|
|
|
|
|
|
|
|
|
Meret Weber
|
|
VOR SECHS JAHREN brachte eine revolutionäre Bewegung im Sudan das 30-jährige Regime von Omar al-Bashir zum Fall. Verschiedenste Kräfte beteiligten sich dabei, stritten und entschieden in den Monaten danach, wie der ‚neue Sudan‘ regiert werden sollte – Gewerkschaften, revolutionäre Nachbarschaftskommittees, auch das Militär, das zum Fall al-Bashirs beigetragen hatte. Zwei Jahre später vollzog genau dieses Militär einen Coup gegen die neu entstandene Übergangsregierung, gemeinsam mit den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF). Wieder zwei Jahre später traten diese zwei Kräfte – die Armee auf der einen Seite, die RSF auf der anderen – in einen Krieg gegeneinander. Über Nacht wurde Khartum zum zentralen Kriegsschauplatz – seitdem weiteten sich die Kämpfe fast im ganzen Land aus.
|
Dieser Krieg dauert inzwischen seit mehr als zwei Jahren an, und die Menschen im Sudan befinden sich in der größten Flucht-, Gesundheits-, und Hungerkrise weltweit. Mehr als 12,5 Millionen Menschen wurden vertrieben, mehr als 25 Millionen sind akut von Hunger bedroht. Angriffe gegen Zivilist:innen, auf Geflüchtetenlager, Krankenhäuser und Schulen sind zahlreich, ebenso Fälle von sexualisierter Gewalt als Kriegswaffe – das genaue Ausmaß ist jedoch schwer zu erfassen, weil fast keine Hilfsorganisationen oder internationale Beobachtungsmissionen mehr im Land sind.
|
In den letzten Jahren ist sichtbar geworden, wie viel im internationalen Umgang mit politischen Ereignissen in Afrika falsch läuft. Nicht nur deutschsprachige Medienhäuser bleiben bei vereinzelter und oberflächlicher Berichterstattung stecken, auch politische und aktivistische Kreise tun sich schwer, diesen Krieg zu verorten. Zu oft spielt der Sudan in diesen Diskursen nur eine Nebenrolle, oder wird als Token benutzt, um politische Bewegungen gegeneinander auszuspielen. Wie also weiter, wie hin zu einer besseren, solidarischen Auseinandersetzung mit dem Sudan?
|
Wer vergisst hier?
Nach so gut wie allen Maßstäben spielt sich im Sudan die gegenwärtig größte Krise der Welt ab. Und auch wenn der Krieg das Land im deutschsprachigen Raum in die Nachrichten gebracht hat, scheint das Framing gesetzt – es geht um Hunger, ‚Stammeskonflikte‘ oder ‚Bruderkrieg‘. Die Krise ist Schicksal. Eine Darstellung Afrikas, die neben zahlreichen Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen auch der kenianische Autor Binyavanga Wainaina schon vor zwanzig Jahren kritisierte: Menschen und Ereignisse auf dem Kontinent stehen in purer Opferposition da, entpolitisiert, ohne Handlungsmöglichkeit, kontextlos, geschichtslos.
|
In der Süddeutschen Zeitung heißt ein Text über den Sudan „Hungerland“, das Titelbild zeigt ein mageres Kind, das ernst und traurig mit großen braunen Augen in die Kamera schaut. In der Tagesschau beginnt der Bericht zum Krieg mit einem Satz, der scheinbar jeden Punkt in Wainainas satirischem How to Write About Africa zu bestätigen versucht: „Der Wind […] wirbelt Wüstensand hoch, […] ein winziges Baby blinzelt in das grelle Sonnenlicht“.
|
Nur – wer vergisst hier eigentlich? Was wir wissen, was wir lesen und hören, daraus entscheidet sich doch, wer oder was vergessen wird. Es hat also einen bitteren Beigeschmack, wenn genau die Medienhäuser, die einen konkreten Einfluss darauf haben, was erinnert und was vergessen wird, das Vergessen als Aufhänger für ihre eigene mangelnde Berichterstattung wählen.
|
|
Statt dem Vergessen hätten sie auch die Wahl, zu erklären, inwiefern der Krieg eine konterrevolutionäre Entwicklung ist, die sich in erster Linie gegen eine sudanesische Öffentlichkeit richtet, die monatelang nicht nur gegen al-Bashir, sondern auch gegen weitere militärische Beteiligung im „neuen“ Sudan protestierte. Oder die Menschen zu portraitieren, die trotz allem seit Jahren weitermachen: sogenannte Emergency Response Rooms, gewachsen aus den Nachbarschaftskommittees der Revolution, die seit dem Krieg all die Arbeit leisten, die die Kriegsparteien und internationale Organisationen nicht tun. Sie rationieren Lebensmittelspenden, organisieren Unterkünfte, bauen verlassene Gebäude, um in improvisierte Krankenhäuser, Notfallkantinen, Lernorte. Die Geschichte über eine unter Kriegsbedingungen sich selbst organisierende Gesellschaft bleibt in deutschsprachigen Medien unerzählt.
|
|
|
|
|
|
|
|
Spenden Sie, um unsere Arbeit zu unterstützen.
|
|
|
|
|
|
Möchten Sie mehr erfahren? Folgen Sie uns in den sozialen Medien, um über unsere Pläne auf dem Laufenden zu bleiben.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|