Ein einfacher Unfall

Filmstill aus Ein einfacher Unfall © Les Films Pélleas
Die deutsche Premiere von Jafar Panahis Ein einfacher Unfall fand letzten Oktober auf dem Filmfestival in Hamburg statt – einige Monate nach dem Triumph des Films in Cannes, wo er mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Panahi selbst konnte nicht anwesend sein, richtete sich jedoch in einer vorab aufgezeichneten Videobotschaft an das Publikum. Gedreht an einem Flughafen, wirkte er leicht abgelenkt, sprach die Hamburger Zuschauer:innen aber herzlich an, nur um sich plötzlich selbst zu unterbrechen: Er glaube, er sei womöglich in die falsche Richtung gelaufen.

Für alle, die Panahis Karriere verfolgt haben, war es zutiefst bewegend, den iranischen Filmemacher so frei, so gelassen und guter Dinge zu sehen. Sein Leben und Werk sind seit Jahren von Repressionen durch das iranische Regime geprägt: Haftstrafen (darunter mehrere Aufenthalte im berüchtigten Evin-Gefängnis), Hausarrest, Reiseverbote und ein offizielles Filmverbot. Doch nichts davon hat seinen Willen gebrochen. Immer wieder findet Panahi kreative Wege, die auferlegten Beschränkungen zu umgehen: Er dreht Filme innerhalb der eigenen vier Wände oder lässt sie im Inneren eines Taxis spielen, das durch die Straßen Teherans fährt.

Von den Behörden wurde Panahi häufig beschuldigt, Anti-Regime-Propaganda zu betreiben. Doch erst mit seinem neuesten Film rückt er die Mechanismen staatlicher Gewalt so direkt ins Zentrum wie nie zuvor. Erst im vergangenen Jahr wurde er in Abwesenheit zu einer weiteren Haftstrafe verurteilt – und dennoch hat Panahi angekündigt, in den Iran zurückzukehren zu wollen, um sich dieser Realität zu stellen, statt im Exil zu bleiben.

Ein einfacher Unfall erzählt von einem Mechaniker, der eines Nachts glaubt, in einem Kunden jenen Mann wiederzuerkennen, der ihn einst im Gefängnis gefoltert hat. Unsicher, ob er sich irrt, versammelt er ehemalige Mitgefangene, um die Identität des Mannes zu überprüfen und, falls sich der Verdacht bestätigt, Rache zu nehmen. Die Prämisse ist verstörend und Panahi begibt sich hier in deutlich düsteres Terrain als in vielen seiner früheren Arbeiten. Und doch bleibt seine unverwechselbare Leichtigkeit spürbar. Er bewahrt den Film davor, ins Absurde oder Irreale zu kippen. Besonders die letzte Einstellung verdient besondere Aufmerksamkeit – sie dürfte für die meisten Diskussionen sorgen. Ein einfacher Unfall läuft derzeit in den deutschen Kinos.

Falls ihr es verpasst habt: Lest auch Adam Knowles’ Beitrag über den „geistigen Vater“ der Neuen Rechten sowie den neuesten Text in unserer fortlaufenden Reihe Rise & Fall of the BRD von Simon Strick. Außerdem präsentieren wir diese Woche eine neue Seifenblase von Alexander Schnickmann über einen zeitlosen Klassiker: Moby-Dick.

Schayan Riaz
Redaktionsleiter

Missverstandene Radikale

Adam Knowles

Übersetzt von der Redaktion
(...) Es braucht ein neues Verständnis. Die Neue Rechte versucht weder, faschistisches Denken wiederauferstehen zu lassen, noch pflegt sie neonazistische Bestrebungen. Eine solche Beschreibung verkennt die Natur ihrer Radikalität. Die Neue Rechte lässt sich besser als ein intellektuelles Projekt verstehen, das darauf abzielt, abweichende Denkrichtungen zu identifizieren und wiederzubeleben, die sich zuvor als zu radikal für regierende faschistische Mächte erwiesen haben. Die Neue Rechte beschäftigt sich intensiv mit ihrer eigenen Geschichte und nutzt diese, um faschismusnahe Denkrichtungen zu retten und diesen neues Leben einzuhauchen. Wir, die restliche Gesellschaft, ignorieren die intellektuelle Komplexität dieser Bewegung auf eigene Gefahr.

Imagine Hamas

Simon Strick

(...) Solche Tweets, von denen es hunderte gibt, buchstabieren aus, was in Polizeisperren, Passkontrollen und Verdächtigungsdiskursen seit dem 7.10.2023 angelegt ist: Neukölln sei ein abgeriegelter oder abzuriegelnder Raum, in dem andere Verhältnisse gelten, andere Maßnahmen angewendet werden müssen – ein Gaza 2, ein Freiluftgefängnis, ein Hort des islamistischen Terrors mit Silvesterböllern. Der phantasmatische Raum bietet zahlreiche Möglichkeiten zur weiteren Identifikation an: Neukölln ist Gaza, also ist Deutschland Israel; Migranten sind Hamas, daher sind deutsche Polizistinnen die IDF; Migranten sind antisemitische Terroristen, daher sind Deutsche israelische Juden, und so weiter. Es gibt endlose Möglichkeiten die Silvestersituation, den Clash von Polizei und Jugendlichen, von Deutschen und Migranten, entlang des Phantasmas „Neu-Gaza“ zu lesen und für das eigene Polit- oder Twitterprojekt zu verwenden.

Blubber auf dem Schiffsdeck

Alexander Schnickmann

Dieses Buch ist auch ein Wal. Ich weiß alles über Wale. Vor allem, wie man sie tötet und zerlegt; weiß von der Bedeutung des sperm, eimerweise, kübelweise sperm (ob es dampfte?), nun auch, dass man auf Deutsch Walrat dazu sagt, was mir bedeutend schlechter gefällt. Ich weiß, unmittelbar und zur selben Zeit, dass ich nichts über Wale weiß, die übertriebene Glitschigkeit der Walzeichen und -bilder, von Namen ganz zu schweigen. Hunderte Seiten und keiner ist zu trauen: Ist er ein Fisch oder doch nur ein Gott? Hunderte Seiten einer aussichtslosen Taxonomie. Die Wissenschaften waren mir noch nie geheuer.
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