sown by fascism. When LFI — or anyone — relies on the algorithm of a fascist-racist world, Hanouna will always come out more Jewish than fascist: his Jewishness (or any other racialization) will cover his fascism."

Through a Mirror, Darkly

Marianne Dautrey and Aurélia Kalisky

"While the photo of Hanouna reworked by AI may not be antisemitic in intent — as evidenced by the fact that LFI had planned other visuals based on the same model, depicting, for example, Pascal Praud, another far-right radio and TV host who is just as virulent as Hanouna, but not Jewish — the process of delivering the faces of celebrities to public vindictiveness is indeed the language of fascism."
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