Rotes Licht

Foto: Bahnhofsviertel, 2006. (Flickr)
Man braucht nur ein einziges Mal in Frankfurt gewesen zu sein, schon kennt man es: das Bahnhofsviertel, den Rotlichtbezirk rund um den Hauptbahnhof. Ominöser als das Viertel selbst ist nur die Geschichte der jüdischen Holocaustüberlebenden, die es zu dem gemacht haben, was es heute ist. In seinem Artikel »Von Auschwitz zu Wolkenkratzern« erzählt der Autor und Historiker Guli Dolev-Hashiloni die Kriminalgeschichte einer Gruppe von Ganefs (jidd. für »Ganoven« oder »Gauner«) und erklärt die Rolle, die sie im Nachkriegsdeutschland spielten.

Auch neu auf unserer Website: Yael Attia, Emily Dische-Becker, Daniel Loick, Anthony Obst und Vanessa E. Thompson plädieren in ihrer Analyse der deutschen Strategien im Umgang mit Antisemitismus für einen »nicht-karzeralen Anti-Antisemitismus«, sie schöpfen dabei gleichermaßen aus feministischer Theorie sowie den Carceral Studies.

Alexander Schnickmann schickt uns seinen zweiten Berlin Dispatch und geht der Frage nach, wo in der Großstadt eigentlich Stille zu finden ist.

Und: In unserem Newsletter starten wir unsere neue Rubrik Seifenblasen: Kurzkritiken von Filmen, Büchern Ausstellungen oder anderen Kulturerlebnissen von unserer Redaktion und unseren Autor:innen. Den ersten Aufschlag macht Ron Mieczkowski, Contribuiting Editor, mit einer Empfehlung (mit Einschränkung!) zum eben erst oscarprämierten The Brutalist.

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Julia Bosson
Editor-in-Chief, the Diasporist

Von Auschwitz zu Wolkenkratzern

Guli Dolev-Hashiloni

»Die Deutschen tolerierten durch Jüd:innen begangene Verbrechen, da sie bei Menschen mit tätowierten Nummern auf dem Arm ein Auge zudrückten. Ebenso zogen die US-Amerikaner die ehemaligen Opfer den ehemaligen Täter:innen vor und wurden so zu den Hauptgästen der jüdischen Bars. Doch man fand nicht bloß US-Amerikaner in den mehr als fünfzig jüdischen Peepshow-Clubs in Frankfurt und Umgebung. Meinen Gesprächspartner:innen zufolge frequentierte sie auch der Philosoph der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno. Israelische Journalisten hielten in ihren Berichten fest, wie beschämend es sei, dass die Mehrzahl der schäbigsten Frankfurter Lokale – wie die Clubs genannt wurden – sich in jüdischem Besitz befanden. Dem damaligen zionistischen Narrativ zufolge lag die größte Schande dieser KZ-Überlebenden allerdings nicht in ihrem kriminellen Lebensstil, sondern in ihrer Entscheidung, überhaupt weiterhin in Deutschland zu leben.«

Für einen nicht-karzeralen Anti-Antisemitismus

Warum repressive Maßnahmen im Kampf gegen Antisemitismus versagen – und welche Strategien besser funktionieren

»Karzerale Perspektiven gehen häufig mit einer Deartikulation des Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft einher. Wenn Kriminalisierung das wichtigste Mittel zur Bekämpfung des Problems ist, wird Antisemitismus als außerhalb der Normen einer Gesellschaft liegend konstruiert. Er wird damit von breiteren gesellschaftlichen Strukturen abgekoppelt und kann vorgeblich durch Isolation oder Ausgrenzung überwunden werden. Damit wird die (christliche, weiße) Mehrheitsgesellschaft entlastet, die sich zum Schiedsrichter eines Antisemitismus macht, der häufig durch rhetorische Konstruktionen wie die des »importierten Antisemitismus« externalisiert wird. Infolgedessen müssen palästinensische Demonstrant:innen mit harten Konsequenzen rechnen, während etwa der Antisemitismus von Elon Musk oder die antisemitischen Pamphlete, die von Bayerns stellvertretendem Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger stammen, folgenlos bleiben.«

Berlin Dispatch: Stille

Alexander Schnickmann

»Plötzlich kommt mir das alles sehr ältlich vor. Ist es ein boomer take, dass es Berlin an Stille fehlt? Bin ich der wütende Rentner im Ruheabteil, bin ich das Arschloch, weil ich manchmal niemanden hören will? Vielleicht, aber für den Moment ist mir das egal. Es stimmt, Stille hat zuweilen einen schlechten Ruf. Es gibt diese autoritäre Einsamkeit. Der Wunsch nach Stille wird zu einem Argument gegen Kinder, gegen Freude, gegen alles, was nicht Arbeit ist.«

The Brutalist (Reg. Brady Corbet)

Ron Mieczkowski

Eine Einladung: Sehen Sie diesen Film, ganz unbedingt. Gehen Sie in Ihr liebstes Kino, staunen Sie, was Ihnen von der Leinwand entgegenleuchtet. Freuen Sie sich daran, wie Adrian Brody leidet und liebt, wie sein László Toth an der amerikanischen Gesellschaft (und an sich) zerbricht – alles an seinem Schauspiel ist herrlich. Blinzeln Sie allenfalls kurz, wenn Ihnen die (innen)architektonischen Entwürfe allzu künstlich-intelligent sind. Sie werden Ihnen die Kinofreude nicht verkleinern.

Sobald aber das Pausenstandbild des über dreieinhalb Stunden langen Films mit dem Schriftzug »Intermission« eingeblendet wird und Sie einfach nur einen guten Film gesehen haben wollen – gehen Sie. Gehen Sie an die Kinobar, nehmen Sie sich ein Getränk für den Heimweg mit, und kehren Sie nicht in den Saal zurück. Sie werden sich für immer an einen Film erinnern, der den Migranten und Flüchtlingen nicht nur des 20. Jahrhunderts ein Denkmal gesetzt hat.

Sollten Sie zu den leiderprobten Angehörigen jener Berufe gehören, die kritisieren, redigieren oder lektorieren, oder aber ein Dramaturgieseminar leiten – gehen Sie zurück. In der zweiten Hälfte des Films finden Sie ein Schulbeispiel dafür, wie ein Regisseur ohne jede Not seinen eigenen Film verunglücken lässt. Auf dieses Beispiel werden Sie Ihre Autor:innen etc. noch lange hinweisen können.

Es gibt dort in der zweiten Hälfte eine Szene, die nicht nur metaphorisch überladen ist (ja, es ist die Vergewaltigung!). Als Metapher ließe sich diese Szene wohlwollend übersehen. Weil die letzten Minuten der Erzählung jedoch auf diese Szene zurückkommen, sie zum dramaturgischen Element ausbauen, wird aus einer vielgliedrigen Geschichte von Emigration, Armut, Abhängigkeit und Tod – die Familientragödie der Nebenfiguren. Wir sehen das Ende eines gewiss guten, doch eines völlig anderen Films. Vielleicht wurden die Rollen während der »Intermission« vertauscht?

Glücklich sind die Hastigen, glücklich sind die, die sich nach knappen zwei Stunden der Kamerawunder sattgesehen haben, die noch eine Verabredung haben oder morgen früh raus müssen – ihrem Beispiel sollten wir öfter folgen. Und gehen, wenn es am Schönsten ist.

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